Stand: 13.12.2019 09:30 Uhr  - NDR Kultur

Maler der Aufklärung: Goya, Fragonard und Tiepolo

von Annette Schneider

Lange lag die Abteilung der Alten Meister der Hamburger Kunsthalle im Dornröschenschlaf. Das änderte sich, als vor zwei Jahren eine neue Sammlungsleiterin mit der weltweit ersten Retrospektive zum italienischen Renaissance-Maler Paris Bordone einen fulminanten Neustart hinlegte. Nun folgt Sandra Pisots neuestes Projekt, bei dem drei der wichtigsten europäischen Maler des 18. Jahrhunderts im Mittelpunkt stehen: Francisco José de Goya y Lucientes, Jean-Honoré Fragonard und Giovanni Battista Tiepolo. Die Ausstellung "Goya, Fragonard, Tiepolo. Die Freiheit der Malerei" zeigt bis Mitte April die Auswirkungen von Aufklärung und Französischer Revolution auf die Kunst.

Jahrhundertelang schien die Allmacht von Adel und Kirche, ihr Recht auf Unterdrückung und Ausbeutung der Gesellschaft unerschütterlich - bis einige mutige Gelehrte um 1740 begannen, all dies in Frage zu stellen: Sie beriefen sich auf die Vernunft und verlangten eine gerechte Gesellschaft. Mitreißend zeigt die Ausstellung, wie Goya, Fragonard und Tiepolo auf diese gesellschaftliche Aufbruchstimmung reagierten, wie sie sich von den kirchlichen und adligen Auftraggebern und deren Vorliebe für Historienbilder befreiten und jeweils ganz eigene Vorstellungen von Malerei entwickelten.

Bilder der Ausstellung "Goya, Fragonard und Tiepolo"

Skizzenhafter Stil empörte die Zeitgenossen

Kuratorin Sandra Pisot ist von dem innovativen Stil der Maler begeistert: "Man sieht hier so wunderbar diesen lockeren Pinselstrich von Fragonard, diesen skizzenhaften Stil, der fast schon impressionistisch erscheint." Pisot steht vor dem Brustbild eines Mannes, der völlig selbstvergessen ein Buch liest. Die innere Anspannung des Lesers übertrug Jean-Honoré Fragonard um 1750 in einen flüchtigen Pinselstrich, der seine Zeitgenossen ebenso empörte wie seine Bilder mit erotischen Tändeleien in Parks, die ein Stück weiter hängen. Doch für beides hatte der Maler ein ganz spezielles Publikum im Auge.

Fragonard: Maler und cleverer Geschäftsmann

Bild vergrößern
Jean-Honoré Fragonard malte für eine neue Gesellschaftsschicht: das reiche Bürgertum.

"Fragonard löste sich von den Konventionen, kehrte sich von der Akademie ab und stellte nur noch im Salon aus", erläutert Pisot. "Außerdem arbeitete er nur noch für das reiche Bürgertum. Also eine neue Gesellschaftsschicht, die sich in Paris Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte." Das habe ihm sehr viel Kritik eingebracht. "Aber das hat ihn nicht gekümmert. Er war ein cleverer Geschäftsmann und hat einfach geschaut, wo er gut Geld verdient. Und da hat er sein Auskommen eben tatsächlich bei den reichen Bürgern gefunden."

"Kühner Pinselstrich" auch bei Tiepolo

Ganz anders der viel ältere, in Venedig geborene Giovanni Battista Tiepolo mit seinem Sohn: Sie schmückten weiterhin die Residenzen von Königen und Fürsten aus. Allerdings nicht mehr mit mythologischen Szenen, sondern mit idealisierten Alltagsgeschichten, mit Szenen orientalischer Händler oder venezianischer Karnevalsfiguren. Auch Tiepolo arbeitete laut Pisot mit kühnem Pinselstrich: "Die skizzenhafte Malerei ist ein ganz wichtiges Thema in der Ausstellung, aber auch die Studie, die Ölskizze, die ein eigenständiges Medium wird."

