Stand: 27.09.2018 18:07 Uhr

Ausstellung: "Schöner Wohnen in Altona?"

von Ruth Asseyer

Wem gehört die Stadt? Wie wollen wir wohnen und leben? Zu diesen vieldiskutierten Fragen leistet das Altonaer Museum jetzt einen ambitionierten Beitrag: Eine große Ausstellung mit zahlreichen Objekten aus eigenen Beständen erzählt die letzten 130 Jahre Stadtentwicklung in Hamburgs Westen, von der Gründerzeit bis zu den neuen Bauprojekten zwischen Bahrenfeld und Othmarschen, Titel: "Schöner Wohnen in Altona?"

Von der Wohnungsnot zur "neuen" Mitte: Stadtplanung in Altona

Museumsdirektorin Anja Dauschek hält ein kleines glänzendes Kissen in der Hand. Darauf ist Artikel 13, Absatz 1 unseres Grundgesetzes gedruckt: Die Wohnung ist unverletzlich. "Es ist eines meiner Lieblingsobjekte, weil es sehr plastisch macht, wie wichtig Wohnen ist. Es macht deutlich, dass Wohnen ein Grundbedürfnis, aber natürlich auch ein Grundrecht ist", sagt sie.

Zeitreise durch fünf Epochen

Ein vielschichtiges Thema sinnlich anschaulich zu machen - das gelingt der Ausstellung. Es ist eine Zeitreise durch fünf Epochen - in fünf Ausstellungsräumen. In jedem ist ein Zimmer in Lebensgröße aufgebaut. "Wir haben das Schlafzimmer hier als aktuellen Raum mitten in die NS-Zeit gesetzt, denn da war das Wohnen nicht unverletzlich", erklärt Dauschek, "Man wurde als jüdischer Mitbürger entmietet, man musste in Juden-Häuser ziehen."

Blick in die Geschichte

An den Wänden hängen Fotos und Plakate, davor sind einzelne Dokumente, Architektur-Modelle und kleine Filmstationen installiert. Ein Blick in die Geschichte. Prächtige, großzügige Villen in den Elbvororten und dunkle, enge Wohnungen in Altonas Altstadt: Das war das Grundproblem der überbevölkerten Industriestadt um 1900. Ab 1924 baute die von SPD-Bürgermeister Max Brauer regierte Stadt im großen Stil Wohnungen. "Licht, Luft und Sonne für das Neue Altona war ganz wörtlich gemeint", erklärt Kuratorin Vanessa Hirsch. "Die Menschen sollten nicht mehr in Kellerwohnungen hausen."

Altstadt blieb lange Sanierungsfall

Moderne Zeilenbauten mit flachen Dächern und in dem bunten gelb-orange-rotem Klinker: Das ist die Hinterlassenschaft von Stadtbaurat Gustav Oelsner. Die Nationalsozialisten setzten dann auf damals moderne Häuser, traditionelle Spitz- oder Pultdächer, denn man habe das Flachdach des Neuen Bauens als undeutsch empfunden, so Vanessa Hirsch.

Altonas Altstadt blieb weiterhin ein Sanierungsfall. Doch wer lebte in diesen engen, feuchten Wohnungen? Ein Dokument von 1932 gibt Auskunft. "Es gab einen Zigarrenhändler, einen Bücherverleiher, einen Blumenhändler, einen Fotografen, einen Uhrmacher", zitiert Kuratorin Kerstin Petermann aus dem Schriftstück. "Es muss sehr lebendig dort gewesen sein, trotz der schlechten Wohnverhältnisse."

Nachkriegsmoderne auf Kriegstrümmern

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Die Großsiedlung Osdorfer Born wurde ab 1960 geplant und größtenteils in den Jahren 1967 bis 1972 gebaut.

Auf den Bombentrümmern entstand die Nachkriegsmoderne. Ob Große Bergstraße oder Hamburgs erste Trabantenstadt Osdorfer Born - die Ausstellung erzählt kenntnis- und materialreich über neue Bautechniken und soziale Konflikte. Eine Teekanne aus Terrakotta hat etwas über die 1970er-Jahre zu sagen: "Typisch für die Zeit ist, dass unglaublich viel diskutiert wurde, und beim Diskutieren muss man die eine oder andere Kanne Tee trinken", erklärt Vanessa Hirsch.

Bürgerprotest verhindert Abriss von Gründerzeitbauten

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Demonstration in Ottensen um 1973 - die Bewohner demonstrieren für den Bau von Wohnungen.

Damals verhinderte lauter Bürgerprotest, dass die Gründerzeitbauten abgerissen wurden. Stattdessen zogen Wohnprojekte oder neues Gewerbe in die alten Fabriken. Auch die ganz aktuellen Bauvorhaben Mitte-Altona, Kolbenhöfe, Holstenareal mischen Wohnen und Arbeiten. "Ich denke, dass heute so geplant wird, haben wir zu großen Teilen den Bürgerbewegungen zu verdanken", meint Vanessa Hirsch.

Eine Überraschung sind übrigens die ausgestellten Puppenstuben. Ob Gründerzeit oder Moderne der 1960er-Jahre: Sie vermitteln Lebensgefühl und Atmosphäre sehr direkt - eine tolle Ausstellung!

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Der Stadtteil Altona in Hamburg verändert sich. Eine 130 Jahre Geschichte umspannende Ausstellung des Altonaer Museums mit Führungen zeigt das Ausmaß der Stadtplanungen im Viertel.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Diverse öffentliche Veranstaltungsorte

Hamburg
E-Mail:
info@altonaermuseum.de
Öffnungszeiten:
Montag 10-17 Uhr
Dienstags geschlossen
Mittwoch bis Freitag 10-17 Uhr
Sonnabend bis Sonntag 10-18 Uhr
Hinweis:
ganztägig geöffnet, Eintritt: 8,50 Euro / erm. 6 Euro

Führungen jeweils Sonnabends
6. Oktober 2018, 14 - 15.30 Uhr
3. November 2018, 14-15.30 Uhr
1. Dezember 2018, 14-15.30 Uhr
5. Januar 2019, 14 -15.30 Uhr
2. Februar 2019, 14 -15.30 Uhr
2. März 2019, 14 -15.30 Uhr
6. April 2019, 14 -15.30 Uhr
4. Mai 2019, 14 -15.30 Uhr
1. Juni 2019, 14 -15.30 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.09.2018 | 19:00 Uhr