Stand: 12.06.2019 12:06 Uhr

Als aus der Fotografie eine neue Kunst wurde

von Danny Marques

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg sortiert seit einiger Zeit seine Fotobestände neu. Im Rahmen dieser Neuordnung ist die Ausstellung "Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980" entstanden. Dabei geht es gleich um eine ganze Reihe Fotografen, die ihre Bilder als Kunst verstanden, als dieses Denken in der Kulturszene noch gar nicht angekommen war.

Bilder der Ausstellung "Wolfgang Schulz" im MKG

Mitte der 70er-Jahre sind die Bedingungen für Fotoliebhaber schlecht. Es gibt kaum öffentliche Räume, in denen über Fotos gesprochen wird, geschweige denn Ausstellungen. Auch Wolfgang Schulz ist eigentlich Naturwissenschaftler. Von Herzen ist er aber leidenschaftlicher Fotograf und so gibt er ab 1977 von Göttingen aus die Fachzeitschrift "Fotografie - Zeitschrift internationaler Fotokunst" heraus. "Eine Zeitschrift wie 'Fotografie' war so ein Ort, wo man sich kennengelernt hat", sagt Co-Kuratorin Esther Ruelfs. "Wolfgang Schulz konnte auch nur die Leute ansprechen, die er kannte, da lief ganz viel über soziale Kontakte."

Nüchtern und dokumentarisch - wild und ästhetisch

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Wilhelm Schürmann (*1946), Kohlscheid 1978, Silbergelatinepapier, 21,4 x 28 cm, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Die Zeitschrift ist das Grundgerüst der Ausstellung, die knapp 150 Bilder von 16 Fotografen zeigt. Die meisten davon sind schwarz-weiß. In vielen Bildern geht es um den Zusammenhang zwischen dem Persönlichen und dem Gesellschaftlichen. So wie bei den Bildern von Wilhelm Schürmann, der laut Ruelfs einen starken dokumentarischen Zugang sucht. "Er geht an den Ort seiner Kindheit zurück, nach Dortmund-Lüttgen und fotografiert dort Menschen, Interieurs und Straßenzüge und schaut mit einem sehr nüchternen Blick auf dieses eigentlich sehr hochemotionale Thema."

Nüchtern - so wirken die meisten der Bilder in der Tat. Viele zeigen nur Detailaufnahmen wie ein Treppengeländer oder die Schrammen in einer Wand. Andere Bilder sind dagegen wild: eine alte Frau, anscheinend verwirrt, in einer zugestellten Wohnung. Fast immer sind die Fotos beobachtend - wie aus der Perspektive einer Fliege an der Wand.

Wolfgang Schulz bietet mit der Zeitschrift "Fotografie" eine neue Heimat

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Heinrich Riebesehl (1938–2010), "Schillerslage (Hannover), Okt. 78" aus der Serie "Agrarlandschaften", 1978, Silbergelatinepapier, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Heinrich Riebesehl kam aus dem Emsland. Auf seinen Bildern sieht man weite Felder, schön und melancholisch zugleich. "Bei Heinrich Riebesehl ist die Landschaft das Thema. Sozial heißt in dem Fall nicht immer, dass da Menschen drauf sein sollen", erklärt Ruelfs. "Er interessiert sich für Landschaft als natürliches, als Produkt einer Verstädterung und von Industrialisierung."

Das Dokumentarische eint die Fotografen, die ab 1977 in Wolfgang Schulz' Zeitschrift endlich ein Medium finden. "Heute hat man einen Riesenmarkt, um den sich alles dreht. In der Zeit war das nicht so", schildert die Co-Kuratorin. "Es gab zwar ein paar Galerien. Aber es gab weder einen Kunstmarkt noch Museen, die ausgestellt haben. 

80er-Jahre: Nur wenige Frauen in der Fotografie tätig

Besonders schwer ist es in den 70er- und 80er-Jahren für Frauen hinter der Kamera. Denn der überwiegende Teil der Fotografen, die Wolfgang Schulz in der "Fotografie" vorstellt, sind Männer. Die Ausstellung will das ein bisschen anders machen. "Das war auch für mich ein Impuls noch mal zu schauen, wer hat denn eigentlich publiziert? Wer war denn da noch aktiv?", sagt Ruelfs. Über die Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen hätten sie dann Arbeiten von Fotografen und Fotografinnen aus der Zeit angekauft.

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Deutschlandbesuch von US-Präsident Ronald Reagan am 9. und 10. Juni 1982 in Bonn. Angela Neuke (1943–1997), 1982, Silbergelatinepapier, 18,6 x 28 cm, LVR Landesmuseum Bonn.

Zum Beispiel von Angela Neuke, die den Staatsbesuch von US-Präsident Ronald Reagan dokumentierte. Die Fotos sind zwar immer aus der Distanz, aber gerade dadurch und durch Schutzpolizisten im Vordergrund stellen diese Bilder infrage, wie volksnah Politik zu der Zeit ist. So macht sich Neuke in den 80er-Jahren einen Namen unter Kollegen.

Zeitschrift "Fotografie" wird 1985 eingestellt

"Die 80er-Jahre waren die Zeit, wo Fotografie zum ersten Mal in die Museen kam, wo sie zum ersten Mal auf der Documenta war, wo die Szene im Begriff war, eine Szene zu werden", erzählt Ruelfs. Trotz der positiven Entwicklung wird die Zeitschrift "Fotografie" 1985 eingestellt.

Die neue Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, wie vielfältig die beteiligten Fotografen waren. Sie zeigen eine Bundesrepublik von manchmal morbider Schönheit - aber auch von unerträglicher Einöde. Großartig, dass dieser Moment in der Geschichte Deutschlands von Wolfgang Schulz und seinen Mitstreitern für die Ewigkeit festgehalten wurde.

Als aus der Fotografie eine neue Kunst wurde

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, wie die Fotografie in den 70ern und 80ern zur Kunstform wird. Eine große Rolle spielt Wolfgang Schulz' Fachzeitschrift "Fotografie".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
20099  Hamburg
Telefon:
040 / 428134880
Preis:
12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Do. ab 17 Uhr 8 Euro, unter 18 Jahren frei
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr
Donnerstag: 10-21 Uhr
Donnerstag an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 12.06.2019 | 10:20 Uhr

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