Stand: 16.07.2019 11:30 Uhr

Ausstellung: Sprengel Museum zeigt Raubkunst

von Agnes Bührig

Woher stammen die Bilder in Kunst-Sammlungen des 20. Jahrhunderts in Hannover? Diese Frage der Provenienzforschung nimmt jetzt die neue Ausstellung "Verfemt - gehandelt" imSprengel Museum Hannover in den Blick. Im Mittelpunkt: der bisher wenig bekannte Kunstsammler Conrad Doebbeke, der der Landeshauptstadt Hannover nach dem Krieg zu mehr als 100 Bildern der Moderne verhalf.

Bilder aus der Ausstellung im Sprengel Museum

Ein Paar in mittleren Jahren, das etwas zu betrachten scheint. Er in massiger Körpergestalt, mit Schlips und Hut, eine Zigarette zwischen den Fingern, sie grazil mit Pelz und schwarzem Ausgehtäschchen unter dem nackten Arm. "Liebespaar" heißt das Aquarell von Karl Schmidt-Rottluff, dessen Werke von den Nationalsozialisten als sogenannte entartete Kunst verfemt wurden. Eine höchst krude Kategorie, die auch schon bei den Nationalsozialisten selbst für Widersprüche gesorgt habe, sagt die Kuratorin der Ausstellung im Sprengel Museum Hannover, Annette Baumann. "Sie haben in Werken feindliche Tendenzen, kulturbolschewistische Tendenzen gesehen oder bei Frauenakten eine degenerierte Art der Darstellung. Die Farbgebung war zu exzentrisch, zu exaltiert. Es ist heute auch für die Forschenden sehr schwierig einzuordnen, was unter den Nationalsozialisten als entartet galt. Und es ist auch unterschiedlich, was in den verschiedenen Museen Deutschlands beschlagnahmt wurde."

Bilder aus der Sammlung des Berliner Kunstsammlers Conrad Doebbeke

Journal-Gespräch
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"Doebbeke war auf 'Entartete Moderne' spezialisiert"

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Die Provenienzforscherin Annette Baumann ist dem Kunstsammler Conrad Doebbeke auf der Spur und kuratiert die "Sammlung Doebbeke", die nun im Sprengel Museum eröffnet wird. mehr

Diesen Unterschieden trägt die Ausstellung "Verfemt - gehandelt" im Sprengel Museum Hannover Rechnung, indem rund 60 ganz unterschiedliche, wichtige Künstlerinnen und Künstler der Moderne gezeigt werden, darunter Corinth, Nolde und Modersohn-Becker. Die Schau repräsentiert über 100 Bilder aus der Sammlung des Berliner Kunstsammlers Conrad Doebbeke, die der Jurist und Kaufmann der Stadt Hannover nach dem Krieg verkaufte. Mit ihnen sollten die dezimierten Bestände in den Museen wieder aufgefüllt werden. Doch wer war dieser Kunsthändler, der zeitweise NSDAP-Mitglied war? "Conrad Doebbeke wurde in Gelsenkirchen geboren", fasst Annette Baumann, das, was man bislang über den Mann weiß, zusammen. "Er stammt aus einer Gastronomie- oder Hoteliersfamilie und kam durch seine Geschäftstüchtigkeit in den 1920er-Jahren zu Geld. Er studierte Jura, war im Baugeschäft, im Holzhandel tätig und widmete sich ab 1929 der Kunst."

Weitere Informationen über das Ehepaar Conrad und Elsa Doebbeke gesucht

Seit 2008 gibt es bei der Landeshauptstadt Hannover eine Stelle für Provenienzforschung. Annette Baumann erforscht dort, welchen Weg die Kunstwerke genommen haben, über Enteignungen von jüdischen Eigentümern etwa, die eine Rückgabe erfordern, wie es internationale Übereinkommen wie die Washingtoner Erklärung von 1998 vorsehen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit jetzt einmal der Öffentlichkeit zu präsentieren, erhöhe die Transparenz ihrer Arbeit, sagt sie. "Ich möchte die Öffentlichkeit teilhaben lassen", so Annette Baumann. "Die Forschungsergebnisse zur Biografie von Conrad Doebbeke sind für alle an der Wand nachzulesen. Auch, um vielleicht das Erinnerungsvermögen des einen oder anderen zu aktivieren. Vielleicht gibt es in privaten Nachlässen noch Informationen über das Ehepaar Conrad und Elsa Doebbeke."

Ausstellung: Sprengel Museum zeigt Raubkunst

Das Sprengel Museum Hannover zeigt Ergebnisse seiner Provenienzforschung in einer Ausstellung. Im Fokus stehen Bilder des Sammlers Doebbeke, die er nach 1945 an die Stadt verkaufte.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
0511/168 - 4 38 75
E-Mail:
Sprengel-Museum[at]Hannover-Stadt.de
Preis:
7 Euro, ermäßigt 4 Euro. Freitags freier Eintritt
Hinweis:
Öffnungszeiten:
Montag geschlossen 
Dienstag 10 - 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr

Am 31. Oktober geschlossen.
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Dieses Thema im Programm:

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