Ernst Barlach Skulptur © NDR

Bekommt Güstrow ein zentrales Ernst-Barlach-Denkmal?

Stand: 22.11.2020 07:03 Uhr

Der Bildhauer Henning Spitzer, der in Güstrow lebt und arbeitet, will der Stadt eine Skulptur von Ernst Barlach schenken.

Nach Spitzers Wunsch soll die Figur in der Innenstadt auf dem Marktplatz aufgestellt werden. Dafür findet er eine ganze Reihe Unterstützer, aber auch jede Menge Gegner. In seinem Atelier arbeitet Henning Spitzer fast täglich an seinem Entwurf, hackt mit einem kleinen Beil Konturen in den Gips. Weiße Splitter fallen auf den Boden. Die raumfüllende Gipsfigur stellt unverkennbar den späten Ernst Barlach dar. Ein alter Mann mit Hut und leicht gesenktem Kopf in etwas nachdenklicher Haltung, über die Schultern trägt er eine Pelerine, in der einen Hand ein Stock. Die andere Hand hat er in einer Jacke versteckt, den linken Fuß etwas nach vorn genommen. "Es ist ein gebrochener Mann, es ist vielleicht ein verzweifelter Mensch, der trotz alledem, so war es meine Absicht, eine würdige Ausstrahlung hat." Sein Entwurf ist einem berühmten Foto Barlachs vor der Gertrudenkapelle in Güstrow aus dem Jahr 1934 nachempfunden.

Güstrower wollen Geld für Guss des Denkmals sammeln

Ernst Barlach Skulptur © NDR
Ein Entwurf von Henning Spitzer steht bereits im Güstrower Rathaus.

Die Figur im Atelier ist lebensgroß. Eine weitere Gipsfigur steht derzeit im Foyer des Güstrower Rathauses. Diesen etwas größeren Barlach, allerdings aus Bronze, möchte Henning Spitzer der Stadt schenken und idealerweise gleich neben dem Rathaus aufstellen. Lediglich die Kosten für den Guss - etwa 20.000 Euro - müsste die Stadt bezahlen. Das Geld wollen Einwohner der Stadt Güstrow sammeln. Der Bronze-Barlach sollte dann als Attraktion dort stehen, wo der Künstler bis in die 1930er-Jahre leibhaftig unterwegs war.

Henning Spitzer reagiert aus seiner Sicht auf einen Mangel: "Ich habe mich gewundert, warum es keine Barlach-Plastik auf dem Marktplatz oder irgendwo anders in dieser Stadt gibt. In der weiteren Recherche habe ich erfahren, dass das Touristen und andere Leute schon sehr bemängelt haben. Die Stadt heißt Barlach-Stadt und im Außenraum fehlt jeglicher Hinweis." Eine Plastik, die Barlach darstellt, hat Güstrow in der Tat nicht. Allerdings gibt es ein Barlach-Denkmal des Künstlers Klaus Freytag aus dem Jahr 1996, das etwas abgelegen im Stadtteil Distelberg steht und zumindest von Besuchern der Stadt weniger wahrgenommen wird.

Parteilose Hanni Böttcher wirbt für Spitzers Barlach-Figur

Im August schrieb Henning Spitzer einen Brief an den Bürgermeister der Stadt und alle Stadtvertreterinnen und - vertreter und bot die Figur an, an der er seit fünf Jahren arbeitet. Seitdem spaltet das Angebot die Lokalpolitik. Zu den Befürworterinnen gehört die parteilose Hanni Böttcher, die regelmäßig an dem Denkmalentwurf im Rathaus vorbeigeht. "Mein erster Eindruck war wirklich: Barlach, wie er leibt und lebt." Sie habe ihn zwar persönlich nicht kennengelernt, aber die übliche Schilderung Barlachs als total verbitterter Menschen habe Spitzer sehr gut aufgefangen. "Diesen Herrn Barlach mit all seinen Facetten so darzustellen: diese gebückte Haltung, seine Mimik, sehr verbittert und in sich gezogen, introvertiert."

Hanni Böttcher begann für den Bronze-Barlach zu werben und zwar aus drei Gründen: Barlach sei der Namensgeber der Stadt Güstrow, ein Touristenmagnet für die Stadt und es begeistere sie, dass ein Güstrower Künstler der Stadt ein Geschenk mache und nichts weiter haben möchte als einen gebührenden Platz für seine Skulptur.

