Carl Haenlein © dpa/dpaweb Foto: Holger Hollemann

"Als großer Meister hat Joseph Beuys sich nie gegeben"

Stand: 12.05.2021 15:22 Uhr

1975 machte der Aktionskünstler Joseph Beuys Station in Hannover. Der damalige Kurator der Kestner Gesellschaft, Carl Haenlein, gerade ein Jahr im Amt, traute sich, dem umstrittenen Künstler eine große Einzelausstellung zu widmen.

Carl Haenlein © dpa/dpaweb Foto: Holger Hollemann
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Herr Haenlein, was hat Sie seinerzeit dazu gebracht, Joseph Beuys nach Hannover zu holen?

Carl Haenlein: Die Frage ist einfach beantwortet: eine überragende Kunst, die ich schon zu meiner Zeit als Student in München und in Paris verfolgt habe, so nah es nur ging. Und als ich diesen Job hier übernommen habe - was, ihr habt noch keinen Beuys gemacht? -, war es vollkommen klar, dass ich am Anfang meiner Tätigkeit einen Schwerpunkt mit Joseph Beuys haben werde. Er war sofort einverstanden, und die Hannoveraner waren begeistert. Er hat wie immer auf Teufel komm raus signiert. Da entstand eine Beziehung.

Wie war denn der große Meister, zu dem er heute vielleicht auch verklärt wird?

Haenlein: Als großer Meister hat er sich nie gegeben. Er war sehr menschenfreundlich, großzügig und zu allen Schandtaten bereit. Als es dann soweit war, das ich mit der zweiten Beuys-Ausstellung nach Moskau wollte, da war er leider schon tot. Aber seine Frau Eva hat mir gesagt, dass er sich darüber sehr gefreut hätte. Und so wurde das ein großer Erfolg.

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Bleiben wir noch kurz in Hannover: Beuys war immer auch ein Enfant terrible, ein gewisser Provokateur. Fühlte sich Hannover seinerzeit provoziert durch diesen Mann, der da irgendetwas mit Filz und Fett machte?

Haenlein: Ich glaube nicht - mit Ausnahme des Hannoveraner Korrespondenten der "Frankfurter Allgemeine Zeitung", der Beuys, glaube ich, nicht ausstehen konnte. Aber die Hannoveraner haben sich gut mit ihm verstanden, was man am Abend Eröffnung deutlich studieren konnte. Er hat Plakate und Kataloge signiert - zu meiner Freude, denn jeder verkaufte Katalog war eine Einnahme, die damals für die Kestner-Gesellschaft sehr wichtig war. Nein, das war kein großer Meister, der sich störrisch gab, überhaupt nicht.

Was war in dieser Ausstellung zu sehen?

Haenlein: Da waren Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen. Das Meiste kam von van der Grinten, den größten Sammlern, die es auf der Welt gibt. Aber einige sehr wichtige Blätter kamen auch aus der Sammlung Ströher. Skulpturen gab es keine, denn ich wollte das auf diese unglaubliche Zeichnungskunst von Beuys konzentrieren.

Sie sind posthum mit Beuys nach Moskau gegangen. Wie ist es dazu gekommen?

Haenlein: Es zog die Gorbatschow-Zeit herauf, und die Wolken der Spannung zwischen Ost und West verzogen sich langsam. Freunde aus Moskau haben mir gesagt, dass das Klima in der Kunst anders geworden wäre. Da kam mir die Idee: Da müssen wir hin, da wollen wir dabei sein, bei dieser neuen Verbindung zwischen Ost und West. Also habe ich einen Brief an die großartige Kollegin Irina Antonowa geschrieben, die Direktorin des Puschkin-Museums, ob sie sich eine Beuys-Ausstellung vorstellen könnte. Keine zwei Tage später war die Antwort da: Ja, unbedingt. Bitte kommen Sie sofort nach Moskau, damit wir die Details besprechen können. So geschah es. Sie hat mich herzlich empfangen und hat ein bisschen die Stirn gerunzelt, als ich gesagt habe, ich hätte gern für die Ausstellung auch den Weißen Saal, wo sonst die Monets und Van Goghs hängen. Aber wir haben den Weißen Saal bekommen, und ein großer Ausstellungserfolg bahnte sich an.

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Es war die Umbruchzeit. Was hatte das für eine Wirkung, wenn Beuys Werke, die durchaus auch verstörend sind, in dieser Zeit da ausgestellt wurden?

Haenlein: Die Arbeiten wurden in keiner Weise als verstörende oder provozierende Arbeiten empfunden, sondern als Offenbarungen. Ich kann das sagen, weil ich einen guten Kontakt zu den Besuchern hatte, insbesondere zu den Kollegen Kuratoren, zu den Filmern, zu den Schriftstellern, die alle in so einer großen Zahl kamen, dass ich um zehn Uhr vormittags eine Führung gemacht habe und um zwölf Uhr noch eine. Da haben sich Einblicke ergeben, die bis auf den heutigen Tag hochinteressant sind.

Joseph Beuys wird als einer der wichtigsten deutschen Künstler gefeiert. Wie würde er sich selber sehen? Er war ja eher ein etwas sperriger Mensch, einer, der gerne anecken wollte, der auch bewusst die Provokation gesucht hat. Heute gilt er als Säulenheiliger. Würde ihm diese Rolle gefallen?

Haenlein: Ich glaube, ja. Denn er würde sich da gespiegelt sehen als jemand, der das bekommt, was er immer wollte: Diskussion. Diskussion über unterschiedliche Themen kultureller, sozialer und natürlich auch politischer Art. Und so glaube ich, dass ich seiner Witwe Eva trauen kann, wenn Sie mir sagte, er hätte sich sehr über diese Ausstellung und über den damit zusammenhängenden Publikumserfolg gefreut.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.05.2021 | 18:00 Uhr