Stand: 03.01.2020 18:26 Uhr  - NDR 90,3

Ausstellung in Hamburg: "Wundertüte" Barlach

von Daniel Kaiser

Zum 150. Geburtstag des Bildhauers, der am 2. Januar 1870 in Wedel geboren wurde, zeigt das Ernst Barlach Haus im Hamburger Jenischpark eine besondere Jubiläumsausstellung. Unter dem Titel "Werden, das ist die Losung" hat das Museum gemeinsam mit Hamburger Kunst-Studierenden Barlachs Skulpturen, Bilder und Texte in mehreren Themenräumen neu zusammengestellt.

Da läuft "Der Rächer". Mit einem scharfen Schwert holt er aus. Sein Mantel weht. Diese Bronzefigur von 1914 steckt voller Energie. Dahinter hängen mit Tesafilm wie provisorisch an die Wand gebrachte Kriegsplakate, die der Künstler, bevor er Pazifist wurde, ebenfalls gestaltete. Man sieht hier einen anderen Barlach als den, der ja manchmal wie ein evangelischer Postkartenheiliger wirkt. "Wir wollen dieses beruhigende, besänftigende Barlach-Bild aufmischen", sagt Museumsdirektor Karsten Müller. "So soll dieser so ein bisschen einbalsamierte 150-Jährige noch einmal seine Spannkraft entfalten. Die Wundertüte Barlach bietet eben nicht nur Bildhauerei, sondern auch ein umfangreiches, irrwitziges dramatisches Werk."

Ernst Barlach: Bilder der Ausstellung in Hamburg

Widerborst Ernst Barlach

Vor allem seine acht Dramen würden noch mal eine ganz andere Barlach-Welt eröffnen, erklärt Kuratorin Petra Lange-Berndt. "Seine Texte sind voller karnevalesker Übertreibungen, körperlicher Spektakel, aber Brutalität und Gewalt." In der Ausstellung stehen Schalen mit Zetteln, auf denen sich Zitate aus den Barlach-Dramen finden. Die Besucherinnen und Besucher sollen sich für ihren neuen Barlach-Blick einen Zettel nehmen und am besten laut vorlesen. "Würgt es Sie nie, wenn Sie sich beim Zähneputzen zufällig im Spiegel sehen?", murmelt ein Besucher. "Oller Saugwurm", kichert eine Frau über ihrem Barlach-Zettel.

Krokodil und Kasper im Barlach-Kosmos

Es ist eine Ausstellung mit Interaktion und auch mit Humor. Wo sonst die Barlach-Figuren "Die Lauschenden" stehen, hocken jetzt Kasperle-Puppen aus dem Lübecker Figurentheater: Ein Polizist, die Oma und das Krokodil sollen ein Hinweis darauf sein, dass Barlach seine Figuren salopp auch immer mal "Püppchen" nannte. Die Studentinnen und Studenten versuchen, sich Barlach mit Hilfe von Verfremdungseffekten zu nähern, und sie haben Barlach-Bilder von Zauberwäldern mit Fantasie-Figuren und Hexen-Bilder zwischen Schneewittchen-Versionen und der Skulptur einer gefesselten Frau gesammelt. "Barlach zeigt Hexen humoristisch, tragisch oder auch kritisch. Er hat einen sehr ambivalenten Blick auf die Hexenfigur geworfen", erklärt die Kunst-Studentin Pauline Behrmann.

Die Ausstellung zeigt keine Retrospektive von der Wiege bis zur Bahre. Die Hamburger Studierenden haben sich Themen-Schwerpunkte ausgewählt und Barlachs Werke darum versammelt. Sensible Bereiche, wie das Leben des Künstlers im Nationalsozialismus, erhalten so allerdings keinen eigenen Schwerpunkt.

Moses ohne Gebote

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Marten Schechs Werk "Pinkhouse" steht im Dialog mit den Werken von Ernst Barlach.

Das Besondere im Haus im Jenischpark ist, dass hier Barlach immer auch im Dialog mit den Werken anderer Künstler steht. Zur Jubiläumsausstellung hat der Berliner Marten Schech Äste und Zweige getrocknet, bearbeitet und bunt bemalt. Sie wachsen vom Innenhof des Museums in den Ausstellungsraum hinein. Museumschef Karsten Müller spricht von einem "Störsignal", das den neuen Blick auf den alten Barlach ermöglichen soll. Die stärksten Momente der Ausstellung sind dann aber doch die, in denen man Auge in Auge mit Barlachs Skulpturen steht - wie dem Mose. Die beiden Tafeln in seiner Hand sind leer. Da stehen keine Gebote. Die Tafeln, die er einem entgegenhält, werden zu einem Spiegel und zu einer Frage: Wie wollen wir leben? Dieser Barlach ist so aktuell und packend, dass er eigentlich weder Verfremdung und Störsignale benötigt.

 

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Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Ernst Barlach Haus
Baron-Voght-Straße 50a
22609  Hamburg
Telefon:
(040) 82 60 85
Preis:
7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Besucher unter 18 frei
Öffnungszeiten:
Di bis So 11 bis 18 Uhr
Hinweis:
Das Museum ist nicht barrierfrei.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 03.01.2020 | 19:15 Uhr

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