Stand: 18.08.2017 10:14 Uhr

"Free Port Baakenhöft": Ein Hafen der Herzen

von Daniel Kaiser

Der Hamburger Hafen ist mehr als eine Kulisse für Containerriesen und Kreuzfahrtschiffe. Das wollen jetzt eine Woche lang Hamburger Künstler beweisen. Die Performancegruppe "Geheimagentur" hat dazu den "Free Port Baakenhöft" ausgerufen und neben dem alten Kakaospeicher Buden und Container aufgestellt - eine Aktion im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel.

Es soll ein utopischer Hafen sein, in dem nicht nur das Geld auf jedem Quadratzentimeter regiert, sagen die Macher von der Geheimagentur, die so geheim sind, dass sie ihre Namen nicht sagen wollen. "In Hamburg soll es nicht nur einen Industrie- und Spektakel-Hafen geben, sondern einen Hafen, in dem wir auch erfahren, was Seefahrt heute bedeutet." Der Hafen und die Stadt seien eng miteinander verbunden, aber immer weniger Hamburger würden zur See fahren, immer weniger Seeleute würden in die Stadt kommen. "Wir würden gern einen Ort schaffen, in dem man das wieder erfahren und damit experimentieren kann."

Botschaften an vorbeifahrende Schiffe

Die Aktivisten nehmen sich Hafen-Hamburgensien vor und drehen sie auf links: Das "Hafenmuseum" ist ein blau angestrichener Bauwagen, in dem an Kunstaktionen auf dem Wasser erinnert wird. In einem anderen Container befindet sich eine Schiffsbegrüßungsanlage. Dort werden aber nicht wie in Willkommhöft die Hymnen der vorbeifahrenden Schiffe abgespielt. Stattdessen können Besucher selbst Texte aufnehmen, die später in Richtung Container-Riesen oder Kreuzfahrtschiffe laut abgespielt werden sollen. "Die Leute können sich überlegen, was sie immer schon mal so einem Schiff, der Besatzung oder den Passagieren sagen wollten", erklärt einer der namenlosen Aktivisten aus dem Künstlerkollektiv und denkt vor allem an Kommentare zu Luftverschmutzung und Arbeitsbedingungen.

"Wir sind seeblind!"

Videos
01:55

Ein Kakaospeicher wird zur Theater-Bühne

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Hamburg Journal

Beim Festival "Theater der Welt" im Mai wurde zum ersten Mal der ehemalige Kakaospeicher auf dem Baakenhöft für die Öffentlichtkeit zugänglich. Video (01:55 min)

Trotz des kritischen Impulses wissen die Macher von der "Geheimagentur" durchaus, dass der Hafen Hamburgs Wirtschaftsmotor ist. Der "Free Port Baakenhöft" will mehr als ein plumper antikapitalistischer Reflex sein. "Wir sind überhaupt nicht gegen den Industriehafen. Das wäre auch Unsinn. Der Hafen ist heute auch wichtiger denn je. Wir kriegen davon nur leider nichts mehr mit. Der Chef der britischen Marine sagt, wir seien seeblind geworden. Dem Chef der britischen Marine stimme ich sonst nicht so oft zu, aber da hat er recht", lächelt eine Künstlerin aus dem 'Geheimagentur'-Kollektiv. Es geht darum, mitten in der wachsenden Hafencity, in der rundherum Baukräne neue Häuser hochziehen, mitten auf dem letzten großen Filetstück der Hafencity einen kulturellen Ort zu behalten, an dem man über den Hafen nachdenken kann.

Luxusviertel oder neuer Kulturort für die Hafencity?

Am Baakenhöft und in der Kakaohalle hatte schon das Festival "Theater der Welt" stattgefunden. Die Hoffnung der Geheimagentur ist, dass hier so etwas wie ein etwas tafferer Cousin der Elbphilharmonie entstehen könnte. Die Aktivisten fühlen aber, dass die Hafenbehörde (HPA) andere Pläne zu haben scheint, und berichten, wie ihnen bei der Planung mancher Stein in den Weg gelegt und manche Genehmigung nicht erteilt wurde.

Sie erinnern daran, dass dies ein Ort mit fast vergessener Geschichte sei, denn am Baakenhöft habe sich einmal der Afrika-Terminal befunden. "Es ist einer der finstersten Orte der hamburgischen Kolonialgeschichte, denn von hier aus sind die Truppentransporte nach Namibia abgefahren. Daran erinnert keine Plakette. Uns interessiert aber das Symbolische nicht sonderlich. Wir würden stattdessen gern postkoloniale Erinnerungsarbeit leisten, indem hier beispielsweise Menschen aus Afrika einen Ort haben."

Fahrräder und Mixer für Westafrika

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Schon während des Kampnagel-Festivals 2015 hat das Künstlerkollektiv "Geheimagentur" im Hamburger Hafen den Luxusreisen eine andere Idee von Kreuzfahrt entgegensetzt.

So steht dort jetzt auch ein großer Container mit der Aufschrift "African Terminal", in dem in dieser Woche Geflüchtete aus Afrika arbeiten und Elektrogeräte und Fahrräder sammeln, die am Ende in diesem Container nach Westafrika verschifft werden sollen. "Wir nehmen Sachspenden von Hamburgern entgegen, die die jungen Afrikaner unterstützen wollen, ihr eigenes Business aufzubauen - zum Beispiel Haushaltsgeräte, Fahrräder und Spielzeuge. Wir nehmen aber auch alte Autos oder Segelboote", lacht die Aktivistin der "Geheimagentur". Allerdings sollten die Geräte noch funktionieren, denn man wolle keinen Elektroschrott nach Westafrika schicken. Dieser neue "African Terminal" will dem Ort eine neue hamburgisch-afrikanische Bedeutung geben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 18.08.2017 | 19:05 Uhr

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