Stand: 05.10.2017 10:06 Uhr

Die Wiederentdeckung von Anita Rée

"Teresina", das Zitronenmädchen aus Italien, oder die geheimnisvolle "Blaue Frau" mit ihren zwei Kindern sind nur zwei Beispiele für die ausdrucksstarke Malkunst von Anita Rée. Nicht umsonst ließen sich viele bedeutende und auch weniger bekannte Hamburger Persönlichkeiten von ihr porträtieren. Diese heute wenig bekannten Bilder wurden seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich gezeigt. Viele Werke der Künstlerin lagerten bisher im Fundus der Hamburger Kunsthalle - die meisten aber sind im Privatbesitz - verborgene Schätze. Die Kunsthalle zeigt nun eine große Retrospektive mit ihren Werken.

Kuratorin Karin Schick fand einen respektvollen und sehr lebendigen Zugang zu dem vielfältigen Werk der Künstlerin: "Meine Annäherung an sie war eigentlich im Dazwischen. Ich habe das Gefühl, dass ihr Werk und ihr Leben von einer großen Ortlosigkeit geprägt ist. Zwischen Moderne und Tradition, zwischen Hamburg und der Welt, zwischen Europa und außereuropäischer Kunst."

Modern und Mutig

Anita Rée, 1885 geborene Kaufmannstochter mit jüdischen Wurzeln, weiß früh, was sie will. 1904 nimmt sie Malunterricht, das erste von vielen eigenwilligen Selbstporträts entsteht. Max Liebermann sieht ihre Bilder und ermutigt sie, weiterzumachen. 1912 geht sie nach Paris und studiert beim Kubisten Fernand Léger, wird immer moderner und mutiger. Zurück in Hamburg orientiert sie sich an der Avantgarde, tritt 1919 der Künstlergruppe Hamburgische Sezession bei.

Man sehe dem Werk von Anita Rée die Umwälzungen der Moderne unbedingt an, erläutert Karin Schick. "Gleichzeitig ist sie nicht bahnbrechend. Sie verbindet das immer sehr sensibel, sehr zurückgenommen mit ihrer eigentlichen Existenz. Und die ist eben eher still, eher ruhig."

1922 zieht Rée für ein paar Jahre nach Italien, studiert dort die großen Meister - und verarbeitet auch diese Eindrücke in ihrer Kunst. Ihr "Halbakt vor Feigenkaktus" sprüht vor Sinnlichkeit. In Italien verbringt die oft schwermütige Anita Rée die wohl unbeschwerteste Zeit ihres Lebens. "Ich möchte nie nach Deutschland zurück", schreibt sie einer Freundin.

Anita-Rée-Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle

Zurück im Norden

Zwei Jahre später ist sie doch wieder in Hamburg. Hier malt sie im Auftrag der Stadt Wandbilder für Schulen und Kirchen. "Orpheus mit den Tieren" im heutigen Ballettzentrum Hamburg wurde erst Mitte der 80er-Jahre wiederentdeckt und ist das einzige erhaltene Wandbild von ihr. Die anderen wurden kurz nach ihrem Tod von den Nazis zerstört. Für die Nationalsozialisten war sie Jüdin - und wurde als Künstlerin verfemt. Sie selbst hat sich nie als jüdische Künstlerin gesehen. Wie Karin Schick erklärt, wurde sie in diese Rolle gedrängt, "was ihr sehr unangenehm war. Weil sie das auch nicht verstanden hatte." Denn ihr Vater war zwar Jude, aber sie selbst protestantisch getauft und erzogen.

Letzte Arbeiten auf Sylt

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Anita Rées Grabstein auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg erinnert an die Künstlerin.

Ihre letzten Bilder entstehen auf Sylt. Geplagt von Einsamkeit und Zukunftsangst zieht Anita Rée sich auf die Insel zurück - und nimmt sich hier im Winter 1933 das Leben.

Ein Stolperstein an ihrer letzten Hamburger Adresse, ein Grabstein auf dem Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf - viel mehr erinnert in ihrer Heimatstadt nicht an diese wunderbare Künstlerin. Ihr Werk aber bleibt - und wird mit dieser ersten großen Retrospektive nun endlich angemessen gewürdigt.

Die Wiederentdeckung von Anita Rée

In den 20er-Jahren war die Malerin Anita Rée eine anerkannte Künstlerin. Heute sind viele ihrer Werke nur wenigen bekannt. Die Hamburger Kunsthalle zeigt eine Retrospektive.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 42 81 31 257
Preis:
14 Euro (regulär), 8 Euro (ermäßigt), Kinder und Jugendliche frei
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 - 18 Uhr
Donnerstag: 10 - 21 Uhr
Montag: geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 02.10.2017 | 22:45 Uhr

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