Stand: 07.11.2017 09:20 Uhr

Andreas Greiner zwischen Kunst und Technik

von Sylvie Kürsten
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Staunend und ein bisschen nerdig: Andreas Greiner arbeitet in seiner Kunst mit Lebendigem aus der Natur. Besonders Oktopoden haben es ihm angetan.

Er ist ein Grenzgänger zwischen Kunst- und Naturwissenschaft: der Künstler Andreas Greiner. Es geht ihm vor allem darum, das Verhältnis von Mensch und Natur auszudrücken, Naturphänomene ins Museum zu transportieren. Da wundert es nicht, dass er als Stipendiat des Umweltbundesamtes in der Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm arbeitet, in einem Projekt, das sich künstlerisch dem Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz widmet. Früher war die Insel Vilm Maler- und Forscherinsel. Heute ist sie Naturschutzgebiet. Und neuerdings auch Ziel für nachhaltig denkende Künstler.

Starker Impuls, raus in die Natur zu gehen

"Ich glaube, dass ich anders als Caspar David Friedrich auf diese Insel komme", sagt Greiner. "Der Maler hatte einen starken Impuls, raus in die Natur zu gehen und sich der Naturerfahrung hinzugeben. Bei mir entsteht das eher aus einer Art Verwunderung, dass es eben sowas gibt wie Natur. Ich habe das Gefühl, ich hab' als Kind sehr viel Zeit mit Computerspielen verbracht und sehr viel Zeit hinterm Fernseher. Jetzt erst entdecke ich ganz bewusst, dass es - überspitzt gesagt - etwas anderes gibt außer Computerspiele: die Natur."

Andreas Greiner mit Fotokamera in der Hand steht im Wald. © NDR/Kulturjournal

Andreas Greiner zwischen Kunst und Technik

Kulturjournal -

Andreas Greiner schlägt eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst, verbindet Hightec mit Naturerfahrung. Dabei stellt er provokante Fragen wie: Ist Technik die neue Natur?

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Algorithmus soll erklären, was Natur bedeutet

Andreas Greiner zeigt sich als Vertreter einer neuen Künstler-Generation: staunend und ein bisschen nerdig. Er ist ein Großstadtmensch in der Ur-Natur, dem Wald auf Vilm. Ein Künstlerphilosoph in Turnschuhen auf Themensuche. "Im Prinzip baue ich hier eine Datenbank auf für einen Algorithmus, der wie ein kleines Kind lernen soll, was Natur bedeutet. Der Trick ist, dass ich ganz viele Foto-Aufnahmen mache. Das kann auch das gleiche Motiv sein, nur leicht versetzt. Dadurch kann der Computer noch besser lernen."

Greiners Hochleistungscomputer mit dem Urwaldarchiv soll bald in Ausstellungsräumen stehen. Dort wird er Filmaufnahmen von Besuchern machen und in Echtzeit in den Wald projizieren. Dann wird eine Museumssäule plötzlich zum Baum, eine weiße Wand zur Farntapete, und wir selbst sind nicht mehr im Museum, sondern in einem Raum zwischen Kunst und Dschungel. Ein programmiertes Paradies in Zeiten von Klimawandel?

"Wenn man sich vorstellt, dass wir als Menschen gedacht haben, die Technik ist der Gegenpol zur Natur. Und mittlerweile, zu Zeiten der künstlichen Intelligenz und der Verselbständigung solcher Computerprogramm, ist die Frage, ob die Technik nicht die neue Natur ist", sagt Greiner. Technik als die neue Natur?

Greiner schlägt Brücke von Wissenschaft zu Kunst

So unscheinbar Andreas Greiner auf den ersten Blick wirkt, so provokant und philosophisch sind die Themen, die er beackert. Er hat Medizin studiert und schlägt eine Brücke von der Wissenschaft zur Kunst. "Ich glaube, ich teile mit Wissenschaftlern so eine Art Grundinteresse am Fragenstellen und Antwortensuchen", erklärt er. "Ich züchte zum Beispiel schon seit acht Jahren biolumineszente Algen zu Hause, die ich auf verschiedenen Installationen verwende. Und wenn man als Künstler mit lebendigem Material arbeitet, dann kann man das nicht an- und ausschalten wie eine LED-Lampe oder einen Computer, sondern man muss sich darum kümmern."

So betreibt der sympathische Grenzgänger Greiner mit Künstlerkollegen einen eigenen Algenreaktor. Er ist fasziniert von diesen Organismen zwischen Pflanze und Tier, von ihrer Fähigkeit, unsere Luft zu säubern. Oder "lebendiges Licht" zu erzeugen. Statt auf Bewegungen im Meer reagieren die Algen in seiner Installation "From String to Dinosaurs" (2014) auf Klänge eines selbstspielenden Klaviers. "Ab einem gewissen Zeitpunkt wollte ich meine Leuchtalgen porträtieren und habe festgestellt, dass das wahnsinnig schöne Mikroarchitekturen sind", schwärmt er.

Die Natur vermenschlichen, greifbarer machen

Andere Künstler porträtieren Menschen - Greiner Tiere. Er gibt ihnen Namen: Peter, die Frischwasseralge, Aya, die Blaualge. Oder auch nur 308: das Skelett eines genetisch veränderten Masthühnchens - bedrohlich wie ein Dinosaurier. Greiner vermenschlicht Natur, macht sie greifbarer, emotionaler. Besonders angetan hat es ihm der Kopffüßler. Dieser ist Inspiration für eines seiner nächsten Kunstwerke: "Klassischerweise sehen wir uns Menschen als Krönung der Schöpfung, als Ende der Evolution, als Lebewesen mit dem ausgeprägtesten Bewusstsein. Wenn man jetzt anfängt, diese menschlichen Qualitäten oder Eigenschaften auf etwas nichtmenschliches Lebendes zu übertragen, dann geht es mir persönlich auch um so eine spielerische Aufwertung und um den Perspektivenwechsel."

Natur - die lässt Andreas Greiner ganz großzügig mitspielen in seiner Kunst. Und zeigt uns ganz poetisch die Grenzen unseres Denkens und auch unserer fragilen Umwelt.

Andreas Greiner in Bern und Berlin

Andreas Greiner arbeitet immer wieder mit unterschiedlichen Teams - Künstlern und Wissenschaftlern - zusammen und verzichtet teilweise ganz auf die Autorschaft seiner Werke. Im Rahmen dieses Beitrags sei die Zusammenarbeit mit den Kollegen von der Naturschutzakademie Vilm hervorgehoben, dem Meeresmuseum Stralsund, der Biologin Julia Lunsford und der Architektin Ivy Fiebig sowie dem Komponisten Tyler Friedman und dem Creative Coder Martin Schneider.

Im November und Dezember sind die Werke von Andreas Greiner in zwei Ausstellungen zu sehen:

  • 9. November: Naturhistorisches Museum in Bern | "Weltuntergang - Ende ohne Ende"
  • 15. Dezember: Galerie "Dittrich & Schlechtriem" in Berlin | "Beobachtung"

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 06.11.2017 | 22:45 Uhr

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