Eine Frau macht ein Selfie mit dem Kunstobjekt "Rabbit" von Jeff Koons. © picture alliance / newscom Foto: JOHN ANGELILLO

Strohfeuer und Dauerbrenner am Kunstmarkt: Was bleibt?

Stand: 14.10.2021 08:24 Uhr

Spätestens als 2019 bei Christie's stolze 91 Millionen Dollar für Jeff Koons "Rabbit" gezahlt wurden, war klar, dass auf dem Kunstmarkt alles möglich ist. Um zu verstehen, wie dieser tickt, hilft ein Blick in die Vergangenheit.

von Silke Lahmann-Lammert

Anton von Werner gehörte zu den bekanntesten Malern der wilhelminischen Ära. Er genoss nicht nur die Gunst des Kaisers, er leitete auch den "Verein Berliner Künstler". In dieser Funktion lud er 1892 den jungen Norweger Edvard Munch zu einer Einzelausstellung in die deutsche Hauptstadt ein. "Als man die Kisten aufmachte und die Bilder aufhängte, war man völlig überrascht von dem, was da zu sehen war", schildert der Kunsthistoriker Uwe Schneede. Eine so ungestüme Malweise hatten die Berliner Künstler noch nie zu Gesicht bekommen. Die Vereinsmitglieder - allen voran der konservative Anton von Werner - reagierten empört. "Das, was Munch da machte, das sei eine Gemeinheit und eine Schweinerei. Wörtlich soll er es so gesagt haben", berichtet Schneede.

Edvard Munch: Vom Skandalkünstler zum Superstar

Die Ausstellung wurde vorzeitig geschlossen: Ein Skandal, der öffentliche Grabenkämpfe zwischen Munch-Gegnern und -Befürwortern nach sich zog. Uwe Schneede nennt Munch als Beispiel dafür, wie schnell sich der Kunstmarkt wandeln kann: "Wenn man sich vor Augen führt, dass Edvard Munch 20 Jahre später als einer der größten, bedeutendsten Wegbereiter der Moderne in der europäischen Malerei galt, dann wird einem deutlich, wie die Geschmäcker, die Kunsturteile, die Bewertungen im Bereich der Kunst sich ändern können."

Ein älterer Mann mit weißen Haaren und Anzug  Foto: Jens Wolf
Der Kunsthistoriker und Kurator Uwe Schneede war von 1991 bis 2006 Direktor der Hamburger Kunsthalle.

Heute zählen Munchs Bilder - insbesondere "Der Schrei" - zu den bekanntesten Werken der Kunstgeschichte. Aber wer kennt noch ein Gemälde des Historienmalers Anton von Werner? Die Frage, was gute Kunst ist, wird immer wieder neu verhandelt, weiß Uwe Schneede aus eigener Erfahrung. 15 Jahre war er Direktor der Hamburger Kunsthalle: "Ich habe nie sehr viel von der Historienmalerei gehalten. Deswegen hat sie in meiner Zeit eine viel geringere Rolle gespielt als die Moderne. Die Historienmalerei war im Depot. Das hat sich mittlerweile geändert. Gegenwärtig wird die Historienmalerei in der Kunsthalle durchaus gefeiert. Und das hat auch seine Berechtigung."

Wandel auf dem Kunstmarkt: Was sollen Museen ankaufen?

Besonders bei der Bewertung zeitgenössischer Kunst macht der permanente Wandel es Museumsleiterinnen und -leitern nicht leicht. Was sollen sie ankaufen: Hochpreisige Werke der aktuellen Kunstmarkt-Lieblinge oder bezahlbare Arbeiten von Nachwuchstalenten? Außereuropäische Positionen oder digitale Kunstobjekte?

Abzuschätzen, was auf Dauer Bestand haben wird, erfordert Erfahrung und Intuition, meint Uwe Schneede. "Ein Kunstwerk sollte schon unbedingt etwas von der Zeit, in der es entstanden ist, einfangen, das uns ohne diese Kunst nicht bewusst wäre oder nicht ins Gefühl übergeht. Das ist schon essentiell, denke ich."

Museen müssen ihre stillen Reserven gut pflegen

Bleibt die Frage nach den Fehlkäufen zu klären: Gibt es in den Museumsdepots Werke, die so mittelmäßig sind, dass sie zu Recht in Vergessenheit geraten? Uwe Schneede sagt, es könne immer wieder eine Neubewertung stattfinden: "Ich denke, es gehört zur Aufgabe der Museen, auch die stillen Reserven weiterhin zu pflegen für den Zeitpunkt, wo sie dann doch eines Tages wieder ans Licht geholt werden und mit neuen Augen gesehen und beurteilt werden."

Der Beitrag ist Teil einer Reihe, die sich mit dem Wandel in unterschiedlichen kulturellen Bereichen auseinandersetzt und die Frage stellt "Was bleibt, was vergeht?".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.10.2021 | 06:40 Uhr

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