Stand: 18.07.2020 06:17 Uhr  - NDR Kultur

Dan Perjovschi: Zeichnungen voller Energie

von Helgard Füchsel

Der rumänische Künstler Dan Perjovschi zieht seit Tagen in Oldenburg die Aufmerksamkeit auf sich: Er macht sich mit einem Stift an der Fassade des Horst-Janssen-Museums zu schaffen. Nun ist im Museum eine Ausstellung mit Perjovschis Werken zu sehen. Sie trägt den mehrdeutigen Titel "Drawing Your Attention" - übersetzt bedeutet das "die Aufmerksamkeit auf sich ziehen" und auch "die Aufmerksamkeit zeichnen".

Autofahrer rauschen vorbei am Oldenburger Horst-Janssen-Museum. Ganz oben an der Glasfassade steht weithin sichtbar in großen Buchstaben "single use", also "Einweg" - darunter eine Mund-Nasen-Maske und ein Globus, mit nur wenigen Strichen gezeichnet. Maske und Planet, die Erde als Wegwerfartikel. Dan Perjovschi hat die ganze Glasfassade mit Strichmännchen, Wortspielen und plakativen Zeichnungen versehen - für jeden sichtbar. Aber erst wer etwas länger hinsieht, entdeckt den Witz und das Zweideutige. Dan Perjovschi kommentiert Aktuelles, wie die Lebensweise mit Corona oder den Klimawandel. Oft zeichnet er mit abwischbarem Filzstift oder Kreide. Es ist eine vergängliche Kunst. "Viele meiner Zeichnungen kommen aus dem Alltäglichen", sagt der Künstler. "Sie müssen wieder verschwinden, weil neue Geschichten hereinkommen. So passe ich mich an die Situation an - in meinem Land, in Europa und in der Welt, seit 30 Jahren."

Wunsch nach etwas Radikalerem

Die Fassade des Horst-Janssen- Museums wirkt jetzt wie von Schülern vollgekritzelt. Dabei hat der fast 60-jährige Künstler in Bukarest Malerei studiert. Die akademische Malweise gefiel ihm aber nicht. "Ich war nicht glücklich mit dem, was ich tat", erzählt er. "Das war nicht für die Menschen, die um mich herum lebten. Ich brauchte etwas Schnelleres und in gewisser Weise Radikaleres. Und nach dem Umbruch in meinem Land habe ich mich der neuen Freiheit der Presse angeschlossen, den Medien, im Speziellen der gedruckten Zeitung. Meine Kunst hat sich dadurch verändert." 

Hinter den Zeichnungen steckt jahrzehntelange Arbeit

Seit 30 Jahren arbeitet der Künstler außerdem als Journalist und Illustrator bei der unabhängigen Wochenzeitschrift "Revista 22". Seine Arbeiten sind mittlerweile international gefragt, ob in London, New York oder Hamburg. Hinter seinen scheinbar simplen Zeichnungen stecke jahrzehntelange Arbeit, sagt die Museumsdirektorin Jutta Moster-Hoos: "Wir denken an Picasso, der natürlich auch den Stier, den er sein Leben lang gezeichnet hat, mit vier Strichen aufs Papier bannen konnte. Und es war ganz klar, dass es ein Stier ist und es war ganz klar, dass er von Picasso sein musste, weil man die Geste erkennt."

Schwungvolle Linien auf Papier und an der Museumswand

Im Ausstellungsraum des Museums hängen jetzt aktuelle und auch frühere Werke des Künstlers, teilweise aus der Zeit der Diktatur in Rumänien. Auf einem großformatigen Blatt sind mit feinen Linien menschliche Gesichter gezeichnet. Sie wirken wie ein Drahtgeflecht, in dem sich niemand rühren kann. Dieses Werk sei durch die Zensur gekommen, weil es nicht eindeutig zu verstehen gewesen sei. "Als Künstler braucht man eine Strategie, um trotzdem arbeiten zu können und trotzdem das zu Papier oder auf die Leinwand zu bringen, was einen umtreibt", sagt Jutta Moster-Hoos. "Ohne in Verdacht zu geraten und ohne der Zensur zum Opfer zu fallen". Inzwischen habe der Künstler die Freiheit, das zu tun, was er wolle.

Eine Freiheit, die er nicht durch Bilderrahmen einschränkt. Ein paar Werke hat Dan Perjovschi mit schwungvollen schwarzen Linien auf Zeitungspapier gezeichnet, und nicht nur auf das Papier, sondern auch noch darüber hinaus auf die Wand im Museum. Eine erfrischende Kunst voller Energie. 

Dan Perjovschi: Zeichnungen voller Energie

Auf den ersten Blick wirken sie wie Kritzeleien, doch hinter den Werken von Dan Perjovschi steckt jahrelange Arbeit. Der rumänische Künstler stellt jetzt im Oldenburger Horst-Janssen-Museum aus.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Horst-Janssen-Museum Oldenburg
Am Stadtmuseum 4-8
26121  Oldenburg
Telefon:
(0441) 235-2885
E-Mail:
info@horst-jansson-museum.de
Preis:
3,50 Euro (ermäßigt 1,50 Euro)
Öffnungszeiten:
dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr
Kartenverkauf:
Corona-bedingt müssen Karten für die Ausstellung vorab telefonisch oder per E-Mail bestellt werden.
Hinweis:
Die Eröffnung findet am Freitag, 17. Juli, statt: Zwischen 18 und 22 Uhr können Besucher sich die Ausstellung ansehen und bei einem Getränk mit dem Künstler, der Kuratorin und dem Museumsteam ins Gespräch kommen.
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 17.07.2020 | 14:20 Uhr

Horst Janssen, 1992. © picture-alliance/dpa Foto: Uwe Zucchi

Horst Janssen: Exzessives Leben - expressive Kunst

Horst Janssen lebte exzessiv, galt als Frauenheld, Rauf- und Saufbold, saß wegen Mordverdachts in U-Haft - und war ein Vollblutzeichner. Ein Porträt über einen kontroversen Künstler. mehr

Schloss Oldenburg © Fotolia.com Foto: fotobeam.de

Oldenburg: Sehenswürdigkeiten aus 500 Jahren

Schloss, Kneipenmeile, Horst-Janssen-Museum: Oldenburg bietet Sehenswürdigkeiten aus fünf Jahrhunderten. Im Umland lohnt ein Ausflug in den Naturpark Wildeshauser Geest. mehr