Der südafrikanische Künstler William Kentridge gestikuliert vor einer seiner Skulpturen © Kristin Palitza/dpa +++ dpa-Bildfunk Foto: Kristin Palitza

William Kentridge: Kunst des Weltstars in den Deichtorhallen

Stand: 23.10.2020 12:24 Uhr

Die Deichtorhallen zeigen Kunst aus vier Jahrzehnten Schaffen des Südafrikaners William Kentridge: Filmemacher, Theater- und Opernregisseur.

von Daniel Kaiser

In Hamburg ist seit dem 23. Oktober die Kunst eines Weltstars zu sehen: William Kentridge gilt als einer der bedeutendsten bildenden Künstler unserer Zeit. Das Wirtschaftsmagazin "Capital" zählt ihn in einer aktuellen Liste zu den Top Ten weltweit. Die Deichtorhallen in Hamburg zeigen jetzt eine große Ausstellung mit Werken des Südafrikaners aus 40 Jahren: Zeichnungen, Trickfilme, Videos, Drucke, Skulpturen und riesige Installationen. Immer wieder ist da der Blick auf seine Heimat. Der Titel der Ausstellung: "Why should I hesitate - Putting drawings to work."

Totentanz aus Afrika - lebensgroß

Ein afrikanischer Trauermarsch - lebensgroß: Auf einer 40 Meter langen Leinwand gehen Frauen und Männer langsam von links nach rechts. Eine ergreifende Erinnerung an die Ebola-Epidemie vor fünf Jahren - ein Totentanz, sagt Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow: "Angeführt von einem Blasorchester, das nicht nur melancholische Töne anstimmt, sondern auch Fröhliches, so dass man auch den afrikanischen Freudentanz ein Stück weit hört. Man hat alles: Gerippe, die da klimpern. Menschen mit Prothesen, die im Müll gefundenes Material zu Recyclinghöfen bringen. Man sieht Leute, die sich mit Plastiktüten gegen den Regen schützen."

William Kentridges Kunst ist direkt und sinnlich

Das Leiden Afrikas als Schattenspiel. William Kentridges Kunst ist direkt und sinnlich. In den Deichtorhallen flimmern überall Filme auf Bildschirmen, aus Lautsprechern knattern Musik und Worte. Immer gibt es eine Botschaft. Oft geht es um die Polizeigewalt, die Folter, die Massaker während der Apartheid in seiner Heimat Südafrika. "Er hat das Apartheid-Regime aufs Korn genommen - in unterschiedlichster Weise", so Luckow. Er führe uns die Gewalt des Regimes drastisch vor Augen. Da nehme er kein Blatt vor den Mund. "Man sieht das Gebäude, man sieht die Folterarten, man sieht aber auch die Scham Kentridges, Teil dieser Oberschicht zu sein."

Ein Trickfilm zeigt, wie ein Schwarzer vom Dach des Polizeipräsidiums gestoßen wird - beim Fall sieht man hinter ihm durch die Fenster, wie in jedem Stockwerk gefoltert wird.

Schonungsloser Blick auf Afrika, der aufwühlt

Kentridges Blick auf Afrika ist schonungslos und aufwühlend. Der Ausstellungstitel, übersetzt: "Warum ich zögern sollte", zitiert einen schwarzen Soldaten, der erfährt, dass er für die Weißen im  Ersten Weltkrieg kämpfen soll. Kentridge spürt selbst auch so ein Zögern: Ist es richtig, dass er sich als "weißer Südafrikaner" der Sache der Schwarzen annimmt? Dessen ganzes Werk basiere auf dieser Frage und der Entscheidung, es zu überwinden, um es zu tun, sagt der Deichtorhallen-Intendant.

Der 65-jährige Tausendsassa Kentridge produziert verspielte, poetische Pausenfilme für Opernhäuser. Gleich daneben steht eine Horrorzeichnung - man sieht einen Elefanten mit Gasmaske als Erinnerung an Italiens Abessinienkrieg. Der Künstler kann aber auch heiter: Wenn ein bibeldickes Lexikon im Film zu einem Daumenkino wird oder eine bewaffnete Schwarze Bewegungen aus einer chinesischen Oper aus der Zeit der Kulturrevolution zeigt.

Luckow sagt: "Man wird mit so vielen Welten zugleich konfrontiert. Sei es technisch, historisch oder politisch. Da gibt es so viele Referenzen in Richtung Surrealismus, Dadaismus, Expressionismus. Man hat was Filmisches, man hat Zeichnungen. Man hat eine Installation. Aber was sich durchzieht, ist das Schwarz-Weiß. Er hat sich nie als Maler gesehen. Farben waren nie so seine Sachen. Die Zeichnung ist die Basis seines ganzen Schaffens."

Mit dem wunderbaren Parcours durch 40 Schaffensjahre bekommt man ein Gefühl dafür, warum William Kentridge einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit ist.

William Kentridge: Kunst des Weltstars in den Deichtorhallen

Die Deichtorhallen zeigen Zeichnungen, Trickfilme, Videos, Drucke, Skulpturen und riesige Installationen des Künstlers.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen
Deichstorstr 1 - 2
20095Hamburg
Preis:
12 Euro (ermäßigt 7)
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11 - 18 Uhr
Montags geschlossen
Jeden 1. Do im Monat 11 - 21 Uhr
Hinweis:
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 22.10.2020 | 19:00 Uhr