Fünf Neonröhren bilden das Wort "Thalia" am Eingang des Hamburger Thalia Theaters. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Bildagentur-online/Joko

Internationale Lessingtage 2021 - eine Bilanz

Stand: 01.02.2021 14:45 Uhr

Die Internationalen Lessingtage am Hamburger Thalia Theater waren 2021 ein reines Online-Festival. Eine Bilanz.

Fünf Neonröhren bilden das Wort "Thalia" am Eingang des Hamburger Thalia Theaters. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Bildagentur-online/Joko
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von Katja Weise

Kein Applaus, kein Gedränge im Theaterfoyer, keine Publikumsgespräche - auch die internationalen Lessingtage am Hamburger Thalia Theater konnten in diesem Jahr nicht wie gewohnt stattfinden. Aber: Sie haben stattgefunden, als reines Online-Festival. Elf im Netzwerk mitos 21 zusammengeschlossene, europäische Bühnen zeigten jeweils eine Inszenierung als Stream. Sonntagabend war die letzte zu sehen: Ibsens "Nora", herausgekommen am Katona József Theatre in Budapest.

Es war seltsam, jeden Abend eine feste Verabredung mit dem Bildschirm zu haben, immer zwischen 19 Uhr und Mitternacht Theater im Film zu sehen, ohne dass eine Kuratorin oder ein Kurator ein Motto vorgegeben hätte. Aber: Es war auch beglückend, die Zeit mit erstaunlich vielen, starken Frauen verbringen zu können. Mit Antigone, die im Brüsseler Stadtviertel Molenbek ihren Bruder begraben will; mit Eva Lyberten, in den 70er- und 80er-Jahren ein Star in spanischen Erotikfilmen; und mit Königin Elisabeth, die Maria Stuart neben sich nicht dulden will.

"Maria Stuart" am Deutschen Theater neu inszeniert

Regisseurin Anne Lenk © picture alliance / dpa | Maja Hitij Foto: Maja Hitij
Regisseurin Anne Lenk inszenierte 2015 "Winterreise" von Elfriede Jelinek am Thalia Theater Hamburg.

Regisseurin Anne Lenk zeigt in ihrer erst Ende Oktober am Deutschen Theater in Berlin herausgekommenen Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" zwei junge, selbstbestimmte Königinnen, die dennoch nicht aus ihrer Rolle fallen können: "Das ist tatsächlich bei ganz vielen Klassikern so, dass ich die Frauen immer wahrscheinlich durch das heute gewählte Bild oder durch mich sehe und sie dadurch auch immer eine Form der Stärke haben."

Eine beeindruckende Arbeit, die am Bildschirm gut funktioniert, nicht zuletzt, weil das Bühnenbild mit seinen einzelnen, pinken Kabinetten, angeordnet wie in einem Setzkasten, "Corona-konform" ist und die Kamera immer wieder nah dran an den Schauspielern. Bei dem Monolog "Antigone in Molenbek" hingegen hätte man sich eine andere Art der filmischen Umsetzung gewünscht: Regisseur Guy Cassiers arbeitet minimalistisch - es passiert wenig auf der Bühne, der Abend ist eher eine Installation mit Musik. Da erlahmt die Lust, zumal eine Menge an englischen Untertiteln zu bewältigen ist. Ebenfalls reduziert, aber in seiner Zartheit mitreißend war "Il cielo non e fondale" ("Der Himmel ist keine Kulisse"), in italienischer Sprache am "Odéon" in Paris herausgekommen.

Ibsens "Volksfeind" goes Klimawandel

Erzählt werden nur scheinbar kleine Geschichten, in denen es doch immer um das Große geht, auch um das Leben miteinander. Fast an allen Abenden werden gesellschaftliche Fragen verhandelt.

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Frau mit einer Augenklappe - Szene aus dem Stück "Paradies" am Thalia Theater © Krafft Angerer

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Was heißt es eigentlich, gut zu sein, fragt Mattias Andersson aus Stockholm in seiner Fassung von Dostojewskis "Idiot"? Können wir das Gute überhaupt aushalten? Kaum, lautet die Antwort. Volker Lösch beschäftigt sich in "Volksfeind For Future", einer Neufassung von Ibsens "Volksfeind", mit dem Klimawandel und lässt junge Menschen sprechen.

Plakativ setzt Lösch das in Szene, nah an Ibsen und doch - wie immer - sehr gegenwärtig, als Generationendrama. Doch die Tochter revoltiert umsonst: Der grünen Oberbürgermeisterin ist der Erhalt der Arbeitsplätze wichtiger als der Klimaschutz. Über tausend Menschen haben allabendlich die Streamings verfolgt, und damit mehr, als in das Thalia Theater passen. Außerdem fand sich das Publikum nicht nur in Deutschland und Europa vor dem Bildschirm zusammen, sondern auch in China, Vietnam und den USA. Ein schöner Erfolg, vielleicht gar ein Zeichen von globalem Zusammenhalt. Trotzdem: Das Theater fehlt. Wie sehr, haben die Lessingtage gezeigt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.02.2021 | 19:00 Uhr