Stand: 12.06.2018 16:58 Uhr

Nach Ausstellungs-Aus: Was darf Kunst in der Kirche?

von Amelia Wischnewski

Darf man stillende Mütter in der Kirche zeigen? Bilder von nackten Kindern? Die Reihe "Hinsehen. Reinhören." holt zeitgenössische Künstler in Hamburger Kirchen, darunter auch Größen wie Ai Weiwei. Aber es sind die Arbeiten der jungen Fotografin Julia Krahn, die die katholische Gemeinde St. Ansgar in der Hamburger Innenstadt in ein Dilemma gestürzt haben. Die Künstlerin wurde wieder ausgeladen. Nun hat sie selbst eine Debatte angestoßen.

"Was können wir von Kindern zeigen?"

"Das Schmerzhafte an der ganzen Geschichte war tatsächlich zu lesen, dass man befürchten würde, meine Bilder könnten Frauen an den #MeToo-Skandal erinnern oder Missbrauchsopfer verletzen", erzählt Julia Krahn. "Das hat mir natürlich sehr, sehr wehgetan." Stephan Loos vertritt als Leiter der katholischen Akademie die Kirche und meint dagegen: "Ich kann ein solches Kunstwerk nicht zeigen, ohne mir bewusst zu machen, dass wir gesellschaftlich parallel über die Frage diskutieren, wie werden Frauen in der gegenwärtigen Situation dargestellt. Kirchlicherseits ringen wir mit der Frage: Was können wir von Kindern zeigen und was können wir nicht zeigen?"

Bilder der abgesagten Fotoausstellung

Kirche trifft moderne Kunst

Wenn Kirche auf moderne Kunst trifft, führt das zu Reibung. Das ist durchaus gewollt. In diesem Fall aber knallt es. Der Auslöser: die Fotografien von Julia Krahn. Sie greifen Motive aus der christlichen Bilderwelt auf und zeigen zum Beispiel eine stillende Mutter. Das Kind auf ihrem Schoß ist nackt. Warum das in einer Kirche nicht gezeigt werden darf, versteht sie nicht: "Mir geht es darum, dass wir gesellschaftlich meiner Meinung nach dabei sind, einen kranken Blick zu entwickeln. Ich kann in einem nackten Kind doch nichts Böses sehen. Ein Kind kann sich selbst nicht als nackt empfinden. Das ist absolut noch in der Gnade, ein Kind ist unschuldig. Wenn ich dieses Kind als nackt beschreibe und sogar verdecke, dann nehme ich dem Kind seine Kindheit."

Zensiert oder nicht?

Julia Krahn,  33MM Isabel pixel, 2018 © Julia Krahn, the artist Fotograf: Julia Krahn

Keine Fotoausstellung in St. Ansgar

NDR Kultur -

Die Bilder der Fotografin Julia Krahn haben eine katholische Gemeinde in Hamburg-Niendorf in ein Dilema gestürzt. Für manche Kirchenvertreter gab es zu viel nackte Haut.

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Kurz vor Ausstellungseröffnung wurde die Nacktheit zunehmend zum Thema. Die Kirchenvertreter einigten sich mit der Künstlerin darauf, den zweijährigen Jungen und die Brust der Frau auf den überlebensgroßen Fotografien zu pixeln. Die Künstlerin machte mit. Und versah ihre Bilder mit dem Zusatz: "zensiert". Stephan Loos, Direktor der katholischen Akademie in Hamburg sagt: "Es war völlig klar, dass dieser Kirchenraum kein Raum ist, an dem sich die Freiheit der Künstlerin uneingeschränkt ausdrücken darf, sondern es war immer klar, die Freiheit der Künstlerin endet da, wo die Religionsfreiheit derer, die zum Gottesdienst und zum Gebet kommen, beginnt. Und deswegen ist der Vorwurf des Zensiert-Seins auch falsch."

Liegt der Grund für die Absage in der Vergangenheit?

Gemeindemitglieder könnten sich beim Anblick der nackten Jungen und Frauen beim Beten gestört fühlen, meinen die Vertreter der Kirche. Mit dem Verweis auf die #MeToo-Debatte sagen sie die Ausstellung ab. Julia Krahn ist fassungslos: "Warum haben wir heute mehr Angst vor Schönheit, Natürlichkeit und unbekleideten Körpern, die nicht in vulgären Situationen sind, sondern zum Beispiel eine Mutter, die ihr Kind stillt?"

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Was Julia Krahn nach eigenen Angaben nicht als Grund für eine Absage genannt wurde: Erst 2010 wurde bekannt, dass ein Pfarrer der St. Ansgar Gemeinde, der in den 1980er-Jahren Jugendseelsorger war, Kinder sexuell missbraucht hatte. Stephan Loos: "Wir können solche Bilder nicht mit der Naivität aushängen, wie Frau Krahn das möglicherweise in ihrem Hinweis auf die reine pure Schönheit der stillenden Mutter und ihres Kindes tut. Diese Form von Naivität geht mir ab, als jemandem, der eine Institution vertritt, die sich in den letzten Jahrzehnten durch den schlimmsten Kindesmissbrauch vergangen hat. Noch dazu in einer Gemeinde, in der es früher einen Pfarrer gab, der sich diesbezüglich schuldig gemacht hat." Der Täter von damals konnte strafrechtlich nicht verfolgt werden, da die Verjährungsfrist abgelaufen war.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.06.2018 | 14:20 Uhr

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