Szene aus "Hamlet 21" von John Neumeier. © Kiran West Foto: Kiran West

Ballett-Tage: John Neumeiers "Hamlet 21" aus dem Klassenzimmer

Stand: 14.06.2021 09:58 Uhr

Am Sonntag sind die 46. Ballett-Tage eröffnet worden. Die spannende Eröffnungsinszenierung "Hamlet 21" erhielt langen Applaus und ein paar Bravos. Für eine Neumeier-Premiere war die Reaktion eher verhalten.

von Annette Matz

Hamburgs Ballettchef John Neumeier hat der großen Shakespeare-Tragödie einen überraschenden Rahmen gegeben: Das Stück beginnt in einem Klassenzimmer. "Hamlet" steht auf der Tafel. Und wer gegen wen Krieg führt. Neumeier beginnt seinen Hamlet vor dem eigentlichen Drama: Der erste Akt ist eine Reise in Kindheit und Jugend des dänischen Prinzen - wunderbar getanzt von Alexander Trusch.

"Hamlet 21": Erzähler bricht die gewohnte Tanzstruktur auf

Szene aus "Hamlet 21" von John Neumeier. © Kiran West Foto: Kiran West
Ungewöhnlich: Eine Erzählinstanz führt durch die Handlung.

Eine Art Erzähler führt immer wieder durch die Geschichte. Er bricht die gewohnte Struktur auf, holt das Schauspiel auf die Tanzbühne. Wir lernen erst einmal einen lebensfrohen, wissbegierigen Hamlet kennen, oft mit einem Buch in der Hand und später stürmisch verliebt in Ophelia. Um den späteren Hamlet, den zweifelnden, verzweifelten zu verstehen, der sich dem Umgang mit seiner Verantwortung für die Vergangenheit stellen muss, müsse man "unbedingt wissen, was geschah, bevor Shakespeares Schauspiel beginnt", so John Neumeier.

Hamburgs Ballettchef hat sich für seine Kreation einen anderen Zugang verschafft. Bestimmte Konstellationen habe er aus der historischen Geschichte des dänischen mittelalterlichen Geistlichen Saxo Grammaticus über den  König Amleth übernommen. Und zusammen mit dem Studium anderer Quellen daraus eine Art "persönlichen Hamlet" gemacht. 

Shakespeares Hamlet um den ermordeten Vater, den der Sohn rächen soll, ist schon eine komplexe Geschichte mit Verstrickungen, tödlichen Verwechslungen, Intrigen und Verzweiflung. John Neumeiers Version auch. Um besser folgen zu können, gibt es nicht nur den Erzähler, sondern ab und zu eine Tafel mit Hinweisen zur Geschichte.

Ein Abend der herausragenden Pas de Deux

Szene aus "Hamlet 21" von John Neumeier. © Kiran West Foto: Kiran West
Die Inszenierung zeichnet sich durch intensive Pas de Deux aus.

Tänzerisch ist dieser Hamlet ein Abend der außerordentlich berührenden Pas de Deux. So wie das gesamte Handlungsballett, werden sie unterstrichen von der Musik des britischen Komponisten Michael Tippett. Sie ist voller Stimmungswechsel. Zarte, scharfe, treibende und dissonante Stücke wechseln sich ab. Allen voran tanzt Anna Laudere die Ophelia mit größter Hingabe. Helene Bouchet bekommt am Schluss Bravos für die Rolle der die Könige liebenden Mutter.   

Diesmal gab es für "Hamlet 21" in der Staatsoper keine Standing Ovations - im Vergleich zu anderen Ballettpremieren ist das fast ungewöhnlich. Aber es gab langen, freundlichen Beifall. "Ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut", sagte eine Zuschauerin, "ich fand's großartig, ich würde es mir nochmal angucken", eine andere. Am Ende löst die insgesamt spannende Inszenierung die Hoffnung vom Anfang aber nicht ganz ein, fließt nicht.

Neumeier-Premiere: Wunderbare Einfälle und ärgerliche Momente

Das Stück schwankt zwischen wunderbaren Einfällen und fast ärgerlichen Momenten. Wunderbar, wenn sich trauerschwarze Gewänder wie von Zauberhand in ein Blumenkleid verwandeln oder eine Umarmung so intensiv choreografiert ist, dass das Herz klopft. Ärgerlich, wenn tanzende Soldaten Soldatenhelme tragen und schlimmer noch: ein weißes Jackett und Soldatenhelme. Krieg und Frieden so zu verkleiden, ist unnötig, vor allem bei solchen Tänzern.

Zwei Wochen lang gibt es nun an der Hamburgischen Staatsoper Ballett von John Neumeier zu sehen. Zum Beispiel die umjubelten Beethoven-Projekte oder "Ghost Light", das sich tänzerisch mit den Corona-Bedingungen auseinandersetzt. Die aktuellen Corona-Lockerungen ermöglichten kurzfristig mehr Publikum. Das heißt, dass es für fast alle Vorstellungen noch Karten gibt.

Weitere Informationen
Der Choreograph und Intendant des Hamburger Ballett John Neumeier. © dpa Foto: Frank Eppler

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 14.06.2021 | 09:20 Uhr