Ein geöffnetes Paket der No Room Gallery liegt auf einem Tisch © NDR Foto: Anina Pommerenke

Hamburger Noroomgallery: Kunst zum Auspacken

Stand: 24.02.2021 13:59 Uhr

In einem neuen Projekt der Hamburger Noroomgallery gehen Künstlerinnen und Künstler der Frage nach, ob "das Paket" ein Kunstgenre sein kann.

von Anina Pommerenke

Die Hamburger Noroomgallery sucht seit mehr als 20 Jahren nach neuen Möglichkeiten, Kunst jenseits von weißen Ausstellungsräumen zu präsentieren. In einem neuen Projekt gehen Künstlerinnen und Künstler der Frage nach, ob "das Paket" ein Kunstgenre sein kann. Frei nach dem Motto: Wenn wir nicht zur Kunst kommen können, kommt die Kunst nach Hause.

Jan Holtmann im Porträt © NDR Foto: Anina Pommerenke
Galerie-Besitzer Jan Holtmann

Wer schon mal an einem wissenschaftlichen Experiment teilgenommen hat, weiß: Es startet, sobald man die Teilnahme zugesagt hat. Die Pakete kann man über eine Handynummer bestellen. Galerie-Inhaber Jan Holtmann entscheidet nach einem Vorgespräch, welches von insgesamt zehn Paketen zum Anrufer oder zur Anruferin passt.

Eine Vernissage im Wohnzimmer

"Ich habe die Künstlerinnen und Künstler gefragt, ob sie nicht Pakete als eigenes Genre auffassen können, sodass jedes Paket für sich einen ganz eigenen Ansatz findet, künstlerisch mit einem Paket umzugehen", erzählt Holtmann. Die Kunstsituation entsteht laut ihm erst dadurch, dass das Paket ausgepackt wird. Sozusagen eine Vernissage im Wohnzimmer, die bei jedem Auspacken anders aussehen kann.

Holtmann vergleicht es mit einem Theaterbesuch, der sich seiner Meinung nach nicht durch einen Internet-Stream ersetzen lässt: "Es fällt einem jetzt erst auf, dass da nicht nur Leute auf der Bühne stehen, sondern dass man sich auch theaterfein macht, dass man sich diesem Gebäude nähert und einen Schritt rein macht. Dass es langsam ruhig wird im Auditorium. Das gehört alles zu dieser Theatersituation mit dazu. Das kann man ja jetzt gar nicht nachstellen, aber jedes Paket für sich schafft eine eigene Kunstsituation", so Holtmann.

Ein Plattenspieler liegt auf einem Tisch, daneben steht ein aufgeschlagenes Heft mit der Überschrift "Gymnastik und Tanzen" © NDR Foto: Anina Pommerenke
Kunstpaket: Körperliche Bewegung trifft auf eine Abhandlung über Effizienz.

Im Paket unserer Autorin befindet sich ein Schallplattenspieler und eine Schallplatte: Das Cover ist mit bunten Post-Its und geometrischen Formen gestaltet. "Gymnastik und Tanzen" steht auf einem blauen Zettel. Außerdem gibt es eine Handlungsanleitung. Während auf der A-Seite eine Gymnastikanleitung unter dem Titel "Utopie und Verkrampfung" wartet, geht es auf der B-Seite ums Tanzen. Wer nun mitmacht, wird Teil der Performance: Körperliche Bewegung trifft auf eine Abhandlung über Effizienz und banale Sätze wie: "Ich kann meinen Rücken nicht sehen". Laut Künstler Armin Chodzinski sollen sie zum Nachdenken anregen.

Tür zum Kunst-Kosmos der Künstlerinnen und Künstler

Wer damit nichts anfangen kann, findet in der Plattenhülle weiterführende Links, um die Performance inhaltlich zu unterfüttern: Einen Radiovortrag von Michel Foucault, weitere Gymnastikvideos, in denen sich der Künstler als verkrampfter Gelehrter zeigt, der bemüht ist, sein Wissen zu vermitteln. Und ein "Conversationslexikon" - eine lexikalische Reihe, die Chodzinski für den SWR erarbeitet. "Für mich geht es im Zweifelsfall darum, bildhafte Sätze in Leuten zu positionieren, die vielmehr Fragezeichen haben, als eine Antwort, aber hinter denen etwas aufgeht", erklärt der Künstler.

In diesem Fall ist es die Tür zu Chodzinskis Kunst-Kosmos. Die Idee, zu Hause ein Kunstwerk auszupacken und ins Leben zu rufen, ist charmant. Doch wenn so viel theoretisches Wissen vorausgesetzt wird, kann einen diese "Vernissage" auch ratlos zurücklassen. Vielleicht wäre mehr Zeit hilfreich. Doch das Paket soll nicht ruhen und schnellstmöglich weiterverschickt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 24.02.2021 | 11:20 Uhr