Ausstellung "Moderne Zeiten" blickt auf industrielle Lebenswelt

Stand: 25.06.2021 06:51 Uhr

Ab Sonnabend zeigt das Hamburger Bucerius Kunst Forum Malerei und Fotografie von der industriellen Revolution um 1850 bis heute mit Bildern eines zynischen Kapitalismus, die einem nicht so schnell aus dem Kopf gehen.

Das Bild "Arbeiterinnen" von Hans Baluschek (1900) im Bucerius Kunstforum Hamburg © Stiftung Stadtmuseum Berlin
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von Anette Schneider

Große Fabrikhallen, rauchende Schlote, Blicke in gigantische Produktionshallen und glühend-rote Stahlöfen - die frühesten Gemälde präsentieren das neue industrielle Zeitalter voll Optimismus. Das Motto, so Kuratorin Kathrin Baumstark: "'Wow, wir können Eisenbahnen bauen!' Oder: 'Wir haben ein Riesenbergwerk!' Zu Beginn entstanden die Industrie-Darstellungen nur als Auftragswerke, gerne mit goldenem Rahmen."

"Moderne Zeiten": Ausstellung zeigt Technikfaszination

Das Bild: "Vor August-Thyssen-Hütte" von Rudolf Holtappel im Bucerius Kunstforum Hamburg © Nachlass Holtappel
Rudolf Holtappel: Vor August-Thyssen-Hütte, Duisburg-Hamborn 1959, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

Bestellt von Unternehmern wie Krupp, Borsig und Co., hängen diese frühen Bilder auf pechschwarzen Wänden, die an die Bergwerke gemahnen, aus denen ihr Reichtum stammt. Während Arbeiter anfänglich höchstens als Staffage auftauchen, zeigt die Ausstellung, wie schnell sich Themen, Motive und künstlerische Ausdrucksformen angesichts der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung immer wieder verändern.

Auffällig lange frönt die Fotografie ihrer Technikfaszination - das reicht bis zu Hilla und Bernd Bechers Bildern stillgelegter Industrieanlagen. Dagegen griffen erste Maler bereits in den 1890er-Jahren soziale Missstände auf. "Die Künstler wollten nun auch Dreckige darstellen und nicht nur das Heroische", so Kuratorin Baumstark. "Sie wollten auch die Arbeitsbedingungen und was diese mit den Menschen machen zeigen.

Entfremdete Arbeit und Umweltzerstörung damals und heute

Das Bild "Arbeiterinnen" von Hans Baluschek (1900) im Bucerius Kunstforum Hamburg © Stiftung Stadtmuseum Berlin
Hans Baluschek: Arbeiterinnen, 1900

Erstmals rückt der Arbeiter in den Mittelpunkt der Malerei. Künstler zeigen die körperliche Anstrengung an den Stahlöfen und die Entfremdung durch eintönige Arbeit, die auch in Fotoreportagen der 1960er-Jahre wieder auftaucht. Und schon 1890 malte Constantin Meunier durch Bergbau völlig zerstörte Landschaften, wie man sie am Ende der Ausstellung in aktuellen Fotografien wieder sieht.

Solche erhellenden Querverweise bereiten besonderes Vergnügen. Ebenso, dass nicht nur bekannte Künstler wie Adolph Menzel, Conrad Felixmüller oder August Sander zu sehen sind, sondern auch unbekannte, wie der Maler Georg-Friedrich Zundel mit dem lebensgroßen Porträt eines selbstbewusst die Faust ballenden, streikenden Arbeiters.

Nach engagiert-kritischer aber auch weltflüchtiger Kunst aus den 1920er-Jahren steht man im letzten, hellen Saal inmitten aktueller fotografischer Dystopien: Sarkastisch, anklagend und trickreich beschäftigen sich die Arbeiten mit den globalen Folgen eines seit fast 200 Jahren auf Profitmaximierung angelegten Wirtschaftssystems. Da entpuppen sich faszinierend schöne, farbig-abstrakte Muster als Bilder einer Ölkatastrophe. Andere zeigen Menschen, die vor Atomkraftwerken golfen oder picknicken. Und natürlich geht es um die Frage, was Arbeit heute eigentlich ist.

"Industrie 4.0": Keine Arbeiter mehr da

Das Bild "Containerterminal" von Henrik Spohler im Bucerius Kunstforum Hamburg © Henrik Spohler
Henrik Spohler: Containerterminal, Hamburg 2013, Deutschland

Zum Stichwort "Industrie 4.0" erzählt Baumstark: "Wir haben ein ganz großartiges Bild von Henrik Spohler, das einfach ein Rechenzentrum zeigt. Da ist kein Arbeiter mehr. Sondern das wird alles in diesen Räumen gemacht. Aber es ist genau so ein Bild wie 170 Jahre vorher mit den Bergarbeitern in der Grube."

Als wäre all dies nicht längst genug, schließt die eindrucksvolle Ausstellung mit einer Fotoserie über Waffenmessen - und mit Aufnahmen vom Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh, bei dem 1135 Menschen starben - mit Bildern eines zynischen Kapitalismus also, die einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen.

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Das Bild "Arbeiterinnen" von Hans Baluschek (1900) im Bucerius Kunstforum Hamburg © Stiftung Stadtmuseum Berlin
3 Min

"Moderne Zeiten": Ausstellung im Bucerius Kunst Forum Hamburg

Gemälde und Fotos von der industriellen Revolution mit Bildern eines zynischen Kapitalismus, die einem nicht so schnell aus dem Kopf gehen. 3 Min

Ausstellung "Moderne Zeiten" blickt auf industrielle Lebenswelt

Das Hamburger Bucerius Kunst Forum zeigt Malerei und Fotografie von der industriellen Revolution um 1850 bis heute.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Alter Wall 12
20457 Hamburg
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 25.06.2021 | 09:20 Uhr