Stand: 11.07.2018 10:20 Uhr

Einstein und die Apokalypse im Barlach-Haus

von Daniel Kaiser

Das Barlach-Haus im Hamburger Jenischpark zeigt Bilder des Malers Josef Scharl. "Zwischen den Zeiten" heißt die Ausstellung mit Werken, die fast alle zwischen den Weltkriegen entstanden sind. Man lernt den im Norden eher unbekannten Scharl (1896-1954) als Seismografen einer Gesellschaft am Abgrund kennen. Auch Porträts von Albert Einstein sind zu sehen.

Ausstellung: "Josef Scharl - Zwischen den Zeiten"

Es sieht brutal aus, wie der geschlachtete Hammel da liegt. Zerstückelt. Gehäutet. Die Augen verdreht. Auf den ersten Blick ist das Gemälde zunächst nur ein drastisch-blutiger Blick in eine Küche. Brisant wird das Bild erst mit dem Blick auf das Entstehungsjahr unten rechts: 1933. "Es gibt eine ganze Reihe von Bildern aus diesem Jahr, denen man anmerkt, dass es nicht nur um ein Stillleben oder um eine Landschaft geht", erklärt Karsten Müller, der Direktor des Barlach-Hauses. "Scharl versucht, allegorisch und symbolisch die Situation der Zeit, die Machtübernahme durch Hitler und eine bestimmte Vorstellung eines drohenden Unheils in diese Bilder hineinzubringen." Ein anderes Bild aus dem Jahr zeigt ein Sonnensystem, das aus den Fugen gerät. Planeten verlassen ihre Bahnen und rasen funkensprühend aufeinander zu. Apocalypse now!

Feines Gespür für gesellschaftliche Stimmungen

Josef Scharl spürte genau, was damals vor sich ging. Er war ein Seismograf, der die Stimmungen in der Gesellschaft aufnahm und in seine Bilder eintrug. Auf seinen Gemälden sieht man oft eine gewalttätige Gesellschaft: Menschen, die nicht mehr miteinander reden, sondern sich nur anschreien, Kriegstreiber und Kriegsgewinnler mit maskenhaften Gesichtern - nicht zufällig wie bei Otto Dix oder George Grosz. Häufig porträtiert er Menschen am Rand: eine misshandelte Dirne oder einen im Krieg erblindeten Soldaten. "Scharl wurde selbst im Ersten Weltkrieg verwundet und konnte seinen Arm zwei Jahre nicht mehr bewegen. Bis dahin hat er mit links gearbeitet", berichtet Karsten Müller. Diese Verwundungen des Ersten Weltkriegs, die in ihrer Dramatik und brutalen Vielfalt völlig neu waren, habe Scharl schonungslos und ehrlich, aber auch mit einer großen Empathie dargestellt.

Josef Scharl: Pariser Straßenszene, 1930, Öl auf Leinwand, 65,5 x 79 cm, Sammlung Karsch-Nierendorf © Susanne Fiegel

"Zwischen den Zeiten" im Barlach-Haus

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Das Barlach-Haus im Hamburger Jenischpark zeigt Bilder des Malers Josef Scharl. "Zwischen den Zeiten" heißt die Ausstellung mit Werken, die fast alle zwischen den Weltkriegen entstanden sind.

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Ausstellung kombiniert Barlach-Skulpturen mit Bildern von Scharl

Scharl hatte ein Auge für die Schwachen und für eine bestimmte Schwere der Existenz. Er malte eine Familie, die auf einem abgeernteten Feld nach übrig gebliebenen Kartoffeln sucht, oder einen Bettler, den er in Paris vor einem vergitterten Parkgelände sitzen sah. "Solche Randexistenzen, sozial Deklassierte, die durchs Netz gerutscht sind, sind Figuren, die Scharl besonders interessieren", sagt Müller. Die Ausstellung kombiniert die Bilder mit Skulpturen von Ernst Barlach, der eine ganz ähnliche Sicht auf die Welt und die Schwachen und Abgehängten hatte. So entstehen in den Räumen spannende Dialoge zwischen zwei Künstlern, die sich nicht persönlich kannten.

Scharls Spätwerk: Einsteins Stirnfalten als Weidenbaum

Plötzlich hängt da Albert Einstein. Auf gleich zwei Ölgemälden ist das Physik-Genie zu sehen. Neben einem eher nüchternen Porträt des Scharl-Freundes von 1927 gibt es auch eine buntere, grellere, im amerikanischen Exil entstandene Version aus den 50er-Jahren, an der man erkennen kann, wie Scharls Stil ornamentaler wird. Einsteins Stirnfalten werden zu einer Art Weidenbaum, der sich auf Einsteins Gesicht legt. "Auch die Haare werden Muster aus silbrigen Tupfern. Scharl hat ein Gespür dafür, das Gesicht als Zusammenstellung von Farbflecken zu gestalten", sagt Müller.

Gemälde für den zweiten Blick

Scharl war in den 20er- und 30er-Jahren in Deutschland recht bekannt, wanderte in der Nazizeit in die USA aus, kehrte nie nach Deutschland zurück und geriet hierzulande fast in Vergessenheit. Man kann dem Barlach-Haus dankbar sein, dass es diesen aufregenden Künstler nun so prominent zeigt. Die Bilder, die das Barlach-Haus aus vielen Museen und Galerien zu dieser besonderen Ausstellung zusammengetragen hat, sind stark und immer wieder aufwühlend. Oft sind es Gemälde für den zweiten Blick. Einige mögen fast 90 Jahre alt sein. Ihre Themen sind immer noch aktuell.

Einstein und die Apokalypse im Barlach-Haus

Das Barlach-Haus im Hamburger Jenischpark zeigt Bilder von Josef Scharl. "Zwischen den Zeiten" heißt die Schau mit Werken, die fast alle zwischen den Weltkriegen entstanden sind.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Ernst Barlach Haus im Jenischpark
Baron-Voght-Straße 50a
22609  Hamburg
Telefon:
(040) 82 60 85
E-Mail:
info@barlach-haus.de
Preis:
7 Euro / ermäßigt 5 € / Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei; Gruppen (ab 10 Personen) 4 Euro (Studierende 2 Euro) pro Person / Schülergruppen frei; Familienkarte 10 Euro I Jahreskarte 20 Euro / Kombikarte mit dem Jenisch Haus 10 Euro / Öffentliche Führungen (sonntags 11 Uhr, keine Gruppen): kostenlos
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag (an Feiertagen auch Montag) 11 bis 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.07.2018 | 19:00 Uhr

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