Alter jüdische Friedhof in Harburg mit Grabsteinen © Stadtmuseum Harburg

Harburger Stadtmuseum: Drama um historische Thora-Rollen

Stand: 23.07.2021 08:00 Uhr

Das Harburger Stadtmuseum zeigt gerade erst entdeckte Fragmente historischer Thora-Rollen aus der Harburger Synagoge. Sie sind nun Teil einer Ausstellung über das Leben der Juden dort.

Nahaufnahme der Schrift einer Torah und dem Deuter (Jad), einem silbernen Stab, der beim Lesen über die Zeilen geführt wird. © Picture Alliance / Godong Foto: Pascal Deloche
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von Daniel Kaiser

Die Harburger Synagoge in der Eißendorfer Straße um 1900 © Stadtmuseum Harburg
Die Harburger Synagoge in der Eißendorfer Straße um 1900

Am 9. November 1938 stürmen auch in Harburg Nazis die Synagoge und verwüsten sie. Es gibt Zeitzeugenberichte aus dieser Nacht, erklärt Museumsdirektor Rainer-Maria-Weiss: "Die beschreiben, wie unter Johlen und Geschrei das ganze Kultgerät auf den Harburger Sand, den Marktplatz, getragen wurde, und dort hat man einen Scheiterhaufen errichtet, der die ganze Nacht über brannte." Am nächsten Tag hätten dann in der glühenden Asche die Reste der heiligen Schriften gelegen. "Und der eine oder andere wird sich da eine Trophäe mitgenommen haben."

Zeitgeschichtlicher Krimi: Hass-Botschaften auf heiligen Schriften

Man sieht in der Museums-Vitrine drei Pergament-Schnipsel mit hebräischen Buchstaben. Es sind wahrscheinlich Überreste der Harburger Thora-Rollen, also alter jüdischer Bibeln, die eigentlich von den Nazis zerstört wurden. Der Judenhass war in diesem besonderen Fall allerdings so groß, dass die Pergamente noch mit Attacken wie "Juda verrecke!" bekritzelt wurden. Rainer-Maria Weiss vermutet, dass diese geschändeten Thora-Rollen in Briefkästen Harburger Juden landeten. "Sie sollten weiter eingeschüchtert werden", ist sich Weiss sicher. "Nur diesen Zweck können diese Fragmente gehabt haben. Absolut beängstigend!"

Von Thora-Schändungen dieser Art haben Weiss und seine Kollegen zuvor noch nie gehört. Jemand habe später allerdings noch versucht, die Schmähungen von den Pergamenten zu entfernen. Das sei aber nur oberflächlich geglückt. Expertinnen und Experten der Universität Hamburg hätten die Kritzeleien mit modernem Gerät wieder sichtbar gemacht. "Das Ganze ist ein zeitgeschichtlicher, politischer Krimi, der in die Umstände der Reichspogromnacht passt", urteilt Weiss. Erst vor einigen Wochen sind die Thora-Fragmente im Museum aufgetaucht - interessanterweise im Nachlass eines verstorbenen Museums-Mitarbeiters. Die Hintergründe, warum sie sich in seinem Besitz befanden und warum er das eigene Museum nie darüber informierte, sind unklar.

Florierendes jüdisches Leben bis zum Holocaust

Zwei Männer betrachten eine Schautafel © Stadtmuseum Harburg
Die Ausstellung "Orte jüdischen Lebens in Harburg" kann noch bis zum 17. Oktober besucht werden.

Die brennenden Thora-Rollen und die Geschichte ihrer Reste sind das traurige, letzte Kapitel lebendigen jüdischen Lebens in Harburg. Die kleine Ausstellung erzählt auch, wie alles im Jahr 1610 mit einem Schutzbrief für Juden begann. Harburg war immer liberaler als Hamburg, wo Juden lange keine Bürger werden durften. "Das war in Harburg anders", berichtet Museumsdirektor Weiss. "Man musste als sogenannter Schutzjude zwölf Gulden entrichten, hatte dann aber die vollen Stadtrechte und durfte seinen Geschäften nachgehen." Die Ausstellung zeigt, wie Jüdinnen und Juden in Harburg zu selbstverständlichen Nachbarinnen und Nachbarn wurden. "Wir erzählen zum Beispiel die Geschichte eines verdienten Veteranen, der in Waterloo gegen Napoleon gekämpft hat und zeigen seine Orden und Schulterklappen, die er in der Schlacht trug."

Auf einem Stadtplan sieht man, wie in den 1930er-Jahren viele Geschäfte in der Harburger Innenstadt jüdische Besitzer hatten. Dann kam der Holocaust. An die zerstörte Synagoge erinnert heute das wiederaufgebaute Eingangsportal, an jüdische Harburgerinnen und Harburger viele Stolpersteine. Zudem gibt es einen historischen Friedhof aus dem 17. Jahrhundert. Diese kleine Ausstellung zeigt, wie aus Nachbarn nach Jahrhunderten des friedlichen Zusammenlebens Verfolgte wurden.

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Harburger Stadtmuseum: Drama um historische Thora-Rollen

Das Harburger Stadtmuseum zeigt gerade erst entdeckte Fragmente historischer Thora-Rollen aus der Harburger Synagoge.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Stadtmuseum Harburg

Hamburg
Preis:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 17 Jahren frei
Öffnungszeiten:
Di - So 10.00 - 17.00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 23.07.2021 | 08:00 Uhr