Stand: 13.04.2021 10:21 Uhr

Fantasieexperiment: Probesterben auf Kampnagel

von Peter Helling

Wie fühlt es sich an, tot zu sein? Auf Kampnagel kann man dieses Experiment jetzt ausprobieren: Man wird live betrauert, wie ein Verstorbener.

Menschen in weiten Leinengewändern stehen im Kreis, singen, die Arme erhoben, blicken lächelnd zu einem geöffneten, mit Spiegeln ausgekleideten Schrein. Davor sitzt eine Frau, entspannt, die Hände auf den Knien. Sie soll sich vorstellen, sie sei tot. "Es hat tatsächlich auch was Hypnotisches, dieser Moment des Betrauert-Werdens, des Beweint-Werdens - sehr intensiv", sagt die imaginär Verstorbene.

Annalena Kirchler ist eigentlich Produktionsmanagerin der Performance "Sterben". Jetzt, bei der Probe, lässt sie sich als Testperson betrauern. Eine Totenfeier, mitten im Leben. Inklusive Trauerrede, Blumen, Totenschmuck. "Es ist eine sehr spezielle Erfahrung", sagt sie. "Man nimmt so eine Stimmung im Allgemeinen wahr, aber auch Details, wie die Blumen aussehen oder was für ein Hintergrundgeräusch ich höre."

Ein Fantasieexperiment um den eigenen Tod

Schon der Anfang des Rituals hat fast etwas Hypnotisches: Annalena wird in einen Umkleideraum geführt. Eine Duftlampe versprüht wohlige Atmosphäre; sie darf sich ein Gewand aussuchen. Das Licht ist gedämpft, in einem Regal steht ein Totenkopf, daneben eine Blume. Ihre Füße werden gewaschen, dann wird Annalena gebeten, sich auf ein Bett zu legen und auf ihren Atem zu achten. Ein Hauch von Wellness-Oase - und ein Hauch Sekte. "Es ist ein Gedankenexperiment. Es ist eine Feier auf etwas, das es nicht gibt", sagt Saskia Kaufmann aus dem Regieteam.

Der eigenen Trauerfeier beiwohnen

Man muss sich darauf einlassen. Hier wird ein Ritual für eine Freiwillige angeboten, nicht religiös, dafür individuell zugeschnitten. Entstanden ist die Idee des Regieteams Saskia Kaufmann und Raban Witt schon vor einigen Jahren: "Bei mir war das so, als mein Vater gestorben ist: Ich hatte das Gefühl, ein bisschen mehr allein auf der Welt zu sein. Ich habe daran auch so eine Zerbrechlichkeit des Lebens bemerkt und mir ist bewusst geworden, dass ich selber sterblich bin", erzählt Raban Witt.

Gleichzeitig entsteht das mulmige Gefühl, dass es so in Zukunft aussehen könnte, das Ende: clean, abwaschbar. In dem Altar, der ein bisschen an eine Studiokulisse von Raumschiff Orion erinnert, liegen persönliche Gegenstände des betrauerten Menschen auf Regalbrettern. Die Test-Tote Annalena betritt die Bühne, eine mobile Kamera überträgt alles live ins Internet. Jede und jeder Betrauerte führt vorher ein Gespräch mit dem Künstlerteam und gibt persönliche Details preis, aus denen dann eine Trauerrede entsteht.

"Es geht eigentlich darum, für die Menschen, die sich betrauern lassen, eine Zäsur zu erzeugen, dass sie zurückschauen können auf ihr bisheriges Leben", sagt Raban Witt. "Wenn es jetzt aufhören würde, wären sie zufrieden damit? Ist es das, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten? Und wenn nicht, sich vielleicht auch zu fragen: Was will ich verändern?"

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit

Die professionellen Trauernden knien sich vor Annalena hin, legen Blumen nieder, flüstern mit ihr, als würden sie sie lange kennen. Ihr Lieblingssong erklingt. Saskia Kaufmann findet: Gerade jetzt, in der Corona-Zeit, wo das Sterben täglich in kalten Ziffern erscheint, ist es wichtig, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen.

"Alle sagen: 'Ich fühle mich fit, mir wird das nichts anhaben.' Da würde ich sagen, dass das Bewusstsein nur für die eigene Sterblichkeit auch sehr viel gesellschaftlichen Unsinn verhindern könnte. Ich glaube, dass ganz viel Blödsinn entsteht, weil Leute glauben, sie seien total super und nichts könne ihnen etwas antun", sagt Saskia Kaufmann. Dieser Abend soll also das Leben feiern, nicht den Tod. Nach einem Gong wacht Annalena dann wieder auf, zu neuem Leben.

Am Dienstag ab 18 Uhr ist die Premiere der Performance "Sterben" auf Kampnagel. Die Plätze der zu betrauernden Personen sind übrigens schon alle ausgebucht. Aber: Sie können als Trauergast an der Zeremonie teilnehmen - online natürlich.

Weitere Informationen
Das Kampnagel-Theater im Abendlicht (Außenansicht) © Frederik Röh Foto: Frederik Röh

Kulturpartner: Kampnagel Hamburg

Kampnagel ist Kulturpartner von NDR Kultur. Aktuelle Informationen und Angebote finden Sie hier. extern

Fantasieexperiment: Probesterben auf Kampnagel

Heute startet die immersive Performance "Sterben", bei der man ausprobieren kann, wie sich der eigene Tod anfühlt.

Datum:
Ende:
Ort:
Kampnagel Internationale Kulturfabrik

Telefon:
+49 40 270 949-49
E-Mail:
tickets@kampnagel.de
Preis:
7 Euro für die Teilnahme an der Trauerfeier im Zoom-Livestream
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 13.04.2021 | 19:00 Uhr