Die Ausstellung "CARNIVALESCA - Was Malerei sein könnte" des Kunstvereins, Installationsansicht © Kunstverein/ Fred Dott Foto: Fred Dott

"Carnivalesca" im Kunstverein - was Malerei sein kann

Stand: 05.03.2021 15:12 Uhr

Der Kunstverein Hamburg blickt in seiner neuen Ausstellung "Carnivalesca" über den europäischen Tellerrand und zeigt, was Malerei noch sein kann.

von Anette Schneider

Bemalte Tierhäute hängen in zwei großen Kreisen von der Decke. An den Wänden: mehrere weiche, mit kräftigen Farben besprühte und mit Schweißbrennern bearbeitete Teppiche. Sie wirken wie abstrakte Gemälde. Und auf dem Boden liegen große, schwere Filzteppiche. Mal in schwarz-braun, mal in leuchtendem Blau ähneln sie Landschaften und dem Meer.

Die Ausstellung "CARNIVALESCA - Was Malerei sein könnte" des Kunstvereins, Installationsansicht © Kunstverein/ Fred Dott Foto: Fred Dott
Mal was anderes als ein Bild.

"Es ist eine offene Kontemplation darüber, was Malerei sein könnte", sagt Kuratorin Bettina Steinbrügge und ergänzt: "Carnivaleska kommt ja von Karneveal. Es ist Übermut. Es ist Freude es ist Melancholie. Es ist aber auch, sich gegen Normen zu stellen. Und das ist so ein bisschen eine spielerische Form, um mal zu überlegen, ob vieles, was an Malerei gezeigt wird, oder der deutsche Malerei-Diskurs, nicht ein bisschen akademisch ist."

Auch ein Teppich ist Malerei

Dass Malerei mehr ist als nur das gerahmte Bild an der Wand, ist zwar längst bekannt, wird hierzulande aber nur selten gezeigt. So präsentierten die Hamburger Deichtorhallen noch kurz vor Beginn der Corona-Pandemie zwei große Ausstellungen über deutsche Gegenwartsmalerei, die durchweg die westliche Vorstellung von Malerei festschrieben.

"Wenn man dann aber seit der Moderne guckt, was global passiert ist, dann wird Malerei plötzlich etwas ganz anderes. Dann kann Malerei auch ein Teppich sein. Malerei geht über die Leinwand hinaus. Es gibt unglaublich viele Frauen, die mit Malerei arbeiten, die Handwerk auch noch mal anders definieren", findet Steinbrügge.

Was, wo und wann?

"Carnivalesca - Was Malerei sein könnte"

Kunstverein in Hamburg
Klosterwall 23
20095 Hamburg

Vom 6. März bis 2. Mai 2021

Exkursionen nach Asien und Australien

Großzügig gehängt führen die Arbeiten von 14 Künstlern aus allen Kontinenten vor, was alles Malerei sein kann, wobei die westliche Trennung zwischen Kunst und Kunsthandwerk, Hoch- und Alltagskultur oft keine Rolle spielt. Wie eine Mauer stapeln sich da mitten im Raum einige kostbare asiatische Lack-Kunst-Rahmen. Dort drin: Bilder, auf denen die 33-jährige vietnamesische Künstlerin Thao Nguyen Phan in feinster traditioneller Seidenmalerei die verheerenden Folgen aktueller Umweltzerstörung zeigt. Oder die Australierin Helen Johnson: In ihrer figürlichen Malerei zerpflückt sie sarkastisch die weißen Mythen australischer Nationenbildung und präsentiert dies auf frei im Raum hängenden Rollbildern - einer Kunstform der Aborigines.

"Die Gesellschaft ändert sich gerade ganz radikal", sagt Kunstvereinsleiterin Steinbrügge und fügt hinzu: "Und wir müssen einfach sehen - selbst wenn man am stärksten war über 200, 300 Jahre - dass viele Dinge jetzt einfach hinterfragt werden. Wir können noch etwas behaupten, aber wir müssen damit leben, dass es Widerspruch gibt. Genau diesen Widerspruch zeigen wir hier auch."

Eine mahnende Tapete

Die Ausstellung "CARNIVALESCA - Was Malerei sein könnte" des Kunstvereins, Installationsansicht © Kunstverein/ Fred Dott Foto: Fred Dott
Ein gestrandetes Flüchtlingsboot der ägyptischen Künstlerin Anna Boghiguian.

Die in diesen Zeiten so wichtige, engagierte Ausstellung mündet im Schrecken des Hier und Jetzt, vor dem der reiche Westen so gern die Augen verschließt: Mitten im Saal verweist ein gestrandetes, grün-blau bemaltes Flüchtlingsboot der ägyptischen Künstlerin und documenta-Teilnehmerin Anna Boghiguian auf das Elend, das Millionen Menschen zur Flucht zwingt. Und gegenüber auf der fünf Meter hohen Wand klebt eine Tapete der berühmten kolumbianischen Künstlerin Beatriz González.

Das verschwommene Endlosmuster zeigt ein brennendes Dorf und eine kleine Gruppe überlebender Menschen. Die Opfer des jahrzehntelangen Bürgerkriegs, der auch geführt wird mit deutschen Waffen - vor Augen gehalten und so vor dem Vergessen bewahrt - auf einer Tapete!

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.03.2021 | 18:00 Uhr