Goya setzt Ideen der Aufklärung durch

In der Kunst von Fragonard und Tiepolo spiegelt sich die gesellschaftliche Aufbruchstimmung, die Befreiung von tradierten Vorgaben, das Gefühl von Freiheit. Am schwersten damit hatte es Francisco de Goya im reaktionären Spanien. Doch trotz Inquisition und Zensur setzte er die Ideen der Aufklärung am konsequentesten um. Er nutzte die Kunst, um die herrschenden Missstände zu kritisieren: Allein 40 seiner Grafiken führen dies in immer neuen Bildfindungen vor Augen. "Kritik an den Schrecken des Krieges, an der Besatzung der Franzosen in Spanien, an der Inquisition, an der Kirche, an gesellschaftlichen Missständen", so Pisot, würden heute noch Gänsehaut beim Anblick der Bilder bereiten. "Deshalb auch Goyas Ausspruch: 'Die Kunst und der Künstler müssen immer frei sein!'."

Jeder Maler interpretiert die Freiheit individuell

Bild vergrößern
Das Licht der Aufklärung fällt auf den Künstler: Goya wurde wegen dieses Bildes vor das Inquisitionsgericht befohlen.

Die ausgewählten Arbeiten zeigen anschaulich, dass jeder der drei Künstler unter dieser Freiheit etwas anderes verstand: Fragonard etwa inszenierte in kleinen Bildern großes Familienglück, war ganz bürgerlicher Idealist. Goya malte dagegen, was er sah: einen Lehrer, der seinen Schüler verprügelt. Oder eine junge Frau, die sich aus Not prostituieren muss. Ein wunderbares, kleines Selbstbildnis aus dem Prado zeigt ihn selbstbewusst vor einer Staffelei stehend. Hinter ihm fällt gleißend helles Licht durch ein großes Fenster - das Licht der Aufklärung, das ihm den Mut verlieh, die Wahrheit zu schildern.

Goya flieht 1824 nach Frankreich

Die Quittung ließ nicht auf sich warten: Goya wurde vor das Inquisitionsgericht befohlen, das einige seiner Freunde zum Tode verurteilt hatte. 1824, vier Jahre vor seinem Tod, floh er ins Exil nach Frankreich. "Deswegen muss man Goyas Leistung und seinen Mut bis heute bewundern, dass er sich mit seiner Kunst zur Wehr gesetzt und die Dinge schonungslos aufgezeigt hat", meint Pisot.

Eine große Ausstellungsidee ist der Kuratorin gelungen, die die Werke unter anderem aus dem Madrider Prado und dem Amsterdamer Rijksmuseum zusammengetragen hat. Schade nur, dass man dieser Idee und den Werken der Künstler nicht angemessene Säle gönnt, sondern sie im weniger repräsentativen Hubertus Wald Forum präsentiert.

Maler der Aufklärung: Goya, Fragonard und Tiepolo

Goya, Fragonard und Tiepolo: Die Kunsthalle Hamburg zeigt bis April 150 Gemälde und Grafiken der großen Maler aus Museen in Madrid, Amsterdam und aus dem eigenen Bestand.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 428 13 12 00
E-Mail:
info@hamburger-kunsthalle.de
Preis:
14 Euro (ermäßigt 8 Euro), Kinder und Jugendliche frei
Öffnungszeiten:
Dienstags bis sonntags: 10 - 18 Uhr (donnerstags bis 21 Uhr)
Montags geschlossen
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.12.2019 | 06:40 Uhr

Mehr Ausstellungen in der Kunsthalle

Von Monet bis Gauguin: Impressionisten in Hamburg

07.11.2019 10:00 Uhr
Hamburger Kunsthalle

Eine neue Sicht auf die Welt: Der Impressionismus revolutionierte die Kunst. Die Hamburger Kunsthalle zeigt ab dem 7. November Werke aus der dänischen Sammlung Ordrupgaard. mehr

Mehr Kultur

06:54
NDR Fernsehen
72:04
NDR Info
42:40
NDR Info