Stand: 18.12.2017 14:38 Uhr

Madame d'Ora: Fotografin der Vergänglichkeit

von Anette Schneider

Die Wiener High Society riss sich darum, von Madame d’Ora fotografiert zu werden: Anita Berber, Josephine Baker, Anna Pawlowa, Maurice Chevalier - Prinzessinnen, Schauspielerinnen, die Wiener Künstlerbohème - alle drängten zu der Fotografin, denn niemand schuf Anfang des 20. Jahrhunderts so elegante Porträts wie sie. "Madame d’Ora. Machen Sie mich schön!" heißt deshalb auch die Ausstellung, die jetzt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen ist. Sie gibt mit 170 Arbeiten aus 50 Jahren erstmals einen umfassenden Gesamtüberblick über das Werk der Künstlerin.

Die Porträtistin der Wiener und Pariser Gesellschaft

Aristokratisch-elegant präsentieren sich die Damen in bodenlangen Kleidern aus Seide, Brokat, Tüll und Pelz. Ob Komtessen und Hofrätinnen oder berühmte Schauspielerinnen und Tänzerinnen - alle rissen sich darum, von Madame d’Ora in Szene gesetzt zu werden. Nun dürfen sie - zusammen mit in derselben Zeit entstandenen sachlichen Porträts von Karl Kraus, Max Liebermann oder Gustav Klimt - die Ausstellung eröffnen.

Inszenierung der schönen Oberfläche

Madame d’Ora ging es nicht darum, ein Charakterporträt zu zeigen, sondern sie inszenierte die schöne Oberfläche, erklärt Kuratorin Esther Ruelfs: "Sie empfiehlt den Frauen, weiche Tücher, Pelze, Schals mitzubringen, in denen sie sie dann drapiert."

Madame d’Ora, die 1881 als Dora Philippine Kalmus in einer großbürgerlich-jüdischen Wiener Familie geboren wurde, eröffnete 1907 ihr erstes Atelier. Schnell galt sie als die Fotografin der Wiener High Society und der Künstlerbohème. So kennt und schätzt man sie bis heute. Sie war Gesellschafts- und Modefotografin. Besonders spannend findet Kuratorin Esther Ruelfs allerdings ihr Nachkriegswerk, und auf dem liege auch der Fokus der Ausstellung: "Das ist ein interessantes, weil sehr brüchiges Werk."

Flucht vor den Truppen der Wehrmacht

In den 10er-Jahren wurde Madame d'Ora zu einer der wichtigsten Modefotografinnen ihrer Zeit, in den Zwanzigern prägte sie das Bild der "neuen Frau" in Hängerkleidchen und mit Bubikopf. Und obwohl sie 1925 nach Paris zog, verlangten die führenden deutschen Mode-Illustrierten weiterhin ihre Aufnahmen - bis 1940 die deutsche Wehrmacht in Paris einmarschierte, so Ruelfs: "Sie muss ihr Studio verkaufen und hält sich dann versteckt in einem kleinen Ort in der Ardeche, sie überlebt dort den Holocaust. Sie versucht auch noch, zu emigrieren und auch ihre Schwester, die in Österreich lebt, nachzuholen und nach Spanien zu emigrieren. Das misslingt aber und ihre Schwester wird im KZ ermordet."

Fotografien von Menschen in Sammellagern

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Aufnahme aus einem Sammellager, in dem Madame d'Ora Flüchtlinge porträtierte.

Mit der Befreiung vom Faschismus beginnt der zweite Teil der Ausstellung: 1945 reiste Madame d'Ora nach Wien und Salzburg und fotografierte in Sammellagern für "displaced persons" jüdische Überlebende, die auf ihre Ausreise nach Israel warteten. In den Haltungen der Menschen spiegelt sie deren erlittenes Leid: etwa, wenn ein alter Mann und eine alte Frau auf einem Sofa hocken, sich panisch umklammern, sich gegenseitig stützen.

Noch nie waren so viele Arbeiten aus dem Spätwerk der Künstlerin zu sehen wie jetzt in Hamburg. Noch nie sah man so umfassend, was sie nach 1945 umtrieb. So interessierte sich die Künstlerin zwar nicht mehr für die schöne Hülle der High Society, doch richtete sie ihr Augenmerk weiterhin auf das Phänomen Oberfläche.

Morbide Szenen, Schlachtabfälle und Tierkadaver

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Mit Schlachtabfällen widmete sich Madame d'Ora in den 50er-Jahren zunehmend dem Thema Vergänglichkeit.

Anfang der 50er-Jahre etwa inszenierte Madame d’Ora mit einem exzentrischen Dandy und Ballett-Leiter eine morbid-abgründige Serie: Man sieht seinen kahlen Kopf mal umringt von gehäuteten Schafsköpfen, mal ausgeleuchtet wie ein Totenschädel. "Beide arbeiten an einer Inszenierung, die ihn als brüchige Figur, als hinfälligen, kranken alten Mann zeigt", erklärt Kuratorin Ruelfs, "und das sieht man hier auch, dass die Fassade einen Riss bekommt."

Mitte der 50er-Jahre riss die Fotografin die brüchig gewordene Fassade endgültig ein: Sie ging in die Pariser Schlachthöfe und fotografiert Tierkadaver! Es entstanden große Serien albtraumhafter Bilder, darunter Nahaufnahmen von Schlachtabfällen, Haut und Kadavern - von Oberflächen. Madame d’Ora, Überlebende der faschistischen Judenverfolgung, zwingt den Betrachter so, genau hinzusehen - und sich dem gerade Geschehenen zu stellen.

So führt die eindringliche Ausstellung erstmals nachvollziehbar vor, wie die Fotografin Oberfläche immer auch als Metapher nutzte: von der glänzenden Oberfläche der Reichen und Schönen, über die Oberfläche als Spiegel für Vergänglichkeit - bis hin zur enthäuteten, geschundenen Oberfläche als Ausdruck des millionenfachen Judenmords.

Madame d'Ora: Fotografin der Vergänglichkeit

Josephine Baker, Coco Chanel und Anita Berber: Die Wiener Fotografin Madame d'Ora bekam sie alle vor die Kamera. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt ihre Werke.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
20099   Hamburg
Preis:
12 Euro, ermäßigt 8 Euro (Schüler, Studierende, Azubis, Zivil- und Wehrdienstleistende, Erwerbslose und Sozialhilfeempfänger, Schwerbehinderte, Inhaber der NDR Kultur Karte), Do ab 17 Uhr 8 Euro, bis 17 Jahre frei
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr
Donnerstag: 10-21 Uhr
Donnerstag an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr
geschlossen: Heiligabend und Silvester
Kassenschluss jeweils 30 Minuten vor Schließung des Museums.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.12.2017 | 19:00 Uhr

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