Stand: 24.08.2020 11:32 Uhr

Mein Lieblingsstück: Seemanns-Teppich in Zingst

von Juliane Voigt

Fischland-Darß-Zingst, das ist ja eigentlich eine Halbinsel, aber die Insulaner legen Wert auf die genauen Bezeichnungen. Der Zingst, so heißt es, war früher eine eigene Insel. Seit die nach einer großen Sturmflut durch einen langen Deich mit dem Nachbarort Prerow, also dem Darß, verbunden worden ist, gibt es dort nun mehr den Ort Zingst. Im dortigen Heimatmuseum sind viele spannende Geschichten dokumentiert. Und hier hängt auch das Lieblingsstück von Mitarbeiterin Ulrike Buchmann.

Museumsmitarbeiterin Ulrike Buchmann vor einem handgeknüpften Wandteppich. © Heimatmuseum Zingst Foto: Susanne Stiehler
Ulrike Buchmann vor dem flauschigen Wandteppich, der Zingst aus der Vogelperspektive zeigt. Alle Häuser, Grundstücke, Straßen, Bäume, der Strand sind zu sehen.

Ein stattliches Kapitänshaus war es früher, erbaut Mitte des 19. Jahrhunderts: dunkles Fachwerk mit roten Klinkern und Schindeln auf dem Dach. Seit 1984 ist es das Zingster Heimatmuseum. Mit vielen Museumsstücken erzählt das Haus vom Stolz und Reichtum der Zingster. In der guten Stube stehen ein dunkelgrünes Biedermeiersofa und Geschirrvitrinen, Gemälde hängen an den Wänden. Arne Nehls vom Zingster Heimatverein zeigt, wie Kapitäne mit ihren Familien gelebt haben: "Wir haben hier auch die üblichen Ausstellungsstücke: englisches Porzellan, Lüster oder auch besondere Sachen wie ein Spazierstock aus Haifischknochen oder einen indischen Dolch. Und man hat hier auch die Bilder der Zingster Kapitäne; eine der ganz großen Dynastien war die Familie Wallis."

Das Heimatmuseum zeigt die Zingster Seefahrtsgeschichte

Zingster wurden Schiffbauer oder Seemänner. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Zingst 80 Kapitäne. Erst fuhren sie auf ihren eigenen Segelschiffen, später heuerten sie bei großen Reedereien in Hamburg, Rostock oder Bremerhaven an und waren auf allen Weltmeeren unterwegs. Museumsmitarbeiterin Ulrike Buchmann führt Besucher oft durch das Zingster Heimatmuseum, erklärt die filigranen Schiffsmodelle, öffnet den Reisekoffer mit der Schlangenhaut und dem Tropenhelmen und erzählt die Geschichte von dem Ostseewellenlied von Martha Müller-Grählert, die auch aus Zingst war.

Buchmann zeigt auch einen großen Wandteppich: "Sich hier für ein Lieblingsstück zu entscheiden, ist sehr schwer. Wir haben wirklich viele sehr schöne Exponate. Aber ich habe dann gedacht, so etwas hat wirklich kein anderes Museum: diesen wunderschönen, aus Wollresten geknüpften Teppich. Und eben nicht, wie man so landläufig denkt, von einer Frau, sondern von einem Mann."

Und zwar von Paul Hansen. Fast 50 Jahre war er Seemann. Viele Jahre davon fuhr er als Kapitän bei der Hamburger Reederei Siemers den Dampfer Olga Siemers. "Dieser Paul Hansen war ein typischer Zingster Seefahrer", sagt Ulrike Buchmann. "An seinem Beispiel kann man die Seefahrtsgeschichte von Zingst einfach wunderbar erzählen: Mit 14 Jahren ist er auf sein erstes Schiff gestiegen, dann ging es gleich nach England. Als Schiffsjunge und als Koch ist er unterwegs gewesen, nach fünf Jahren durfte er sein Steuermannspatent machen und mit noch nicht mal 25 Jahren war Paul Hansen Kapitän."

Seefahrer-Kunsthandwerk aus traurigem Anlass

Hansen wurde sogar für eine Heldentat berühmt, weil er im Hafen von Jaffa beherzt ein brennendes Schiff mit seinem eigenen Dampfer aus dem mit Schiffen überfüllten Hafen zog. Damit hat er viele Menschenleben gerettet. Den Teppich im Zingster Heimatmuseum aber knüpfte er aus einem traurigen Anlass: "1935 ist sein Sohn gestorben. Gleich nach der Beerdigung musste er wieder an Bord und ist auf eine einjährige Reise gegangen. Er wäre in der Zeit wahrscheinlich lieber bei seiner Familie gewesen und er konnte sicher als Kapitän auf diesem Schiff seine Trauer auch nicht immer so zeigen", berichtet Ulrike Buchmann. "Also hat er in seiner Freizeit diesen Teppich geknüpft. Es ist ein wunderschönes Werk. Man kann daran auch sehen, dass die Seeleute handwerkliche Fähigkeiten hatten und sehr kreativ waren. Wenn die zur See fuhren, da hat ihnen keiner die Wäsche gewaschen, die Socken gestopft oder gekocht - das haben sie alles selber gemacht."

Zeitzeugen berichten die Lokalgeschichte

Der flauschige Teppich misst drei mal vier Meter und zeigt Zingst aus der Vogelperspektive. Alle Häuser, Grundstücke, Straßen, Bäume, der Strand sind zu sehen. Eine beeindruckende Handarbeit. Paul Hansen muss schreckliches Heimweh gehabt haben. Bis zu seinem Tod 1956 hat der Teppich vor seinem Schreibtisch in seinem Zingster Arbeitszimmer gelegen.

Museumsmitarbeiterin Ulrike Buchmann vor Modellschiffen im Heimatmuseum Zingst. © Heimatmuseum Zingst Foto: Susanne Stiehler
Ulrike Buchmann kennt sich auch mit den vielen Schiffsmodellen aus, die im Heimatmuseum ausgestellt sind.

"Wir wissen das von einem seiner Neffen, denn der kam hier mal ins Museum und hat gesagt: 'Auf diesem Teppich habe ich als Kind bäuchlings gelegen und mit meinen Spielzeugautos bin ich die Straßen entlanggefahren'. Das ist natürlich eine wunderschöne Vorstellung, das können wir den Besuchern heute nicht mehr erlauben. Dazu ist er wirklich zu wertvoll für uns", sagt Ulrike Buchmann.

Wertvoll sind auch andere Stücke, wie zum Beispiel die Kinderwiege, die bei der großen Sturmflut von 1872 mit einem Baby darin davonschwamm. Am nächsten Tag fanden die Zingster sie, drei Kilometer entfernt. Das Baby Marie Ewert hat alles gut überstanden und lebte in Zingst bis ans Ende ihrer Tage.

Das Zingster Heimatmuseum ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 24.08.2020 | 09:20 Uhr