Stand: 11.04.2019 12:15 Uhr

Ausstellung: Woher kommt die Angst vor Wölfen?

von Anette Schneider

Kaum eine Woche vergeht, in der die Presse nicht einen mutmaßlichen Wolfsangriff gegen Schafe melden würde, ein Wolf in der Nähe eines Dorfes gesichtet wurde oder gar einer Stadt. Nach anfänglicher Sympathie für den Vierbeiner wirkt die Berichterstattung zunehmend hysterisch. Das MARKK, das Hamburger Museum am Rothenbaum, will nun dem Wolf auf die Schliche kommen: Ab dem 12. April läuft dort die Sonderausstellung "Von Wölfen und Menschen".

Aus der Ausstellung: Wölfe und Menschen

Die Ausstellung beginnt mit einem Trickfilm, in dem das Graffiti eines Wolfes zum Leben erwacht und auf Hauswänden durch eine Stadt jagt. Diese Vorstellung löst bei den einen Panik aus und bei anderen erzeugt sie Faszination - womit die Ausstellung mitten in die polarisierte Debatte um den Wolf springt.

Warum hat der Mensch Angst vor Wölfen?

"Von Wölfen und Menschen" solle zeigen, wie die Reaktionen des Menschen auf die Rückkehr des Wolfes zu erklären seien, so Kuratorin Johanna Wild: "Die meisten Menschen haben noch keinen Kontakt mit Wölfen gehabt. Woher kommen also diese Reaktionen?" Dort seien die kulturellen Überlieferungen zu erforschen. "Woher kommen diese Sehnsüchte, die Ängste, die Zuschreibungen, die mit dem Wolf verbunden sind?"

In mehreren Kapiteln kreist die Ausstellung um das widersprüchliche Verhältnis des Menschen zum Wolf. Die beiden Kuratorinnen haben dafür in den hauseigenen Sammlungen Erstaunliches zutage gefördert - und es um einige aktuelle Kunstwerke erweitert.

Schäfer und Jäger berichten über Erfahrungen

Eingangs wird der Besucher mit Fakten versorgt: So gibt es etwa 500 Wölfe in Deutschland und 1,6 Millionen Schafe. Unter einem Hochstand laufen Monitore mit Interviews von einem Schäfer, einem Jäger und einer Naturschützerin zum Thema Wolf - natürlich mit Wolfsgeheul.

Das Bild vom bösen Wolf

Dann geht es ans Eingemachte: Uralte Waffen und Fallen dokumentieren die systematische Bejagung des Wolfes seit dem Mittelalter. Ein Ölgemälde feiert seine Ausrottung vor 150 Jahren als zivilisatorische Leistung. Damals erschienen auch die ersten Märchen mit dem Bild vom bösen Wolf.

Andere Kulturen verehren das Tier

Ein großes Wandbild zählt Städte, Sportvereine und Männernamen auf, die sich stolz nach dem starken Tier benannten - davor steht ein Fleischwolf. Und etwas weiter dokumentieren Felle und Masken die Verehrung des Wolfes in anderen Kulturen. Wo man hinschaut, erkennt man Gegensätze und Ambivalenzen.

"Der Wolf ist eine Figur, die dem Menschen sehr ähnlich ist: im Jagdverhalten und im Familienverhalten", sagt Kuratorin Lara Ertener. Mit Wölfen könne der Mensch sich gut identifizieren. "Auf der anderen Seite gibt es aber viele Bilder, die in Europa kultiviert worden sind: von der negativen Figur, die versucht, zu bedrohen und die man wunderbar als Abgrenzungsfigur benutzen kann und als Feindbild, gegen das man sich schützen muss."

Der Wolf zur Disziplinierung und als Verbündeter

Früh nutzte die Obrigkeit die Angst vor dem Wolf als Disziplinierungsmittel: Ein kleiner Stich von Lucas Cranach aus dem Jahr 1512 zeigt einen Mann als menschenverschlingenden Werwolf. Wer damals anders war, galt als vom Teufel besessen. Der moderne Mensch, der seine Triebe - vor allem seine sexuellen Neigungen - nicht unter Kontrolle hat, wird hingegen zum Tier - wie zahlreiche Filmplakate zeigen.

Bemalte Holzmasken, die in vielen Kulturen von Usbekistan bis Nordamerika zu finden sind, zeigen die wichtige Rolle der Wölfe in der Ursprungsmythologie. "In den verschiedenen Gemeinden an der pazifischen Nordwestküste waren Wölfe tatsächlich Verbündete oder auch Verwandte, die ihr Wissen geteilt haben, um die Menschen zu unterstützen", berichtet Johanna Wild. Diese Wölfe würden in Wolfstänzen immer noch kontaktiert.

Der Wolf als Projektionsfläche

Immer mehr schält sich zwischen den eindringlichen und erhellenden, erschreckenden und faszinierenden Objekten und Kunstwerken heraus: Der Wolf diente dem Menschen als Projektionsfläche. Wobei sich in unseren Breiten mehr und mehr zeigt: Hier ist der Mensch dem Menschen ein Wolf. Eindrucksvoll ist das auf dem Plakat zum Wallstreet-Film "The Wolf Of Wall Street" mit Leonardo DiCaprio als raubtierhaftem Börsenmakler zu sehen - oder im Verweis auf deutsche und türkische Faschisten, die den Wolf als Symbol für ihre grausame, menschenverachtende Ideologie missbrauchten.

Ein Wolf.

Jeder Riss eine News: Wolfswut in den Medien

ZAPP -

Während sich Naturschützer über die heimischen Wölfe freuen, haben viele Bürger inzwischen Angst vor ihnen. Jeder Wolfsriss sorgt für Schlagzeilen, viele Berichte fördern die Angst geradezu.

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Und weil der Kapitalismus alles zur Ware macht, steht man am Ende dieser beeindruckend diskursiven und durchdachten Ausstellung vor dem Wolf als Werbeträger: für Hundefutter und Starkbier.

Ausstellung: Woher kommt die Angst vor Wölfen?

Das MARKK in Hamburg stellt das Tier in den Mittelpunkt, das vor 150 Jahren in Deutschland als ausgerottet galt und nun wiederkehrt: der Wolf. Bis Oktober ist die Ausstellung zu sehen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
MARKK - Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt
Rothenbaumchaussee 64
20148  Hamburg
Preis:
8,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr
Donnerstag bis 21 Uhr
Montag geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.04.2019 | 19:00 Uhr

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