Stand: 02.03.2019 17:07 Uhr

Wie sich Kunst und Musik beeinflussen

von Annette Schneider

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Blick über den eigenen Tellerrand durchaus belebend wirken kann. Das gilt auch für Künstler. Überraschenderweise war dies bisher kaum Gegenstand von Ausstellungen. So zeigen die Hamburger Deichtorhallen in ihrem Projekt "Hyper! A Journey into Art and Music" nun erstmals anhand von fast 300 Arbeiten 60 internationaler Künstler, wie sich die beiden Gattungen gegenseitig inspirieren können.

Auf dem Weg in die Ausstellung muss man vorbei an einer Wand mit riesigen Schwarz-Weiß-Porträts. Sie zeigen die düster blickenden Türsteher des umstrittenen Berliner Musikclubs Berghain. Hat man die Macho-Reihe unbeschadet passiert, steht man in der großen Halle inmitten von Installationen, Ölbildern, Videos und Fotoserien, die "ohne die Inspiration durch Popkultur, Punk, Techno oder Freejazz nicht entstanden wären", sagt Kurator Max Dax, Ex-Herausgeber des Musikmagazins "Spex". "Mir ist seit Langem aufgefallen, wie stark die Welt der Kunst und die Welt der Musik voneinander zehren und sich gegenseitig beeinflussen. Aber es gibt eine komische Trennung, wie eine Demarkationslinie zwischen den beiden Disziplinen."

Einfluss von Techno-Musik auf Kunst mit sinnentleerter Tapete

Die Trennung löst die Ausstellung nun auf, wobei kurze Texte mit Hintergrundinformationen und Querverweisen helfen. Etwa bei Albert Oehlen. Der war von der geistigen Entleerung bestimmter Techno-Musik so fasziniert, dass er auf das Zeitphänomen mit einem Bild voll sinnentleerter Dinge reagierte, darunter ein Stück Wandtapete mit Südseemotiv. Der afroamerikanische Künstler Arthur Jafa schnitt für sein Video in rasanter Folge Fotos, Plakate, Filmausschnitte schwarzer Musiker aneinander. Damit schreibt er eine eigene - schwarze - Geschichte der Pop-Kultur.

Das Massenphänomen Popmusik in der Kunst

Gleich mehrere Arbeiten beschäftigen sich mit dem Massenphänomen Popmusik, mit Teenie-Stars wie Justin Biber und Britney Spears. Andere verwandeln Töne und Stimmen in abstrakte Bilder. Deichtorhallenleiter Dirk Luckow verfolgte die Idee zu der Ausstellung schon seit Jahren, wobei ihn zwei Dinge besonders antrieben: "Am Puls der Zeit zu sein und natürlich auch die Grenzen der Kunstgattungen zu sprengen."

Gemälde, Installationen und Fotos aus "Hyper!"

Immer wieder überrascht die Vielfalt der Ideen und Herangehensweisen: Der Londoner Künstler und Musikmagazin-Gestalter Scott King etwa treibt in seiner Arbeit den Fan-Kult auf die Spitze: Er zeigt den Abdruck einer knapp sieben Meter hohen Hausfassade, auf der Ian Curtis, der Star von Joy Division zu sehen ist. Das bringe ihn "wie ein Relikt, wie ein Heiligenobjekt in die Ausstellung", sagt Luckow.

Kim Gordon zeigt Ölbilder, die an Graffitis erinnern

Phil Collins: "britney #2", 2001 - in der Ausstellung "Hyper!" in den Deichtorhallen Hamburg © Phil Collins / Courtesy Sammlung Falckenberg/Deichtorhallen Hamburg

Zum Nachhören

Die Deichtorhallen Hamburg zeigen in der Ausstellung "Hyper!" mit fast 300 Arbeiten von 60 Künstlern aus aller Welt, wie sich die Kunst und Musik gegenseitig inspirieren.

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Immer wieder trifft man auch auf Künstler, die Genre übergreifend arbeiten. Kim Gordon etwa, einst Sängerin und Bassistin bei Sonic Youth. Längst hat sie ihre eigene Band und zeigt eine Reihe Ölbilder, die an Graffitis erinnern: mit triefendem schwarzem Pinselstrich knallte sie trashige Namen völlig unbekannter Musikgruppen auf die weißen Leinwände. Jetzt im Museum erhalten sie endlich die ersehnte Öffentlichkeit.

Ein weiterer Künstler ist Steven Parrino. Seine 1,80 Meter breiten, orange leuchtenden Ölbilder wirken wie unordentlich an die Wand genagelte Tücher voller Verwerfungen und Falten. "Er ist von Grateful-Dead-Konzerten angeregt worden, mit Gitarren zu experimentieren, die er dann aufeinander rieb", sagt Luckow.

Seit Jahren ringen Museen um neue Besuchergruppen. Einmal davon abgesehen, dass freier Eintritt der erfolgreichste Weg dafür sein dürfte, scheint ein gattungsübergreifendes Projekt wie "Hyper!" durchaus eine weitere Möglichkeit zu sein: Angesprochen werden vor allem jüngere Menschen, die inmitten ihnen vertrauter Musik erleben können, dass und wie sich Ölgemälde und Installationen entschlüsseln lassen - und dass dieses Verstehen Genuss bereitet - und Lust macht auf mehr.


02.03.2019 10:03 Uhr

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Kim Gordon sei Mitglied bei Joy Division gewesen. Tatsächlich war sie natürlich Teil der Band Sonic Youth. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 

Wie sich Kunst und Musik beeinflussen

Die Deichtorhallen Hamburg zeigen in der Ausstellung "Hyper!", wie sich Kunst und Musik gegenseitig inspirieren - kuratiert vom früheren "Spex"-Redakteur Max Dax.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen Hamburg City
Deichstorstr 1-2
20095  Hamburg
Preis:
Eintritt und Führung 15 Euro/Person, regulär 12 Euro/Person, ermäßigt 7/Person,
Öffnungszeiten:
11 - 18 Uhr
Montags geschlossen
Jeden 1. Do im Monat 11-21 Uhr
1. Mai geöffnet
auch an Oster- und Pfingstfeiertagen geöffnet
Hinweis:
Dienstagskarte 6 Euro
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.03.2019 | 19:00 Uhr

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