Stand: 16.09.2019 12:00 Uhr

Kindesmissbrauch: Treffen mit dem Täter

von Thorsten Mack

Das Foto eines Mannes mit herausgekratztem Gesicht, dazu der Satz "Ich hatte so eine glückliche Kindheit. Bis Du kamst": Die Fotografin Sina Niemeyer ist als Kind sexuell missbraucht worden, von einem Bekannten. In ihrer Arbeit "Für mich" zeigt sie das Thema Missbrauch und die Folgen: Sie hat den Mann, der ihr Leben zerstört hat, getroffen und mit seiner Tat konfrontiert - und das Gespräch künstlerisch verarbeitet. "Ich hätte eigentlich auch während des Treffens gerne schon fotografiert, weil das ein bisschen so zu meinem Schutzmechanismus geworden ist und auch zu einem Verarbeitungstool. Aber das ging natürlich nicht", sagt sie.

Eine Frau, deren Gesicht von ihren Haaren verdeckt ist. © Sina Niemeyer

Kindesmissbrauch künstlerisch verarbeitet

Kulturjournal -

In ihrer Arbeit "Für mich" zeigt Sina Niemeyer das Thema Missbrauch: Sie hat den Mann, der ihr Leben zerstört hat, getroffen und das Gespräch künstlerisch verarbeitet.

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Eindrucksvolle Fotos, ein verstörendes Video, Texte: Sina Niemeyers Projekt ist Teil einer Ausstellung im Hamburger Haus der Fotografie. Die vielseitigen Formen eröffnen eine Geschichte, die sie so betitelt:

"You taught me how to be a butterfly - only so you could break my wings.
Du machtest mich zu einem Schmetterling - nur um gleich darauf meine Flügel zerbrechen zu können."

"Ich war da ungefähr elf, als sozusagen ein Hauptereignis passiert ist, und ich konnte das nicht einordnen", erzählt sie. "Ich weiß noch, ich saß in der Schule und meine Gedanken gingen her zwischen 'ich bin vergewaltigt worden und es war gar nichts'. Und dazwischen - ich hatte irgendwie keine Abstufungen, keine Graustufen, keine Worte für dazwischen."

Kunst um die Sprachlosigkeit zu überwinden

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Sina Niemeyer will Kinder wehrhafter machen, sie darin stärken, dass sie Recht haben mit dem, was sie fühlen.

Kunst als Therapie und um die Sprachlosigkeit zu überwinden. Zuerst entstand ein Buch. Die eigene Geschichte ist das Material, dazu gehören auch alte Fotos mit dem Täter. "Als ich angefangen habe mit dem Buch oder überhaupt zu arbeiten, habe ich gemerkt: Ich war nie wütend. Alle Wut und Aggression habe ich immer nur an mir selbst ausgelassen. Durch selbstzerstörerisches Verhalten. Und habe mir alles geholt, auch bewusst Gegenstände, mit denen ich mich selber früher verletzt habe, um diese Bilder zu zerkratzen und an ihnen meine Wut auszulassen. (...) Wenn ich damals in dem Alter so ein Buch in der Hand gehabt hätte, hätte mir das unheimlich geholfen, denn ich habe mich total alleine damit gefühlt, total unverstanden. Und wenn man sich Statistiken anschaut, ist das eigentlich voll der Quatsch, weil es super viele Betroffene gibt."

Missbrauch: ein bis zwei Betroffene in jeder Schulklasse

Schnell denkt man bei Missbrauch an die üblichen Verdächtigen wie zum Beispiel die katholische Kirche - ein gefährlicher Trugschluss. In Deutschland sollen in jeder Schulklasse ein bis zwei Betroffene sein - meistens kommen die Täter aus dem direkten Umfeld. Eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, nicht nur für Institutionen. "Es passiert überall. Und es ist nicht nur die katholische Kirche, und es sind auch nicht nur vernachlässigte Kinder", sagt Niemeyer.

Die Fotografin will Aufmerksamkeit schaffen, etwas verändern. Es gibt in Deutschland keine zentrale Anlaufstelle für Betroffene, nur viele kleine lokale Hilfsvereine. Therapien für Täter sind Mangelware. Am wichtigsten ist für sie aber, Kinder wehrhafter zu machen, zu stärken: "Vor allem Kinder so zu erziehen, dass sie immer für sich das Gefühl haben, dass sie Recht haben, mit dem, was sie empfinden. Und dass sie auch gar nicht unbedingt in Worten begründen müssen, warum sie jetzt gerade etwas nicht wollen, sondern einfach das ihr Nein akzeptiert wird, und sie sich irgendwie bemerkbar machen können, wenn etwas nicht stimmt."

Gespräch mit dem Täter: "Ich kann mich wehren."

Ihre Arbeit ist wichtig, eindrucksvoll, nahegehend. Und sehr mutig. Nicht jeder oder jede Betroffene würde oder sollte ein Gespräch mit dem Täter führen. Eigentlich begleitete sie auch eine Therapeutin - doch die musste ungeplant kurz den Raum verlassen. Am Ende wurde das zu einem Glücksfall. "Auf jeden Fall saß ich auf einmal alleine mit ihm in einem Raum. Was für mich natürlich die schlimmste Vorstellung war, eine meiner riesigsten inneren Ängste, ich aber begriffen habe: Ich bin jetzt erwachsen. Ich kann mich wehren. Ich kann schreien. Es ist jemand nebenan. Ich kann was unternehmen. Und ich mich innerhalb von fünf Minuten also total ermächtigt habe. Und das war für mich ganz ganz wichtig."

In der Begegnung hat sie seine Schwäche gespürt - und ihre Stärke. Jetzt hat sie keine Angst mehr vor ihm.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 16.09.2019 | 22:45 Uhr

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