Stand: 12.07.2019 13:20 Uhr

Ausstellung mit Abschlussarbeiten der HFBK

von Peter Helling

Gibt es einen Überblick über brandaktuelle Kunst, über neueste Trends? Am besten man geht dazu an die Quelle, in die Universitäten, an eine der wichtigsten Ausbildungsorte für Künstler in Deutschland: Die Hochschule für Bildende Kunst am Lerchenfeld in Hamburg zeigt bis Sonntag, jeweils zwischen 14 und 20 Uhr, die Abschlussarbeiten des aktuellen Jahrgangs. Rund 140 Künstlerinnen und Künstler zeigen, welche Visionen sie von der Gegenwart haben. Das ist manchmal ein Angriff auf alle Sinne.

HFBK-Absolventen präsentieren ihre Werke

Wer erleben will, wie ein ganzer Raum zu lachen anfängt - und das nur, indem man mit der Hand gegen eine gebogene Holzwand tippt, der ist hier richtig. Raphaela Andrade lacht gerne - und laut: "Für mich ist das wie der Innenraum eines Instrumentes. So wird das Lachen immer mal schadenfroh und mal fröhlich und mal auslachend, mal mitlachend empfunden. Es ist praktisch der Innenraum, wo das Lachen nach außen tritt." Die Studentin hat mit ein paar Kontaktmikros und Kabeln hinter Sperrholz eine künstliche Haut geschaffen. Ihr rundes Kabinett, das nach frischem Holz duftet, macht sofort gute Laune.

"Der aktuelle Abschlussjahrgang ist sehr politisch"

Astrid Mania ist Professorin für Kunstkritik und Kunstgeschichte, hat viele im Jahrgang begleitet: "Dieses Über-die-Welt-lachen kann ja auch was enorm Befreiendes haben. Ich glaube, genau so etwas braucht man heute. Den aktuellen Abschlussjahrgang findet sie sehr politisch. Wer zum Beispiel mal wissen will, wie Donald Trump und Theresa May einen Hit von Britney Spears singen, wird beim jungen Künstler Seungheon Nam aus Süd-Korea fündig. Er hat den Song "Baby one more time" mit einzelnen Wörtern aus Reden der Politiker bestückt. Außerdem hat er die Reden analysiert, die Häufigkeit bestimmter Begriffe untersucht - Trump und May benutzen gerne Schlüsselwörter wie "great", "many" und "very". "Das sind eigentlich Füllwörter, reine Slogans", sagt Mania. "An dem Video mag ich, dass die Option, es ins Humorvolle zu ziehen, immer auch eine gute Strategie ist, mit den Mächtigen umzugehen."

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Belia Brückners Installation "Bibliothek JVA Hahnöfersand" zeigt, wie wenig Bücher die Justizvollzugsanstalt den Insassen bietet.

Eine geradezu leise Arbeit ist dagegen die von Belía Brückner - sie hat das Buchangebot der Jugend-Vollzugsanstalt Hahnöfersand rekonstruiert: drei etwas trostlose Regale mit Harry Potter, viel Fantasy, ein paar Sachbüchern, sehr wenigen Wörter- oder Sachbüchern. Eine dokumentarische Arbeit, die nachdenklich mache, findet Mania, denn: Kann diese Buchauswahl neue Horizonte öffnen? Das ist ja die Aufgabe einer Justizvollzugsanstalt. "Es ist schon eine deprimierend kleine Welt, in der man dort lebt", sagt Astrid Mania.

Südseeinsel als quadratische Trostlosigkeit

Überhaupt Horizont: Merlin Reichart hat einen beklemmenden viereckigen Raum geschaffen, einen Würfel. Die Deckenlampen lassen an einen kalten Amtsraum denken. Eine Lüftungsanlage rauscht - und an den vier Wänden klebt die verpixelte Fototapete einer Südseeinsel. 360 Grad Trostlosigkeit. "Wenn man sich umguckt, dann ist man eigentlich auf einer einsamen Insel, nicht mal einen Meter über dem Meeresstand", sagt Reichart.

Die Aula der HFBK Lerchenfeld © HFBK Lerchenfeld / Tim Albrecht Foto: Tim Albrecht

Abschlussausstellung der HFBK in Hamburg

NDR 90,3 - Kulturjournal -

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Alles hier ist quadratisch. Der Boden besteht statt aus Südsee-Sand aus wackligen Gehwegplatten - ein Paradies ohne Ausblick. Für den jungen Künstler ist es ein Abbild unserer Zeit, eine starke Setzung. In einem anderen Raum kann man sich von einem Roboter umarmen lassen, der irgendwie auch bedrohlich wirkt. Marthe Fock hat das Gerät gebaut, das ein bisschen nach 70er-Jahre-Science-Fiction aussieht. "Amomat" heißt der Kerl ohne Gesicht und mit Stummelarmen. Man weiß nicht genau, ob er wirklich freundlich ist.

Sehnsucht nach sinnlichen Materialien

Was bei allen Arbeiten auffällt: die Sehnsucht nach anfassbaren, sinnlichen Materialien, nach Konkretheit. Wenig Theorie-Lastiges oder  Verkopftes gibt es. Im prächtigen Eingangssaal der Hochschule auf etwa neun mal vier Metern sieht man das verpixelte Foto eines Flugzeugswracks. "Wir sehen hier den Ort, an dem im Jahr 2010 die polnische Regierungsmaschine mit Lech Kachinski und insgesamt 95 weiteren Personen in Smolensk abgestürzt ist", erzählt Conrad Hübbe.

Ein traumatisches Bild für das heutige Polen. Hübbe, ein Künstler mit polnischen Wurzeln, untersucht damit, wie Bilder unsere Wirklichkeit beeinflussen - wie durch sie ganze Machtapparate begründet werden. Dieser kleine Ausschnitt des aktuellen Absolventen-Jahrgangs macht klar: Die jungen Künstlerinnen wollen die Mächtigen herausfordern und kitzeln. 

Ausstellung mit Abschlussarbeiten der HFBK

Die Hochschule für bildende Künste Hamburg zeigt die Arbeiten von 140 ihrer Absolventen. Sie sind Teil von Abschlussarbeiten aus Bereichen wie Design, Bildhauerei, Fotografie und Film.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
HFBK Hochschule für bildende Künste
Lerchenfeld 2
22081  Hamburg
Preis:
frei
Öffnungszeiten:
täglich 14 bis 20 Uhr 
Hinweis:
Führungen: (deutsch) täglich 16 + 18 Uhr | (englisch) 14. Juli, 17 Uhr
Führungen für Schulkinder ab 6 Jahre | 13. und 14. Juli | 16 Uhr
Parallel zur Ausstellung sind im Rahmen von Final Cut die mit Mitteln der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein entstandenen Abschlussfilme der HFBK zu sehen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.07.2019 | 19:00 Uhr

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