Stand: 18.09.2020 14:20 Uhr

Bilder einer Freundschaft: Macke und Thuar in Stade

von Anina Pommerenke

Vor einigen Jahren feierte der französische Film "Ziemlich beste Freunde" große Erfolge an den Kinokassen. Im Fokus: die rührende und auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Mann, der querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, und seinem Pfleger. "Ziemlich beste Freunde" ist jetzt auch der Titel einer neuen Ausstellung im Kunsthaus Stade. Sie setzt sich mit der besonderen Freundschaft der beiden expressionistischen Künstler Hans Thuar und August Macke auseinander. Und ja, gewisse Ähnlichkeiten zur Kino-Vorlage sind nicht von der Hand zu weisen.

Die Kuratorin der Ausstellung "Ziemlich beste Freunde" im Kunsthaus Stade Ina Ewers-Schultz vor einem Bild August Mackes © NDR Foto: Anina Pommerenke
Ina Ewers-Schultz ist die Kuratorin der Ausstellung.

Das Konzept der Ausstellung "Ziemlich beste Freunde" im Kunsthaus Stade folgt einem biografischen Ansatz: Die Freundschaft von August Macke und Hans Thuar beginnt 1897, als die beiden zehn Jahre alt sind und sich als Nachbarsjungen in Köln anfreunden, erzählt Kuratorin Ina Ewers-Schultz: "Das ganz Besondere an dieser Freundschaft ist eigentlich, dass sie seit Kindertagen so lange gehalten hat, über unheimlich schwierige Zeiten hinweg. Hans Thuar verlor mit 11 Jahren seine beiden Beine - und August Macke gab ihm den Lebensmut zurück."

Bei einem Unfall mit der Straßenbahn verliert Hans Thuar seine Beine, ist sein Leben lang an einen Rollstuhl gefesselt, leidet unter schweren körperlichen und psychischen Folgen, die er ohne seinen Freund Macke nicht überstanden hätte. "Er geht als Elfjähriger jeden Tag ins Krankehaus, um den Freund aufzumuntern, ihm Fantasiegeschichten zu erzählen, mit ihm zu malen, Karikaturen zu malen. Er übt hinterher mit ihm das Prothesenlaufen - eine Situation, die den kleinen Thuar,  der eigentlich jeden Lebenswillen verloren hat, sehr überfordert."

Gemeinsames Interesse für Kunst

Graphic Novel der Künstlerin Yuka Masuko über Hans Thuar und August Macke © NDR Foto: Anina Pommerenke
Die japanische Zeichnerin Yuka Masuko hat eine Graphic Novel über die Künstlerfreundschaft gestaltet.

Außerdem verbindet die beiden schon seit frühster Kindheit ein besonderes Interesse für die Kunst. Davon zeugen zahlreiche Skizzen und Karikaturen in der Ausstellung. Schon als Jugendliche wagen sich beide an erste Ölgemälde. Während Thuar mit seinem Rollstuhl eher einen kleinen Bewegungsradius hat, ist Macke viel auf Reisen. Thuar widmet sich zunächst Naturstudien und malt Totenmasken, während Macke inspiriert vom französischen Impressionismus trubelige, bunte Szenen abbildet. Persönliche Treffen der beiden werden seltener, doch sie pflegen einen regen Austausch per Brief, der sich auch in der Kunst niederschlägt: "Da sieht man natürlich auch eine Ähnlichkeit in den Interessen: gleiche Inspirationsquellen in der französischen Kunst, die weiter verarbeitet werden."

Das verdeutlicht die Kuratorin, indem sie immer wieder Bilder der beiden Maler nebeneinander hängt, denen gleiche Themen, Farben und Sujets zugrunde liegen. So bringt Ewers-Schultz etwa ein Öl-Gemälde von Thuar, auf dem ein gefällter Baum zu sehen ist, mit einer Zeichnung von Macke zusammen, die im Zirkus gestürzte Künstler zeigt: "Verletzlich sein. Zeigen, wie fragil der menschliche Körper ist - was Thuar ja auch erfahren hat - wie sich das Leben von einen auf den anderen Tag komplett ändert. Oder bezogen auf den freien Künstler: Wie schwierig es ist, die Bilder zu verkaufen, weil keiner sie versteht."

Graphic Novel verbildlicht die Freundschaft Mackes und Thuars

Museumsdirektor Sebastian Möllers des Kunsthauses Stade © NDR Foto: Anina Pommerenke
Museumsdirektor Sebastian Möllers erklärt die Idee hinter der Graphic Novel.

Die Einflüsse Mackes auf Thuar werden noch lange nach dessen Tod deutlich: August Macke fällt wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs - ein tiefer Rückschlag für Thuar. Doch später werden Kinder der beiden heiraten. Aus der Freundschaft wird Familie. Gemeinsame Fotos der beiden gibt es leider nicht, erklärt Museumsdirektor Sebastian Möllers, weshalb er bei der japanischen Zeichnerin Yuka Masuko eine Graphic Novel in Auftrag gegeben hat: "Wir haben ihr Bilder aus der Zeit zusammengestellt, Fotos der beiden und eine ganze Menge an Zitaten. Mit diesem Material hat sie gearbeitet, um die Geschichte der beiden jungen und später jungen Erwachsenen zu illustrieren."

"Ziemlich beste Freunde" ist die erste Ausstellung, die diese außergewöhnliche Künstlerfreundschaft in den Fokus stellt. Die "vereinte Familie" Macke-Thuar hat dafür zahlreiche Exponate zur Verfügung gestellt, wie Staffeleien, Brillen, Holzschnitzereien. Einige Bilder, die als verschollen geglaubt waren oder sich in Privatbesitz finden, sind erstmalig zu sehen. Vor allem die oberen Ausstellungsstockwerke laden ein, das hochexpressive, farbenkräftige und teils auch experimentelle Werk Thuars zu entdecken.

Bilder einer Freundschaft: Macke und Thuar in Stade

Unter dem Titel "Ziemlich beste Freunde" zeigt das Kunsthaus Stade Arbeiten und Zeugnisse der Freundschaft der beiden Expressionisten August Macke und Hans Thuar.

Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthaus Stade
Wasser West 7
21682Stade
Öffnungszeiten:
Di, Do, Fr 10 - 17 Uhr
Mi 10 - 19 Uhr
Sa und So 10 - 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.09.2020 | 06:40 Uhr