Detail eines Tora-Wimples um 1749 (aus: "Gestickte Pracht - gemalte Welt" – Städtisches Museum präsentiert Tora-Wimpel) © Städtisches Museum Göttingen Foto: Barbara Eismann

Einzigartige Tora-Wimpelausstellung in Göttingen

Stand: 13.07.2021 15:08 Uhr

Das Städtische Museum Göttingen stellt 18 historische Tora-Wimpel aus. Bis zu 300 Jahre sind die Stoffkunstwerke alt, gerade frisch restauriert und trotzdem äußerst empfindlich.

von Michael Brandt

Möglichst wenig Luftaustausch soll im Städtischen Museum Göttingen herrschen. Denn die Tora-Wimpel, auf Hebräisch "Mappa" genannt, sind empfindlich. Eine konstante Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur sowie wenig Licht - darauf kommt es an, sagt Restauratorin Ada Hinkel. Die Mappot fühlten sich wie eine alte Leinenbluse an, die aber schon öfter getragen wurde. Alle 28 Wimpel der Sammlung, von denen jetzt 18 gezeigt werden, hat Hinkel schon in der Hand gehabt: "Man spürt, dass die Darstellung, die ja gemalt oder gestickt ist, auch was Besonderes für die Familie war. Sie hat da sehr viel Fleiß, Mühe und Gedanken hineingesetzt", erklärt die Restauratorin "und das war für mich etwas Besonderes."

Tora-Wimpel waren eigentlich Wickeltücher

Heimische Blumen aus Süd-Niedersachsen sind zu sehen oder auch Tiere mit religiöser Symbolik. Zum Beispiel der Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine Jungen aus Elternliebe mit Blut zu füttern. Das ist auch im Christentum ein Opfer-Symbol. Dazu finden sich Aufschriften in hebräischer Sprache. Diese seien fast schon standardisiert gewesen, erklärt Andrea Rechenberg, die das Städtische Museum Göttingen leitet: "Da wird erst einmal der Vater vorgestellt, dann der Sohn, sein Geburtsdatum, sein Sternzeichen und dann der Wunsch: Er möge groß werden zur Tora und zur Chuppa. Hinter diesem Wunsch - er möge groß werden zur Tora - steckt die Hoffnung, dass der Junge die Tora studieren wird und sich als gläubiger Jude in die Gemeinschaft einfügt."

Die Chuppa ist der Hochzeitsbaldachin, unter dem aschkenasische Juden, also jene aus Osteuropa und Zentraleuropa, heiraten. Es folgt noch ein weiterer Wunsch, so Rechenberg: "Und er möge natürlich möglichst viele Kinder bekommen. Zum Schluss endet das immer mit Amen und Sela. Sela ist eine Bekräftigungsformel, die nicht eins zu eins zu übersetzen ist."

Repräsentative Funktion für jüdische Familien

Die Tora-Wimpel waren eigentlich Wickeltücher, mit denen jüdische Eltern ihre Kinder nach oder während der Beschneidung einwickelten - oder die Tücher bei dem Ritual unter das Kopfkissen legten. Zunächst waren es also auch praktische Stücke. War der Junge dann aber ein bis drei Jahre alt, gingen Vater und Sohn mit dem Wimpel gemeinsam in die Synagoge.

"Wenn er der Windel entwachsen war, brachte er dann seinen Tora-Wimpel mit in die Gemeinde", erklärt Historikerin Rechenberg die Zeremonie. "Und in dem Moment fasste er auch das erste Mal die Tora an und dann blieb der Wimpel auch dort. Das war ja auch ein symbolischer Akt: Ja, ich gehe in diese Gemeinde, ich füge mich in diese Gemeinde ein und möchte aktives Mitglied dieser Gemeinde sein." Die Gemeinde nimmt ihn schließlich auf, indem sie den Wimpel annimmt und für ihn aufbewahrt.

