Die Statue einer liegenden Frau ist mit einer Spitzendecke bedeckt © Janina Santamarina

Kunst im öffentlichen Raum: Mode für Skulpturen

Stand: 25.05.2021 13:34 Uhr

Die Hamburger Künstlerin Janina SantaMarina zieht nackten Skulpturen im öffentlichen Raum Kleidung aus Plastiktüten an.

von Franziska Storch

Die Statue einer tanzenden Frau ist mit einer roten Spitzendecke verhängt © Janina Santamarina
Die Künstlerin Janina SantaMarina hat die Tänzerin im Jenischpark bekleidet.

Nackt sein in der Öffentlichkeit ohne schamrot zu werden? Das können wahrscheinlich nur Skulpturen. Denen aber trotzdem mal etwas anzuziehen, ist die etwas schräge Idee von der Hamburger Künstlerin Janina SantaMarina. Seit letztem Herbst hat sie zum Beispiel die Tänzerin im Jenischpark oder die Große Kniende an der Alster für ein paar Stunden angezogen. Ihr neuestes Modell ist die Liegende auf dem Stephansplatz.

Seit 45 Jahren liegt sie auf dem Stephansplatz, die große Frau aus Bronze - im Rücken: Planten un Blomen. Das weiße Deckchen schmückt die Figur aber nur einen einzigen Nachmittag. Wie ein gehäkeltes Minikleid liegt es über der Nackten und weckt Neugier.

Nacktheit hinterfragen

"Also, es sieht Untenrum bei ihr aus wie bei einer Barbie. Das heißt, sie ist nackt, aber sie ist irgendwie auch zensiert. Sie ist glattgebügelt und das hinterfrage ich, wenn ich solche Figuren sehe", erzählt die Hamburgerin.

Janina SantaMarina hat seit letztem Herbst schon Kleidung für fünf nackte Frauenstatuen an verschiedenen Ecken in Hamburg gemacht. Die legt sie dann für einen Nachmittag über die Nackten und wartet daneben geduldig. So kommt sie mit vielen Passantinnen und Passanten ins Gespräch über ungewöhnliche Beobachtungen.

"Ein Finger geht durch das Material durch. Es sieht lebendig aus. Es sieht aus, als hätte die Frau selber ihren Finger da durch getan", findet die Künstlerin. Das hat auch einen praktischen Hintergrund: Das weiße Kleid soll nicht wegfliegen. Es besteht aus in Streifen geschnittenen Plastiktüten, die so miteinander verknotet sind, dass es am Ende wie ein weitmaschiger Stoff aussieht:

"Das ist schwer genug, dass es liegenbleibt, aber ist auch gleichzeitig flexibel genug, dass es sich an die Rundungen der Figur anpasst. Deswegen ist das absurderweise das perfekte Material für diese Aktion. Und falls es regnet, dann perlt das ab.“

Kunst zum Anfassen

Eine rote Spitzendecke ist kunstvoll um eine Frauenstatue im Hammer Park drapiert © Janina Santamarina
Anfassen ist erlaubt und erwünscht!

Und bei Sonne wirft die Netzstruktur aus Plastik sogar tolle Schatten auf die Figur. Dieses Projekt ist Street-Art mal ganz anders. Die besondere Mode rückt vergessene Skulpturen, an denen man normalerweise eher gleichgültig vorbeigeht, ins Rampenlicht und liefert Diskussionsstoff. Jede Decke ist eine Maßanfertigung. Für die Nackte auf dem Stephansplatz hat die Künstlerin 600 Plastiktüten in 4 Wochen zusammengeknotet.

"Im Öffentlichen Raum, da darf man in Interaktion gehen. Und das sieht man ja auch an der Figur an sich, ne? Die hat an den Fingern Abnutzungsspuren. Also, man sieht, wo die Leute die Figur anfassen. Und das ist was, was im Museum nicht geht. Und deswegen finde ich Figuren im öffentlichen Raum so spannend.“

Das weiße Deckchen ist ein echter Hingucker. Es stößt viele ungewöhnliche Fragen und Diskussionen an: Auf was schaut die Figur? Wie groß wäre sie, wenn sie aufsteht? Und darf man bei Skulpturen Schamhaare darstellen? Das finden auch Skeptikerinnen und Skeptiker spannend.

Mit ein bisschen Glück können Sie an Pfingsten die neuste Mode für Skulpturen in Planten un Blomen am Fuß des Fernsehturms selbst erleben. Dieses mal zieht Janina SantaMarina die weibliche Gestalt von Hans Kock an.

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NDR 90,3 | Kulturjournal | 19.05.2021 | 19:00 Uhr