Szene aus dem Tanzstück "Phoenix". © Oliver Hohlfeld

Tanz verschmilzt mit Wissenschaft: Landeskulturpreis an Künstlerduo

Stand: 21.07.2021 06:00 Uhr

Der Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern geht erstmals an ein Künstlerduo: Lars Scheibner und Marcus Doering werden für ihre Arbeit an der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz ausgezeichnet. Dörte Kiehn erhält den Förderpreis.

von Axel Seitz

Die Dirigentin Romely Pfund hat ihn ebenso bekommen wie der Schriftsteller Walter Kempowski und im vergangenen Jahr der langjährige Theaterintendant Wolfgang Bordel - den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Diese Auszeichnung wird seit 1994 verliehen, sie ist aktuell mit 10.000 Euro dotiert. In diesem Jahr geht sie an Lars Scheibner und Marcus Doering, die für eine Arbeit ausgezeichnet werden, die es so nur in Neustrelitz gibt.

Porträt von Lars Scheibner. © Oliver Hohlfeld
Lars Scheibner, Leiter der Deutschen Tanzkompanie, zeigt sich überrascht und erfreut über den Landeskulturpreis.

Als Tänzer war Lars Scheibner unter anderem in Berlin, Gera und Kiel engagiert, seit Januar 2016 leitet der mittlerweile 45-Jährige die Deutsche Tanzkompanie in Neustrelitz. Jetzt bekommt Scheibner gemeinsam mit Marcus Doering den Landeskulturpreis: "Das ist eine massive Überraschung für uns beide gewesen. Und ein großer Ansporn, hier das weiter zu tun, was wir bisher gemacht haben - zehn Jahre schon gemeinsam und seit fünf Jahren in Neustrelitz. Wir wollen hier bleiben, wir haben uns sehr verliebt in diese Region, in diese Stadt und wollen weiter unser Bestes geben, was Innovation und Kreativität angeht", so Scheibner.

Neue Kunstform: Tanz verschmilzt mit Wissenschaft

Beide erhalten die Auszeichnung vor allem dafür, dass sie Tanz und Naturwissenschaft zu einer neuen Kunstform verschmolzen haben. Marcus Doering erklärt das Einzigartige ihrer gemeinsamen Arbeit: "Stellen Sie sich ein Bühnenbild, das aus Videos besteht, vor. Und das Video reagiert auf die Tänzer und nicht die Tänzer auf das Video. Es gibt viele Produktionen, wo ein Video läuft. Und die Tänzer oder Akteure bewegen sich zu dem Video. Bei uns ist es andersherum. Das Video verhält sich nach der Bewegung der Tänzer. Sie können sich komplett frei bewegen und müssen nicht an einem bestimmten Zeitpunkt oder Ort stehen, sie können sich frei bewegen." Und das gibt es so nur in Neustrelitz zu sehen: "Es ist einmalig. Es gibt Theaterproduktionen, die das System schon benutzt haben, aber als Kunstform für eine Kompanie, für eine Tanzgruppe, ist es einmalig."

Porträt von Marcus Doering. © privat
Markus Doering findet, die Verknüpfung von Video und Tanz "ist einmalig."

Genau wie Marcus Doering möchte auch Lars Scheibner diese besondere Arbeit genau dort fortsetzten, wo andere vielleicht von mecklenburgischer Provinz sprechen: "Das Silikon Valley war auch tiefste Provinz. Ich glaube, da gab es gar nichts, bevor da ein paar verrückte Leute hingegangen sind und gesagt haben: Wir suchen einen Schutzraum, wir suchen einen Ort, wo wir in Ruhe forschen, arbeiten und neue Welten denken können. Wir sind ja nicht nur dazu da, dem Publikum einen netten Abend zu machen, sondern wir verstehen uns auch als Vordenker - Vordenker von neuen Möglichkeiten. Sich den großen Fragen entgegenzustellen: Wie wollen wir leben? Da spielt Provinz oder Nichtprovinz eigentlich gar keine Rolle."

Und für den Leiter der Deutschen Tanzkompanie steht zweifelsfrei fest: "Neustrelitz hat nach meinem Erleben die höchste Kulturdichte pro Einwohner, die ich je erlebt habe. Das macht so viel Spaß, hier zu produzieren, zu forschen und zu arbeiten, dass es für mich keinen besseren Ort dafür geben kann." Diese besondere Tanzkunst ist wieder Mitte September im Theater Neustrelitz zu erleben, wenn zum 100. Geburtstag von Stanislaw Lem das Stück "Solaris" Premiere feiert.

Kulturförderpreis 2021 an Dörte Kiehn

Der Kulturförderpreis 2021 geht an Dörte Kiehn. Sie stammt aus Holstein, ist Puppenspielerin, gründete bereits 1986 ihr Tandera-Theater und lebt und arbeitet seit 1994 in der Schaalseeregion nahe Zarrentin in Westmecklenburg. Zugleich ist Dörte Kiehn Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied des Landesverbandes Freie Theater Mecklenburg-Vorpommern. Gerade in der Corona-Pandemie standen die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler vor großen Herausforderungen:

"Ich glaube, die allerschlimmste Zeit war direkt der Anfang, denn wenn einem innerhalb von drei Wochen die komplette Existenz unter den Füßen weggezogen wird, dann hat man irgendwie so eine Schockstarre. Was sich die meisten nicht vorstellen können: Wir haben - sowohl als Tandera-Theater als auch mit den Kollegen vom Landesverband - sehr viel gearbeitet. Und wir haben festgestellt, dass wir als freie Theater in manchen Dingen durch unser hohes Maß an Flexibilität punkten konnten."

So wurden Produktionen für Freiluftveranstaltungen vorbereitet, in Kitas und Schulen gab es mehrere Vorstellungen, wenn Kindergruppen wegen der Corona-Auflagen geteilt werden mussten. Und die Künstlerinnen und Künstler im Landesverband Freie Theater haben sich, so Dörte Kiehn, noch besser abgestimmt und Erfahrungen ausgetauscht. Somit erhält die 62-Jährige den mit 5.000 Euro dotierten Kulturförderpreis 2021 auch stellvertretend für den Landesverband Freie Theater Mecklenburg-Vorpommern.

Den diesjährigen Landeskultur- sowie den Förderpreis verleiht Ministerpräsidentin Manuela Schwesig am 9. August in Schwerin.

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Dieses Thema im Programm:

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