Stand: 13.05.2019 17:40 Uhr

Museum zeigt Künstlerinnen hinter den Kulissen

Endlich wird an Museen und anderen Institutionen mehr und mehr nach vergessenen Frauen geforscht. Das MARKK, Museum am Rothenbaum in Hamburg und einstiges Völkerkundemuseum der Stadt, erinnert in der Ausstellung "Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars" erstmals an Frauen, die im frühen 20. Jahrhundert als Zeichnerinnen am Museum arbeiteten - zu einer Zeit, da ihnen Studieren verboten war und berufstätige bürgerliche Frauen scheel beäugt wurden.

Die filigranen, farbigen Aquarellzeichnungen sind nur 15 x 21 Zentimeter groß. Doch sie zeigen alle Feinheiten der dargestellten Objekte: Da schimmert das Metall einer Skulptur aus Gabun. Das Fell eines bunt bestickten Stiefels aus Grönland wirkt verlockend weich. Und das trockene Material eines geflochtenen Korbes aus Kokosblatt scheint man rascheln zu hören.

Die "Künstlerinnen des Inventars" und ihre Arbeit

"Weibliche technische Hilfskräfte" sollten Sammlung auf Inventarkarten festhalten

Ab 1907 beschäftigte das damalige Museum für Völkerkunde sogenannte weibliche technische Hilfskräfte, die die Museumssammlung auf Inventarkarten festhalten sollten. "Zu jedem Objekt wurde eine Karte angelegt. Auf der Vorderseite wurden die damals für wichtig erachteten Informationen aufgeschrieben, die Rückseite war für die bildliche Darstellung des Objekts vorgesehen", erklärt Kuratorin Rahel Wille.

Mühsame Suche nach den Namen

Wille entdeckte über 1.000 solcher Inventarkarten bei der Digitalisierung des Museumsbestandes. Noch heute leisten sie unschätzbare Dienste, etwa wenn es um Fragen nach der Herkunft eines Objektes geht. Doch als sie mehr über ihre Urheberinnen wissen wollte, stieß sie ins Leere. Nicht einmal deren Namen waren bekannt. So suchte die Wissenschaftlerin nach Spuren: Sie forschte in Archiven, wälzte Personalakten, sichtete alte Fotos und Korrespondenzen, verglich Handschriften - und manchmal half der Zufall. "Im Inventurprojekt sind wir auf eine Löffelsammlung gestoßen. Löffel aus aller Welt. Und ich habe festgestellt, dass die Sammlerin Marie Enderlin heißt und eine dieser Zeichnerinnen war."

Zeichnerinnen verdienten nur halb so viel wie Zeichner

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Marie Enderlin war eine der ersten Zeichnerinnen im Museum.

Bisher konnte die Kuratorin 21 Zeichnerinnen ihren Namen zurückgeben - und einigen sogar ihr Gesicht. Die Ausstellung erzählt davon und zeigt Arbeiten der Frauen. Auch wenn oft erst winzige, biografische Splitter vorliegen, wird deutlich: Diese jungen Frauen widersetzten sich energisch der ihnen vorgeschriebenen Rolle, Ehefrau und Mutter zu werden. Sie wollten lernen und ihr eigenes Leben führen. So wie Marie Enderlin, die 1880 geboren wurde und die eine der ersten Zeichnerinnen am Museum war. "Marie Enderlin hat eine kunstgewerbliche Ausbildung, war dann in verschiedenen Ateliers tätig und betrieb wohl - bevor sie im Museum anfing - ein eigenes Atelier, in dem sie andere Frauen als Zeichnerinnen ausbildete", erzählt Wille.

Viele der Frauen besuchten kunstgewerbliche Schulen, machten ihr Lehrerinnenexamen, wollten vielleicht Künstlerinnen werden - und landeten im Museum. Das stellte die Frauen übrigens nicht ein, weil es so fortschrittlich war, sondern weil Zeichnerinnen nur halb so viel Gehalt erhielten wie Zeichner. Doch trotz der anstrengenden Tätigkeit zeigen Fotos die Frauen bei ausgelassenen Feiern, als verschworene Gemeinschaft.

Fachwissen und gesundes Selbstbewusstsein

Nach ihrer Verrentung verkaufte Enderlin ihre Löffelsammlung an das Museum, wobei die beiliegenden Inventarkarten ihr Selbstbewusstsein spiegeln. Denn auf deren Vorderseite steht: Sammlung Marie Enderlin. "Gleichzeitig lässt sich an den Karten ablesen, dass sie diese Löffel nicht nur Kollegen aus dem Haus abgekauft hat, sondern auch mit dem Haus verbandelten namhaften Sammlern der Zeit", sagt die Kuratorin der Ausstellung.   

Einige Frauen bestanden auf ihrer Freiheit

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Elisabeth Mannsfeld wanderte später nach Afrika aus und wurde in Harare Kuratorin eines großen Museums.

Die meisten Frauen heirateten irgendwann dann doch - und wurden Hausfrau. Einige aber bestanden auf ihrer Freiheit. Zu ihnen gehört Elisabeth Mannsfeld, die später berühmt wurde. "Sie hat ihre Tätigkeit hier aufgegeben und angegeben, dass sie ihre künstlerischen Studien weiterverfolgen wollte", erzählt Wille. "Sie ging nach München, wo zu der Zeit Frobenius sein Institut hatte. Sie fuhr auf Expeditionen und Forschungsreisen nach Südafrika, ins heutige Simbabwe, um dort vor Ort Felszeichnungen abzuzeichnen."

Über 1.000 Zeichnungen entstanden während der Zusammenarbeit mit dem Ethnologen Leo Frobenius. 1931 wanderte Mannsfeld nach Südafrika aus. Im heutigen Harare wurde sie Kuratorin eines großen Museums und hielt Vorträge. Ihre Zeichnungen wurden weltweit ausgestellt.

Projekt steht erst am Anfang

So viele Informationen wie über sie hätte Rahel Wille auch gern über die anderen Frauen. Das engagierte Projekt, das den vergessenen Frauen Gesicht und Stimme zurückgeben will, steht somit erst am Anfang.

Zeichnen in den Magazinen, undatierte Aufnahme. © MARKK Foto: unbekannt

Die Austellung "Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars"

NDR Kultur - Journal -

Das Hamburger MARKK widmet die Ausstellung "Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars" den Frauen, die hinter den Kulissen des Museums wirkten.

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Museum zeigt Künstlerinnen hinter den Kulissen

In der Ausstellung "Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars" zeigt das Hamburger MARKK Frauen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinter den Kulissen des Museums wirkten.

Datum:
Ende:
Ort:
MARKK - Museum am Rothenbaum - Kulturen und Künste der Welt
Rothenbaumchaussee 64
20148   Hamburg
Telefon:
040 / 42 88 79 - 0
E-Mail:
info[at]markk-hamburg.de
Preis:
8,50 Euro / 4,50 Euro ermäßigt
Öffnungszeiten:
Di bis So: 10 - 18 Uhr
Do: 10 - 21 Uhr
Montags geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.05.2019 | 19:00 Uhr

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