Stand: 04.07.2019 14:49 Uhr

Ausstellung zur Orgel: Register selbst ziehen

von Kerry Rügemer

2019 ist das Orgeljahr - zum 300. Todestag des berühmten Orgelbauers Arp Schnittger. Von dessen ursprünglich 170 Orgeln aus seiner Werkstatt existieren heute in Norddeutschland immerhin noch 47. In der Hauptkirche St. Jacobi steht die von Arp Schnitger Ende des 17. Jahrhunderts gebaute Orgel, die damals die größte der Welt war. Jetzt zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung über die Geschichte des Orgelbaus, in der es auch ensprechnede Instrumente zu sehen und zu hören gibt. Denn es gibt nicht nur die riesigen, fest installierten Orgeln in den Kirchen - die frühen Orgeln waren kleiner und transportabel.

Orgel-Viefalt: Die schönsten Stücke der Ausstellung

Blasebälge und Kalkanten

Eine weitere Besonderheit: Früher war voller Körpereinsatz gefragt, um eine Orgel zum Klingen zu bringen. Orgelrestaurator Georg Ott kniet neben einer alten, hübsch verzierten Orgel aus dem 18. Jahrhundert. Er zieht an zwei Seilen, die seitlich aus dem Instrument herauskommen. Es sieht fast aus, als würde er eine Kuh melken. "Ich ziehe die Bälge, ich bin der Kalkant", sagt er. Die Bälge, das sind die Blasebälge der Orgel, die den Wind erzeugen und so den Ton. Heutzutage geht das elektronisch - früher musste immer ein Kalkant (Balgtreter) die Strippen ziehen. "Die Kalkanten hatten tatsächlich eine gewisse Wertschätzung", erklärt Ott. "Sie wurden bezahlt wie die Musiker und mussten schon aufpassen und gescheit arbeiten."

Georg Ott ist Restaurator historischer Tasteninstrumente. Ihm gehört dieses wunderbare Instrument mit dem vollen Klang gemeinsam mit der Pianistin Sylvia Ackermann. Sie spielt diese Orgel und schwärmt von ihrem Instrument: "Die Authentizität des Klangs, die Verbindung mit dem Kalkanten - das ist besonders tolle Luft, ganz anders als eine elektronisch gesteuerte Luft von einem Blasebalg. Das ist die Lebendigkeit, das ist etwas ganz Anderes."

Wer erfand die Orgel?

Mehr als 30 Exponate sind im Museum zu sehen, darunter historische Instrumente und Rekonstruktionen uralter Orgeln. Jahrhundertelang wurde die lautstarke Orgel für ganz andere Zwecke genutzt als heute, erzählt Kurator Olaf Kirsch: "Wir verbinden die Orgel ja immer mit Kirche und Gottesdienst. Es waren aber Ingenieure im zweiten Jahrhundert nach Christus, die mit Bautechnik und derartigen Dingen beschäftigt waren und die ersten Orgeln gebaut haben. Bei den Römern war es ein sehr heidnisches Instrument, was in Arenen zu Gladiatorenkämpfen eingesetzt wurde, weil es einfach sehr lautstark war." Doch über reiche Fürstenhäuser, die privat solche Instrumente besaßen, fand die Orgel allmählich Einzug in die Kirchen.

Ausstellung lädt zum Ausprobieren ein

Die sehr spannende Ausstellung zeigt nicht nur wunderbar verzierte historische Instrumente, sie lädt auch zum Anfassen und Mitmachen ein. Besucher können an einem Orgelspieltisch selbst mal in die Tasten greifen und werden feststellen, wie schwer es ist, gleichzeitig auch mit den Füßen zu spielen. An Modellen wird verständlich gezeigt, wie eine Orgel überhaupt Töne erzeugt und was es mit den vielen Registern, die man ziehen kann, auf sich hat.

Spieltisch aus St. Jacobi Kirche zu sehen

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Die Registerzüge der Arp-Schnitger-Orgel aus der Jacobi-Kirche sind mit Porträtköpfen verziert.

Zu sehen ist auch der auffällige Spieltisch der alten Arp-Schnitger-Orgel aus der Jacobi-Kirche. Der wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach von Emmerich von Koczma neu gestaltet - mit ganz besonders verzierten Registern, erklärt Olaf Kirsch: "Die Registerzüge sind als Portraitköpfe gestaltet. Einer dieser Köpfe ist Albert Schweitzer, der auch selbst mal an diesem Spieltisch zu Besuch war und gespielt hat."

Eine tolle Ausstellung anlässlich des Orgeljahrs - zum Gucken, Hören und Anfassen.

Ausstellung zur Orgel: Register selbst ziehen

Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt anlässlich des Orgeljahres 2019 mehr als 30 Exponate rund um den Orgelbau und das Orgelspiel. Und: Besucher sind zum Ausprobieren eingeladen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
20099  Hamburg
Telefon:
040/428 131 0
Preis:
12 Euro, ermäßigt 8 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10 - 18 Uhr
Donnerstag: 10 - 21 Uhr
Donnerstag an/oder vor Feiertagen: 10 - 18 Uhr
Kartenverkauf:
Donnerstag ab 17 Uhr 8 Euro
nur Besuch der Destille: 2 Euro
nur Besuch der Gerd Bucerius Bibliothek: 2 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.07.2019 | 19:00 Uhr

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