Stand: 24.06.2020 17:00 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Annette Seiffert kümmert sich um uralte Taufe in Klütz

von Thomas Naedler

Derzeit macht ein Bild im Internet die Runde: Es zeigt die missglückte Restaurierung eines Marien-Gemäldes in Valencia. Vorher Kunst - jetzt kann es weg. Solche Fälle gibt es immer wieder. Grund für uns, mal zu schauen, ob so etwas auch bei uns möglich wäre, wie Restauratoren ausgebildet werden und wer ihnen buchstäblich auf die Finger schaut. Ein Treffen in Klütz mit einer Restauratorin aus Wismar.

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Annette Seiffert, selbstständige Restauratorin in Wismar, steht neben der zu restaurierenden Taufe in der Kirche in Klütz

Massiv, trotzig und backsteinrot hebt sich die Marienkirche in Klütz heraus aus dem Ensemble geduckter Häuser. Auf einem Schild steht "offene Kirche", hinter der schweren Holztür ist es kühl. Hier gibt es etwas zu tun für die Restauratorin Annette Seiffert - noch aber darf sie nicht anfangen: Es fehlt der Fördermittelbescheid. In einer etwas kahlen Ecke steht dunkelbraun und mit weißen Figuren abgesetzt eine gut drei Meter hohe Taufe. "Es gibt diesen Taufkessel, der von vier Engeln getragen wird, und eine sehr große Haube - also den Deckel, den man eigentlich gehängt hatte. Der wurde von oben herabgesenkt, um die Taufe zu schließen". Die Taufschale hängt jetzt an der Wand.

Taufe mit Taube - fast 370 Jahre alt

Fast 370 Jahre ist die Taufe alt, reich verziert, eine Taube krönt in der Höhe den Deckel. Hier und da fehlt den Figuren ein Arm, ein Kopf. Welche der vielen Farbschichten die ursprüngliche ist, muss die Restauratorin herausfinden. Eine Arbeit mit Mikroskop, Tupfer, Pinzette und Skalpell. "Es macht Spaß und man hat auch viel Ruhe dabei," sagt sie. Man könne über Dinge nachdenken, könne die Schönheit entweder dieses Raumes oder auch des Kunstwerkes genießen, so Seiffert. "Das ist natürlich ein großer Luxus, den wir in unserer Arbeit haben."

Seiffert hat an der Kunsthochschule Dresden studiert

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Restauratorin Annette Seiffert hält eine Pinzette unter einem beleuchteten Mikroskop.

Annette Seiffert ist in Wismar aufgewachsen - für ihren Beruf hat sie in den 80er-Jahren an der renommierten Kunsthochschule in Dresden studiert. Da hatte sie bereits zwei Jahre Praktikum im Amt für Denkmalpflege in Schwerin hinter sich. Seite an Seite hat sie mit erfahrenen Experten gearbeitet. Sie wusste also schon zu Studienbeginn, wie der Alltag sein würde.

Nach mehr als 30 Arbeitsjahren als selbstständige Restauratorin gilt sie selbst als Expertin. Sie hat Altäre restauriert, in Wismars großen Kirchen ebenso wie in Kirchen auf dem Lande. Was durch ihre Hände geht, braucht in der Regel viel Zuwendung. Es ist immer sehr alt und damit einmalig und unwiederbringlich. "Man muss da eine gewisse Lockerheit mitbringen. Eine Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl, aber trotzdem noch so locker, dass man es auch machen kann. Ich kenne auch Kollegen, die gehemmt sind, an so einem Objekt zu arbeiten, und das ist dann schwierig," so Seiffert.

Fehler beim Restaurieren in Deutschland sind unwahrscheinlich

Dass in Deutschland eine Restaurierung so komplett misslingt, wie die des Marien-Bildnisses in Valencia, kann sie sich nicht vorstellen. Höchstens, wenn etwa eine Kirchengemeinde den Wert eines Gegenstandes falsch einschätzt und Laien mit der Aufarbeitung beauftragt.  Bevor Annette Seiffert selbst Hand anlegt an ein Objekt wie die Taufe in Klütz, spricht sie sich ab: mit den Denkmalpflegern des Landes, mit den Auftraggebern - mit Kolleginnen und Kollegen, wenn nötig. Die Arbeit wird sorgsam vorbereitet, wird dokumentiert - jeder Schritt genau geprüft. "Diese Beratung durch das Landesamt für Denkmalpflege ist zur Sicherung der Qualität wichtig und auch, dass eine Kontinuität für die Objekte vorhanden ist", so die Expertin.

Die Taufe in Klütz hat das Zeug dazu, zu einem neuen Lieblingsstück Seifferts zu werden. Doch bis ihre Arbeit getan ist, wird viel Zeit vergehen. Restauratoren denken nicht in Wochen - wer sich Millimeter für Millimeter vorarbeitet, auf den Spuren der mittelalterlichen Meister, der denkt in Jahren. Manchmal auch in Jahrzehnten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 24.06.2020 | 19:00 Uhr

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