Stand: 13.08.2020 16:55 Uhr

Greifswalder Litfaßsäulen-Projekt: Hingucker und Mitmacher

von Juliane Voigt

Public Art heißt so viel wie öffentliche Kunst. Und Public Art heißt ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum, das in Greifswald gestartet ist. Studenten und Studentinnen des Kunst-Studiengangs am Caspar-David-Friedrich-Instituts der Universität Greifswald haben Großflächen und Litfaßsäulen der Hansestadt mit Arbeiten des vergangenen sogenannten Corona-Semesters bestückt.

Litfaßsäule, ein Kunstprojekt in Greifswald, in einem Park © Jürgen Auerswald
Studenten des Kunst-Studiengangs am Caspar-David-Friedrich-Institut versuchten, aus dem eigentlich veralteten Kommunikationsmedium Litfaßsäule ein modernes Medium zu machen.

Die Anklamer Straße führt hinter dem Greifswalder Theater entlang. Eine Litfaßsäule steht ein wenig zurückgesetzt. Auf ihr prangt ein einziges großes Bild mit den leeren Sitzreihen des Theaters. Die Fotografie eines gleichmäßigen Musters aus Holzrahmen mit Sitznummern und roten Polstern. Svea Sörensen hat während der Schließung im Theater fotografiert. Ihr sei es vor allem darauf angekommen, eine Stimmung zu vermitteln. Für sie habe Theater eine monumentale, magische Ebene. Eigentlich sei das ein Ort, der von Unterhaltung und Lebendigkeit lebt und der jetzt leer sei.

Wie soll man Kunst online vermitteln?

Ein Mann vor einem bunt-gestreiften Hintergrund. © Jürgen Auerswald
Rozbeh Asmani, Professor für neue Medien und Grafik an der Uni Greifswald, musste sich mit Beginn der Corona-Pandemie überlegen, wie er seinen Unterricht online strukturiert.

Knapp 50 Großflächen und Litfaßsäulen in Greifswald sind momentan mit Kunst beklebt. Es sind Arbeiten von Kunststudenten des Caspar-David-Friedrich-Instituts. Entstanden im vergangenen Semester. Unter Anleitung von Rozbeh Asmani, Professor für neue Medien und Grafik im Bereich bildende Kunst. Er erzählt, wie er in der Zeit während und nach dem Kontaktverbot seinen Lehrplan aktualisierte: "Ich musste meinen Lehrplan komplett umstellen, weil es plötzlich hieß: Die Kunst muss digital vermittelt werden. Gleichzeitig hatten wir die Problematik, dass das alles online und im Homeoffice stattfinden musste, aber wie soll man praktische Kunst online vermitteln?"

Die Ergebnisse dieses digitalen Semesters sind so analog wie es nur geht, gedruckt auf Papier und mit Leim geklebt, zu sehen an Straßen, Parkplätzen und Verkehrsknotenpunkt der Stadt. "Der urbane Raum ist im permanenten Dialog mit dem Verkehr, mit der Stadtgesellschaft, mit den Bürgerinnen und Bürgern. Gleichzeitig gibt es aber auch Aktionismus - durch Graffiti, politische Statements, aber auch Vandalismus. Das Schöne ist, dass jede Form der Kommunikation dabei ist", beschreibt Rozbeh Asmani die Aktion. Einige der Projekte würden sich auch genau darauf beziehen.

"Ich bin keine Niete!"

Große Werbefläche an einer Straße auf der ein Kopf zu sehen ist. © Jürgen Auerswald
Nicht nur Litfaßsäulen wurden als Projektionsfläche für Kunst genutzt, auch Großflächen. 49 Projekte sind in Greifswald zu entdecken.

Zum Beispiel die Arbeit von Niklas Washausen. Sein Plakat ist Hingucker und Mitmacher zugleich. Große Schrift und ein deutlicher QR-Code zum Einscannen von Weitem. "Es gibt einen Fragenkatalog mit relativ banalen, alltäglichen Fragen wie: Was hast Du gerade eingekauft? In wie vielen Minuten kommt Dein Bus?", erklärt Niklas Wasshausen seine Arbeit.

Die Fragen sollen in einer weiteren Großflächenaktion von den Antworten überschrieben werden. Auch Jürgen Auerswald spekuliert mit seiner Großfläche auf Interaktion. "Ich bin keine Niete" steht in großer Schrift auf seinem Plakat. Er hatte in einer trüben Stimmung während der vergangenen Monate eine Niete mit diesem suggestivem Selbstlob aus einer Tombola gezogen. "Diese Botschaft möchte ich vermitteln, das möchte ich zeigen, dass Leute das lesen, in ihrem Auto sitzend, vielleicht gerade wenn sie einen schlechten Tag haben und zu sich selbst sagen: Nee, ich bin keine Niete!"

Freie Großflächen für die Kunst

Ein Mann steht vor einer Webewand. © Jürgen Auerswald
Zeichnung oder Fotografie? Giacomo Orth spielt mit den Vorstellungen des Betrachters.

Wichtiger Sponsor der zehn Tage, an denen die Plakate zu sehen sein werden, ist die Firma Stroer. Die Außenwerbung auf Großflächen hat momentan eine Flaute. Viele Flächen sind Buchungslücken großer Firmen, sagt der Standortkoordinator Jens Peterson. Und er findet, das sei ein schönes Projekt und je nach Standort ein individuelles Produkt.

Auch mit sehr leisen Arbeiten. Wie die von Giacomo Orth. Eine Schwarz-Weiß-Ansicht vom Unterholz eines Waldes. Platziert im Parkplatzdickicht des Einkaufsmarktes. Erst bei genauem Hinsehen lässt sich erkennen, dass es gar keine Fotografie ist. Sondern eine überdimensionale fotorealistische Zeichnung. Der Moment des Knipsens aufgelöst in geduldiger stundenlanger Arbeit mit Bleistift auf Papier. Kunst in Zeiten von Corona.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 13.08.2020 | 19:00 Uhr

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