Stand: 16.06.2020 17:21 Uhr  - NDR Kultur

Schlingensief in Braunschweig: Erinnerungen an den Künstler

von Janek Wiechers

In diesem Sommer jährt sich der Tod von Christoph Schlingensief zum zehnten Mal. Am 21. August 2010 starb der Allroundkünstler an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung. Der für seine provokanten, oft politischen Aktionen, Filme und Theaterarbeiten bekannte Schlingensief wurde gerade mal 49 Jahre alt. Als er starb, war der Künstler neben seinen vielen anderen Verpflichtungen auch Professor an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig - und leitete dort den Lehrstuhl "Kunst in Aktion". An die intensive Zeit mit ihrem Lehrer erinnern jetzt in Braunschweig ehemalige Studierende Schlingensiefs bis in den Herbst hinein mit Ausstellungen und Veranstaltungen. 

Bild vergrößern
Christoph Schlingensief, hier 2009 bei der Eröffnung des Berliner Theatertreffens, starb im August 2010.

"Die Leute, die wollen auch was Eigenes verfolgen. Und die brauchen da nicht den Papa Christoph oder sowas, der ihnen mal sagt, wie das richtig geht. Weil davon halte ich gar nix. Ich will die eher verführen zu Lust und zu Eigenständigkeit. Im Sinne von, dass sie das immer schon waren, dass man ihnen das nur abgewöhnt hat." Das sagte Christoph Schlingensief in einem Interview aus dem Jahre 2006, als er zunächst zum Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste, HbK in Braunschweig berufen wurde - kurz vor seinem Tod wurde er dort dann auch ordentlicher Professor.

Schlingensief - Ausleben der künstlerischen Impulse

An der HbK ermutigte Schlingensief seine Studentinnen und Studenten kompromisslos, ihre ureigenen künstlerischen Impulse auszuleben. Und er ließ sie teilhaben, beobachten, wie er selbst seine Kunst entwickelte. "Ich habe eigentlich auch Unis immer verachtet. Ich habe in München versucht zu studieren, ich fand das eine ganz fürchterliche Veranstaltung. Am meisten gelernt habe ich immer in den Arbeitssituationen anderer", sagte Schlingensief damals.

Kino-Dokumentarfilm über Christoph Schlingensief

Bettina Böhler versucht, im Filmporträt "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien" den Künstler in seiner ganzen Bandbreite zu zeichnen. Start: 20. August.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Ermutigung zum radikalen Selberdenken und Handeln

Er wollte dabei aber kein Hochschullehrer sein, der andere zum bloßen Nachahmen anregt, sondern zum radikalen Selberdenken und Selberhandeln bewegen. Die Künstlerin Franziska Pester erinnert sich: "Wir waren mit ihm an verschiedenen Orten und haben überall mit anpacken und hinter die Kulissen gucken dürfen. Zum Beispiel in der Volksbühne in Berlin, und in Wien am Burgtheater. Ich habe hauptsächlich Erinnerungen, die irre Bilder bei mir wieder hervorrufen."

Vor zehn Jahren war sie Teil der Schlingensief-Klasse der HbK Braunschweig. Das Studium bei Schlingensief sei eine ausgesprochen beeindruckende Zeit gewesen, sagt die Kunst- und Theaterpädagogin. Zusammen mit anderen aus der Schlingensief-Klasse hatte sie deshalb die Idee, zehn Jahre nach dem Tod des für sie so prägenden Lehrers Ausstellungen und Veranstaltungen zu organisieren.

Zu sehen ist im Städtischen Museum Braunschweig vom 11. Junis bis zum 27. September zunächst experimentelle Filmkunst: "Wir präsentieren Erinnerungsfragmente der Klasse Schlingensief mit einem Werk von Tobias Dostal auf Echtfilmprojektoren. Und man kann Malte Struck erleben mit einem eigenen Animatographen, einer Seelenschreibermaschine, wo man sich in die Bilder hineinbegibt - also so, wie Schlingensief als Professor uns schon befähigt hat, sich mit Bildern zu beschäftigen, so tun wir das auch hier in der Ausstellung."

Bild vergrößern
Im August kommt ein Dokumentarfilm von Bettina Böhler über ihn ins Kino: "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien".

Außerdem geben Architekturskizzen und Fotografien Einblick in Schlingensiefs Operndorf-Projekt in Afrika. Die Klasse ist heute längst in alle Winde zerstreut. Die einstigen Schlingensief-Studenten arbeiten als Filmemacher, Performer oder als Krankenpfleger. Vergessen habe Schlingensief niemand von ihnen: "Seine Meister, die wird man ja nicht los. Und wir projizieren natürlich auch auf Christoph. Total. Der fehlt! Und das wird uns klar - und deswegen ist es toll, sich noch mal zu treffen und gemeinsam zu erinnern", sagt Pester.

Der Mut, künstlerische Grenzen zu überschreiten

Was sie bis heute beeindruckt, sei der Mut Schlingensiefs, künstlerische Grenzen zu überschreiten, sein unbedingter Glaube an die Sache und die politische Kraft seiner Kunst. Diese kämpferische Haltung vermisst Pester bei vielen Künstlern heutzutage. Das ganzheitliche Kunstverständnis Schlingensiefs versucht sie deshalb weiter in die Welt zu tragen: "Ich glaube, ich trage den Mut weiter zu frechen Aktionen. Ich finde, man muss weitermachen. Also, das ist wirklich eine abgefahrene Bilder-, Film- und Theaterwelt. Da konnte ich eigentlich alles lernen, was ich jetzt brauche, um zum Beispiel auch so eine Ausstellung hier auf die Beine stellen zu können."

Der Künstler Christoph Schlingensief © picture alliance/ dpa Foto: Jens Kalaene

"Wir haben Schlingensief immer sehr nah erlebt"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Künstlerin Franziska Pester erinnert sich zehn Jahre nach dem Tod Christoph Schlingensiefs an ihre intensive Zeit an der HbK Braunschweig mit Professor Schlingensief.

5 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Im August stellen weitere - insgesamt 15 - ehemalige Schlingensief-Studierende bei einem zweitägigen Open-Air-Festival ihre Erinnerungsarbeiten aus. Organisiert hat die Schau Henrike Wenzel - zu Schlingensiefs Zeit ebenfalls Studentin an der HbK Braunschweig: "Das ist einfach eine sehr, sehr intensive Erfahrung. Dass die kurze Zeit mit Christoph Schlingensief doch sehr viel Spuren hinterlassen hat. Und sie hat uns alle und unseren Blick auf Kunst stark geprägt."

Der Ausstellungsreigen, der nun im Städtischen Museum Braunschweig gestartet ist, trägt den Titel "Projizieren Sie selbst!". Im September gibt es zudem ein Podiumsgespräch zum Operndorf. Im Oktober zeigen heutige Studierende der HbK Braunschweig im Allgemeinen Konsumverein Braunschweigs ihre künstlerisch-utopischen Ideen - ganz im Geiste Schlingensiefs.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 16.06.2020 | 15:20 Uhr

Mehr Kultur

68:40
NDR Info

Sumatra

NDR Info