Wandbild mit stilisierten Bäumen, Tieren und Wegen von Hanning Bruhn an einem Plattenbau in Schwerin © Landeshauptstadt Schwerin

Streit um Wandbild "Freizeit und Lebensfreude" in Schwerin

Stand: 30.09.2020 15:30 Uhr

Hanning Bruhn hat 1982 die Außenwand der ehemaligen Ingenieur- und Berufsschule in Schwerin-Lankow mit einem Wandbild gestaltet. Jetzt entbrennt ein Streit darum, was mit dem Bild geschehen soll.

von Andreas Lußky

Fast vierzig Jahre nach der Installation baut der Künstler das Wandbild wieder ab - lange Zeit interessierte es niemanden mehr: Mit seinem Bild "Freizeit und Lebensfreude" verbindet Hans-Joachim Bruhn, der sich Hanning nennt, eine schöne Zeit. Ursprünglich hatte er Anstreicher gelernt und gestaltete für das Wohnungsbaukombinat die "Wohnungsbauserie 70" - Plattenbau-Einheitsblöcke. Zu gestalten gab es an denen aber nicht viel, weswegen Bruhn sich nach einigen Jahren umorientierte und beim Verband bildender Künstler bewarb. Mit vier zu drei Stimmen wurde er in den 70er-Jahren aufgenommen und war einer von etwa 60 Künstlern im Bezirk Schwerin.

Vom Anstreicher zum Fassadenkünstler

Dann bekam er endlich die für ihn interessanteren Aufträge - wie den, die Wand an der Berufsschule im nordwestlichen Schweriner Stadtteil Lankow zu gestalten. Damals war das Gelände belebt wie ein Bienenstock. Hunderte Schüler, ein Internat, ein Minigolfplatz, Disko, Bootsverleih und Liegewiese. Das Bild "Freizeit und Lebensfreude" - acht mal elf Meter groß - war vom Naherholungsgebiet am Lankower See gut zu sehen. Es setzt sich aus Polystyrol-Plastgranulatplatten zusammen. Denn 1982, als Bruhn es anbrachte, wurden in der Berufsschule die Arbeiter für die Kunststofffabrik VEB Plastmaschinenwerk ausgebildet.

Neben anderen Wandgestaltungen in Berlin und Güstrow war das Wandbild für Bruhn eines seiner wichtigsten Werke im öffentlichen Raum. Mit den anderen hat der Künstler schlechte Erfahrungen sammeln müssen: Sie wurden abgenommen beziehungsweise von Wärmedämmung verdeckt, teilweise ohne dass er davon erfuhr.

Alte Berufsschule Lankow wird abgerissen

Vor zwei Jahren wurde der Grundstein für die neue Berufsschule in Schwerin Lankow, genau vor der alten, gelegt. Es ist das größte Schulbauvorhaben der Stadt. Spätestens seit diesem feierlichen Akt steht fest: Die Zeit des alten Gebäudes ist abgelaufen. Das wusste auch der Künstler, aber Hanning Bruhn hatte nicht das Gefühl, dass sein Wandbild irgendjemanden interessiert. Ob es erhalten werden soll, konnte ihm niemand sagen. Vor etwa einem Jahr ging er mit einer der Kunststoffplatten - als Anschauungsobjekt – zum Schweriner Kulturbüro und warb für sein Werk, erzählte seine Geschichte.

Zu seinem Glück hat sich der Blick auf die DDR-Kunst in den vergangenen Jahren gewandelt. Sie wurde nicht mehr als reine Staatskunst abgetan. 2019 erschien ein Buch mit einer Übersicht über 120 wichtige Werke im öffentlichen Raum - sie enthielt das Lankower Wandbild. Anfang dieses Jahres dann interessierte sich das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege für das Bild an der Berufsschule - mehr noch, es wurde im März "Denkmal des Monats" und sein Wert wortreich belegt. Es zeige exemplarisch die in den 80er-Jahren in der DDR typische "Poetisierung der Landschaft". Kunst sollte die Umgebung verschönern und nicht mehr nur sozialistische Ideale zeigen.

"Freizeit und Lebensfreude" wird eingelagert

Die Schweriner Verwaltung beauftragte den Künstler damit, die 350 Platten abzubauen, gegebenenfalls zu restaurieren und einzulagern. Dabei solle es aber nicht bleiben, so der Leiter des Kulturbüros Dirk Kretzschmar. "Freizeit und Lebensfreude" solle auf jeden Fall wieder an einer Wand in Schwerin zu sehen sein, sagt er.

Aber damit ist ein neues Problem entstanden. Der Ortsbeirat Lankow hat bereits eine Statue an die Schwimmhalle und eine Tierfigur an den Zoo verloren. Das Wandbild der Berufsschule soll im Stadtteil bleiben. Um das zu erreichen, hat der Ortsbeirat in der Schweriner Stadtvertretung einen Antrag gestellt: Kunst im öffentlichen Raum soll dort bleiben, wo sie aufgestellt oder angebracht wurde. Die Verwaltung - das Kulturbüro - hat sich bereits geäußert: grundsätzlich festzulegen, dass Kunstwerke in einem Stadtteil bleiben, sei problematisch. Die Werke würden mit ihrer Umgebung zusammenwirken, viel sei zu beachten, und auch der Künstler dürfe mitbestimmen.

DDR-Kunst soll Lankow erhalten bleiben

Diskutiert wird der Antrag Ende Oktober. Im Stadtteil Lankow wurde ohnehin bisher keine geeignete Fläche gefunden, die frei und groß genug ist.

Das Schweriner Kulturbüro will noch mehr dafür tun, dass Kunst im öffentlichen Raum nicht mehr vergessen wird. Die Mitarbeiter erstellen eine Übersicht über alle sichtbaren Kunstwerke in Schwerin. Jeder soll sie künftig auch im Internet ansehen können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 30.09.2020 | 19:05 Uhr