Stand: 21.11.2018 14:10 Uhr

Raubkunst? Das Marmorpaneel aus Ghazni

von Silke Lahmann-Lammert

Anders als manche ihrer Kollegen hat Museumschefin Sabine Schulze nie einen Zweifel gelassen: Raubkunst hat in in der Sammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe (MKG) keinen Platz. Konsequent lässt die Direktorin die Bestände überprüfen und Stücke, die auf dubiosen Wegen ins Haus gelangt sind, ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Nun stellte das MKG einen besonders spektakulären Fund von Diebesgut vor.

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Das Wandpaneel aus Marmor könnte direkt aus "Tausendundeine Nacht" stammen.

Tobias Mörike, Leiter der islamischen Kunstsammlung im Museum für Kunst und Gewerbe, schließt die Tür zum Depot auf. Dort steht eine Holzkiste zum Transport in die Ausstellungsräume bereit. Mörike öffnet den Deckel und schlägt eine Lage Seidenpapier beiseite. Darunter kommt ein Wandpaneel aus Marmor zum Vorschein. Üppig verziert - so, als käme es geradewegs aus den Gemächern, in denen die Märchenprinzessin Scheherezade ihre 1.001 Geschichten erzählte.

Zeit für Recherche fehlt

Tatsächlich stammt das Paneel aus dem afghanischen Ghazni, wo es im 12. Jahrhundert den Palast Sultan Mas'ud III. schmückte. Vertreter des Museums für Kunst und Gewerbe entdeckten das Prachtstück 2013 im Katalog eines Pariser Auktionshauses. Silke Reuther, die als Provenienzforscherin am MKG die Bestände auf Raubkunst prüft, erläutert das Problem bei Auktionen: "Der Termin steht fest. Sie haben keine Möglichkeit mehr zu sagen: Wir müssen recherchieren, wir brauchen einfach noch Zeit."

Funde wurden aufgeteilt

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Das Paneel wurde Mitte des 20. Jahrhunderts bei einer Grabung italienischer und afghanischer Archäologen entdeckt.

Die Museumsverantwortlichen verließen sich wohl oder übel auf die Angaben des Auktionshauses ein, boten mit - und bekamen den Zuschlag. Zumindest eine Information des Versteigerers erwies sich als richtig, erklärt Reuther: Das Marmorpaneel ist eines von mehreren Objekten, die Mitte des 20. Jahrhunderts bei einer Grabung italienischer und afghanischer Archäologen entdeckt wurden. Damals teilten die Wissenschaftler die Funde untereinander auf. Ein Teil ging - völlig legal - nach Italien, der Rest wanderte ins Islammuseum von Ghazni.

Ende der 1970er-Jahre, als die Sowjetarmee in Afghanistan einmarschierte, ließ die Museumsleitung die Bestände in externe Depots auslagern, um die Sammlung in Sicherheit zu bringen - und während dieser Zeit sei dieses Paneel verschwunden, so Reuther. Offenbar nutzten Kriminelle die Kriegswirren, um die Objekte zu stehlen und auf dem Kunstmarkt anzubieten: "Es muss einen großen Transfer von Kulturgütern gegeben haben - an der Antikenbehörde vorbei."

Raubkunst aus Museumsbeständen

Einen entscheidenden Hinweis bekam das MKG von einer italienischen Archäologin: Sie konnte nachweisen, dass das Paneel nicht - wie vom Auktionshaus behauptet - zu den legal ausgeführten Funden gehört, sondern Raubkunst aus afghanischen Museumsbeständen ist: "Ich bin allerdings der Ansicht, dass die sehr genau gewusst haben, was sie da verkauft haben. Und dass sie bestimmte Literatur im Auktionskatalog mitgeliefert - und andere Literatur eben auch weggelassen haben."

Offensiv mit eigenen Fehlern umgehen

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In der Ausstellung wird das Raubkunstpaneel samt allen Details seiner Geschichte präsentiert.

Provenienzforscherin Silke Reuther verhandelt zur Zeit mit afghanischen Stellen über die Rückgabe des Kunstwerks. Ob das Museum sich auf einen Rechtsstreit mit dem Auktionshaus einlässt, steht noch nicht fest. Wichtiger fanden die Verantwortlichen, offensiv mit dem eigenen Fehler umzugehen: In einer Ausstellung präsentieren sie das Raubkunstpaneel und erzählen alle Details seiner Geschichte. "Es ist wichtiger, so ein Zeichen zu setzen, an die Öffentlichkeit zu gehen, als einen Rechtsstreit zu führen, der irgendwann zwischen Juristen in einem Vergleich ausgehandelt wird und im Verschwiegenen, im Verborgenen stattfindet. Das ist es etwas, an dem man nicht vorbeigucken kann", so Reuther.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 21.11.2018 | 09:55 Uhr