Der älteste Tora-Wimpel stammt aus dem Jahr 1690

Innerhalb der jüdischen Gemeinden hatten die Wimpel auch eine repräsentative Funktion für die Familien, die sie stifteten. Der Brauch war vor allem unter aschkenasischen Juden verbreitet. Ende des 19. Jahrhunderts kam er dann aber außer Mode. Die jüdischen Familien spendeten daher einige Tora-Wimpel ihrer Vorfahren an das Städtische Museum. "Das Besondere an unserer Sammlung ist die Geschlossenheit", sagt Rechenberg. "Dass sie einmal sehr früh ins Museum gekommen ist. Dann haben wir diesen großen Bestand aus Adelebsen, die aus einer Gemeinde kommen. Dazu können wir noch zu jedem Wimpel sagen, wem er gehört hat, aus welcher Familie er stammte. Und das ist tatsächlich einmalig."

Der älteste Wimpel ist aus dem Jahr 1690. Sogar international gebe es Interesse. Und so befindet sich einer der Wimpel aus der Museumssammlung heute in Kanada. Es ist die Mappa von Rafael Hahn aus dem Jahr 1831. Sein Urenkel Michael Hayden lebt in Vancouver. Bei einem Besuch in Göttingen 1986 sah er den Wimpel seines Urgroßvaters. Sofort fühlte er eine Verbundenheit mit diesem Stück Stoff. "Es war etwas, in das mein Urgroßvater eingewickelt war. Und das lag damals tief in den Magazinen des Städtischen Museum in Göttingen", so Hayden.

Wimpel erzählen persönliche Geschichten

Doch einfach war es für ihn nicht, den Wimpel nach Kanada zu bekommen. Das Museum lehnte zunächst ab. Museumsdirektorin Rechenberg bezeichnet den Vorgang aus heutiger Sicht als eine ganz schräge Geschichte, die sich damals abspielte: "Heute kommt es uns nicht darauf an, eine bestimmte Anzahl zu haben, sondern Objekte zu haben, bei denen wir wissen, wo sie herkommen und welche Geschichte sie erzählen." In den achtziger Jahren hingegen hat der damalige Oberbürgermeister noch kurzerhand selbst einen Ersatzwimpel besorgt - auf eigene Kosten. Der Ersatzwimpel allerdings passt heute gar nicht in die Sammlung. Er ist von 1943 und kommt aus der Schweiz. Aber erst nach Erhalt dieses Ersatzwimpels schickte das Museum Michael Hayden die Mappa seines Urgroßvaters.

"Es war etwas, in das mein Urgroßvater eingewickelt war."

"Der Wimpel kam genau an dem Tag an, an dem meine Tochter geboren wurde, die in Andenken an ihren Ur-Urgroßvater Jessica Rafaela heißt", erinnert sich Hayden heute. Inzwischen wurde übrigens auch ein Ur-Ur-Enkel geboren. Dieser heißt Rafael und ist etwa fünf Monate alt. Familiengeschichte ist Hayden wichtig. Gerade stellt er die Sammlung jüdischer Kult-und Gebrauchsgegenstände seiner Großeltern im Holocaust Education Center in Vancouver aus. Dort ist auch die Mappa seines Urgroßvaters zu sehen. Auch wenn sie die kanadische Ausstellung schon bald kurz verlassen muss. "In etwa zwei Wochen haben wir eine Namensgebungszeremonie hier in Vancouver und Rafael wird genau in den Stoff gewickelt sein, in den sein Ur-Ur-Großvater im frühen 19. Jahrhundert eingewickelt war", so Hayden. "Das gibt die Hoffnung, dass trotz allem, was passiert ist, wir überlebt haben und dass die Tradition und Kultur auch weiterhin überleben."

Die Großeltern von Michael Hayden wurden in der Shoa ermordet. Seinem Vater gelang die Flucht. Den Wimpel seines Urgroßvaters würde Hayden heute dem Museum in Göttingen sogar ausleihen. Solche Ausstellungen förderten Toleranz und das sei ihm wichtig, sagt er. Das passt auch zu dem, was sich Museumsdirektorin Rechenberg erhofft: "Wir möchten einfach für ein vorurteilsfreies Miteinander auch mit unserem Sammlungsbestand werben."

Die Ausstellung "Gestickte Pracht und gemalte Welt" im Städtischen Museum Göttingen ist Teil des Jubiläumsjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Der Eintritt ist frei.

Einzigartige Tora-Wimpelausstellung in Göttingen

Das Städtische Museum Göttingen stellt 18 historische Tora-Wimpel aus. Bis zu 300 Jahre sind die Stoffkunstwerke alt.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Ritterplan 7/8
37073  Göttingen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 08.07.2021 | 06:40 Uhr