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Stadtvertretung ist gespalten

Hanni Böttcher sitzt mit Unterstützung der CDU in der Stadtvertretung. Die Christdemokraten brachte sie schon einmal geschlossen hinter sich, sie befürworten das Denkmal. Andere Lokalpolitiker sehen das anders. Marco Drenckhan von der FDP beispielsweise sagt, in Güstrow gibt es viele Hinweise auf Barlach, da braucht es kein weiteres Denkmal. 

Eine Schenkung sei der falsche Weg, sagt Jens-Hagen Schwadt von der Fraktion Die Linke. Ein repräsentatives Barlach-Denkmal könne so nicht geschaffen werden, diese Bedeutsamkeit sei für die Spitzer-Figur auch eine Nummer zu groß.

Transparente Ausschreibung statt Schenkung

Hans-Georg Kleinschmidt von der SPD sieht das ebenfalls kritisch. Er ist der Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt. Unlängst diskutierte das Gremium über die Figur - und entschied sich mehrheitlich dagegen. Kleinschmidt beruft sich dabei auch auf die Güstrower Barlach-Stiftung. "Prinzipiell bin ich der Meinung, dass wir in der Barlach-Stadt kein weiteres Barlach-Denkmal brauchen. Es gibt bereits ein Denkmal", sagt Magdalena Schulz-Ohm, die Geschäftsführerin der Stiftung. "Sollte die Stadt die Auffassung vertreten, dass ein zweites Denkmal gewünscht ist, dann würden wir als Stiftung unbedingt empfehlen, einen Wettbewerb auszuschreiben und vielen Künstlern die Chance zu geben, sich zu beteiligen, um dann ein transparentes Verfahren zu haben und ein Ergebnis zu finden, das dann hoffentlich eine lange Gültigkeit hat und zufriedenstellend ist für alle Beteiligten."

Nachfahren Ernst Barlachs sind dagegen

Schulz-Ohm führt noch ein weiteres gewichtiges Gegenargument ins Feld. "Die Familie Ernst Barlachs ist der Auffassung, dass die Aufstellung eines überlebensgroßen Denkmals überhaupt nicht im Sinne Barlachs gewesen wäre", schildert die Leiterin, die Kontakt zu den Enkeln und Urenkeln Ernst Barlachs hat. Barlach sei ein sehr introvertierter Mensch gewesen, er habe in Güstrow viele Anfeindungen erfahren und hätte die Stadt zum Lebensende tatsächlich sogar verlassen wollen. "Das jetzt wieder gut machen zu wollen, in dem man ihn überlebensgroß auf dem Marktplatz aufstellt, kann sich die Familie nicht sinnvoll aus der Perspektive Barlachs erklären. Deshalb lehnt die Familie Barlach den Entwurf auch ab und würde sich dagegen aussprechen, überhaupt ein Denkmal für Barlach aufzustellen", gibt Schulz-Ohm die Perspektive der Nachfahren wieder.

Kommen andere Standorte in Frage?

In einem Punkt pflichtet Schulz-Ohm Henning Spitzer allerdings bei: Das Denkmal des Bildhauers Klaus Freytag in Distelberg ist alles andere als ein Publikumsmagnet. Dennoch sieht Schulz-Ohm eine eventuelle Barlach-Figur nicht unbedingt in der Innenstadt sondern zum Beispiel am Bahnhof. Darin ist sie wiederum einig mit Hanni Böttcher, auch für sie ist die Standortfrage offen: "Der Barlach passt auch gut an den Strand des Inselsees. Und ich finde auch den Platz im Foyer des Rathauses, wo der Entwurf jetzt steht, sehr gut." Einige Güstrower sind der Meinung, dass auch der Domplatz ein guter Ort für das Denkmal wäre.

Am 3. Dezember entscheidet Güstrow über das Denkmal

Über den Standort werden die Stadtvertreter zunächst noch nicht abstimmen, erst einmal soll es darum gehen: Will die Stadt sich überhaupt ein Barlach-Denkmal von Henning Spitzer schenken lassen oder nicht. Darüber befindet die Stadtvertreterversammlung von Güstrow am 3. Dezember.

Henning Spitzer beteiligt sich nicht an den politischen Diskussionen: "Meine Arbeit ist die Plastik". Er sei von Natur aus ein Zweifler und hadere und veränderte an vielen Stellen. "Es ist ein Angebot", sagt Spitzer lediglich. "Ich glaube, es könnte sehr gut wirken in der Stadt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 24.11.2020 | 19:00 Uhr