Bucerius Kunst Forum zeigt Herbert Lists "magisches Auge"

Stand: 13.05.2022 08:26 Uhr

Das Bucerius Kunst Forum zeigt im Rahmen der "Triennale der Photographie" eine Retrospektive über den in den letzten Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geratenen Hamburger Fotografen Herbert List.

von Annette Schneider

Es ist das "Who is Who" der internationalen Kunst- und Kulturszene der 50er-Jahre, das an den Wänden hängt: ikonenhafte Porträts von Marlene Dietrich, Pablo Picasso, Pier Paolo Pasolini, Anna Seghers, John Heartfield und Igor Strawinsky. Aufnahmen, mit denen Herbert List damals ebenso bekannt wurde wie mit Reportagen über Thunfischfänger oder den Alltag in Neapel.

Arbeiten, die heute kaum noch jemand kennt, weshalb das Bucerius Kunst Forum nun an das umfangreiche Werk des Fotografen mit der Ausstellung "Das magische Auge" erinnert, so die Direktorin Kathrin Baumstark: "Er ist eben auch jemand, der dann in den 50er-Jahren die Leica für sich entdeckt hat. Und dann auch spontan wurde und so eine Street Photography, wie man sie heute nennen würde, gemacht hat."

Herbert List: Vom Kaffeehändler zum Fotografen

Geboren wurde List als Sohn eines wohlhabenden Kaffeehändlers 1903 in Hamburg. Mit 20 Jahren trat er in die Firma seines Vaters ein, reiste um die Welt, bewegte sich in schwulen Künstlerkreisen, liebte Männer und Frauen und begann um 1930 zu fotografieren. Bestärkt wurde er von dem Bauhaus-Fotografen Andreas Feininger, erklärt Baumstark: "Die sind dann nachts durch Hamburg gezogen. Es gibt Bilder vom Gängeviertel, vom Hafen, Schichtwechsel. Und er probiert da viel. Da ist eigentlich schon alles da, was er später herausarbeiten wird."

Thematisch und chronologisch geordnet sieht man Alltagsszenen, sommerlich-sinnliche Strandfotos seiner Freunde, abgründig-surreale Stillleben, inszeniert in starken Hell-Dunkel-Kontrasten, gewagten Ausschnitten und Perspektiven. Als homosexueller Fotograf und Enkel jüdischer Großeltern im faschistischen Deutschland zunehmend bedroht, emigrierte der Fotograf 1936 über die Schweiz und Paris nach Griechenland, wo er bis 1941 mit seinem Geliebten lebte, erzählt Kathrin Baumstark: "Ihm hat auch wirklich dieses Netzwerk geholfen aus schwulen Künstlern und Intellektuellen. Er hatte ja kein Geld mehr. Er war gestrandet in Athen. Es war dann wirklich sein Glück, dass man ihm Aufträge zugeschustert hat. Da durfte zwar nicht sein Name drunter stehen. Aber so konnte er wenigstens überleben."

Zwischen Männerakten und Dokumentation

Als gäbe es weder Verfolgung noch Krieg, entstanden dort seine Fotos junger Männerakte in antiken Tempeln. Noch unheimlicher wirkt die klinisch reine Serie über Tabakbauern in Mazedonien. Sie entstand 1942, mitten im Krieg, als List wieder in Deutschland lebte. Im Katalog erfährt man, dass er mehrfach mit offiziellen Aufträgen durch das besetzte Osteuropa reiste - Auftraggeber: das Ostministerium, das die systematische Vernichtung der Juden plante und durchführte.

Und regelrecht verstörend mutet an, dass 1943, als die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung von Thessaloniki nach Auschwitz deportierten, List in der Stadt eine Ausstellung mit seinen Bildern besuchte. Nach dem Krieg arbeitete er für die amerikanische Militärregierung, dokumentierte die Entdeckung der NSDAP-Mitgliederkartei durch US-Soldaten und die Arbeit des Central Art Collecting Point.

Ausstellung zeigt viele Widersprüche aus Lists Leben

"Da sieht man, wie die Amerikaner die von den Nazis gestohlenen Kunstschätze auch nach München bringen und die dann katalogisiert und untersucht werden: Wo kommen die her? Was machen die da? Man sieht dann Da Vinci, "Die Dame mit dem Hermelin", neben Diego Velazquez," beschreibt Baumstark.

Es ist ein befremdliches Werk, das die Ausstellung erstmals mit all seinen Widersprüchen so breit auffächert. Eines, dass durch seine vermeintlich apolitische Haltung während des Faschismus verstört. Und das durch seine eindringlichen Porträts und einige Reportagen aus den 50er-Jahren doch auch berührt.

 

Weitere Informationen
Die Außenansicht des neuen Bucerius Forums am Zugang Alter Wall / Adolphsplatz. © Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

Kulturpartner: Bucerius Kunst Forum

Das Bucerius Kunst Forum zeigt jährlich vier Ausstellungen mit Kunstwerken zu Themen von der Antike bis zur Gegenwart extern


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Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Bucerius Kunst Forum
Alter Wall 12
20457 Hamburg
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 13.05.2022 | 10:20 Uhr

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Fotografie

Ausstellungen