Stand: 06.11.2018 11:14 Uhr

Ausstellung "The Kazakhstan Project" in Hannover

von Agnes Bührig

Was prägt heute die Identität der einstigen Sowjetrepublik Kasachstan, mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion? Antworten auf diese Frage sucht die Ausstellung "The Kazakhstan Project", die ab Donnerstag in der Galerie für Fotografie in Hannover zu sehen ist.

Nebeneinander von Tradition und Moderne

Kultureller Bruch mitten in der Steppe

Woran macht sich die kasachische Identität fest, wie spiegelt sich die Transformation der Gesellschaft in Kasachstan kulturell wider? Fotograf Dieter Seitz beantwortet die Fragen mit einem Foto aus der Hauptstadt Astana: Hinten ragt ein massives Gebäude im sowjetischen Zuckerbäckerstil in den Himmel, das nach dem Fall der Sowjetunion errichtet wurde, vorne stehen Jurten, die traditionellen Filzzelte der Nomaden, dazwischen läuft ein Bauarbeiter mit bloßem Oberkörper durchs Bild.

"Sehr viele der Gebäude in Astana sind Kopien irgendwelcher Stile", erklärt Seitz. "Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Es gibt auch schon Gebäude, die eine hohe Originalität haben. Norman Forster ist unter anderem als Stararchitekt engagiert worden. Er hat einige sehr interessante, prägnante Bauten errichtet, die aber dennoch für mein Gefühl fremd wirken, weil es mitten in der Steppe ein riesen kultureller Bruch zu dem ist, was sich ringsherum befindet."

Gegensätze der Gegenwart

Das Bild umreißt auf prägnante Weise die Gegensätze der Gegenwart: eine Architektur der Nachwendezeit, die auf die Sowjetära verweist, die traditionellen Zelte der Nomaden und ihre Verbundenheit mit der Natur, die über ein riesiges Landschaftsplakat auf dem Bauzaun im Vordergrund des Fotos transportiert wird. Als er Kasachstan zwischen 2014 und 2016 bereiste, waren diese Naturbildinszenierungen auf Bretterzäunen vor Baustellen überall in Astana zu sehen, auf staatliche Anordnung, sagt Dieter Seitz. "Ich glaube, das ist die Rückbesinnung auf die Natur, weil es in der Stadt lauter Hochhäuser und keine Natur gibt. Die Kasachen kommen aus der Natur und lieben die Weite - das ist ihre Geschichte, das sind ihre Traditionen und ihre Wurzeln. Nun hocken sie in den Städten. Ein Thema des Bildes ist auch: Wo sind sie heute angekommen, die Nomaden?"

Zivilisations- und Umweltkonflikte

Immer wieder jongliert Dieter Seitz mit dem Nebeneinander von Tradition und Moderne. Etwa wenn er einen alten Mann auf einer Bank am Rande einer Brache von hinten zeigt, dessen Blick auf klobig aufragende Plattenbauten in der Ferne gerichtet ist, der Kasachen in Businesskleidung zeigt, die mit ihren Smartphones die Schönheit einer malerischen Landschaft einfangen und sich so scheinbar ihrer Herkunft versichern. Inspiriert wurde Dieter Seitz dazu auch durch die Literatur. "Einer der ganz wichtigen Autoren ist Tschingis Aitmatow gewesen für mich", erzählt Seitz. "Er ist Kirgise, aber hat über die Steppe und vor allem über die kulturellen Umbrüche in diesen Ländern geschrieben, über die großen Zivilisationskonflikte, auch über die Umweltkonflikte. Noch zu Zeiten der Sowjetunion ist er ein ganz engagierter Schreiber gewesen. Das hat mich fasziniert und daran habe ich mich erinnert."

Behutsam dokumentarischer Blick aufs neue Kasachstan

Buch-Tipp

Auf den Spuren ehemaliger Nomaden

Erst im Dezember 1991 erklärte die Republik Kasachstan ihre Unabhängigkeit. Der Bildband "Nomads Land" von Dieter Seitz zeigt eine Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. mehr

Umbruch und Transformation - Themen, die den Mittsechziger schon beschäftigten, bevor er sich vor acht Jahren ganz der Fotografie widmete: Dieter Seitz ist promovierter Soziologe, untersuchte, wie sich die Arbeitswelt verändert, was das mit den Menschen macht. Davon zeugen auch die Bilder des gebürtigen Stuttgarters, die trotzig dreinblickende Männer vor karger, heruntergekommener Sowjetarchitektur zeigen - genauso wie ausgelassene junge Erwachsene in westlicher Haute Couture.

Sich ihnen zu nähern, war jedoch zunächst eine Herausforderung. "Es hat sich am Anfang als extrem schwierig erwiesen, in Kasachstan zu fotografieren, weil die Leute nicht fotografiert werden wollen. Teilweise sind sie diesbezüglich ganz schön renitent, weil sie sich fragen: Wohin wandern anschließend die Fotos? Das ist für europäische Maßstäbe ungewohnt." Doch Dieter Seitz hat es geschafft, das Vertrauen der Kasachen zu gewinnen, und bietet mit "The Kazakhstan Project" einen behutsamen dokumentarischen Blick auf das neue Kasachstan - zwischen Steppe und Stararchitektur.

Ausstellung "The Kazakhstan Project" in Hannover

Die einstige Sowjetrepublik Kasachstan steht im Mittelpunkt einer Ausstellung in Hannover. Fotograf Dieter Seitz zeigt eindrücklich, was die Identität in dem Staat prägt.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Galerie für Fotografie
Seilerstraße 15 d
30171  Hannover
Telefon:
(05 11) 89 97 73 13
E-Mail:
galerie@gafeisfabrik.de
Preis:
Der Eintritt ist frei
Öffnungszeiten:
Die Galerie ist donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.11.2018 | 19:00 Uhr

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