Stand: 21.08.2019 13:58 Uhr

Banale Orte, brutale Morde: Foto-Doku zum NSU

von Torben Steenbuck

Zwölf Jahre lang haben die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Menschen aus rassistischen Motiven ermordet. Was folgte, war einer der längsten und kompliziertesten Gerichtsprozesse in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Skandal dahinter war riesig, der Schmerz der Opfer niederschmetternd. In Hamburg eröffnet am 22. August eine Fotoausstellung in der Galerie Freelens, die versucht, eine Chronologie der NSU-Morde in Bildern festzuhalten. Die Hamburger Fotografin Paula Markert zeigt banale Orte, die brutalste Gewalt dokumentieren.

Es sind Bilder von Garagentoren, von einer Bundesstraße oder von einer Plattenbausiedlung. Bilder von Orten, die so banal sind, dass sie einem nicht auffallen würden, wenn man an ihnen vorbei geht. Paula Markert steht vor einem plakatgroßen Foto, das einen schlichten braunen Hauseingang zeigt, daneben ein verhangenes Schaufenster. Sie liest den Text, der neben dem Bild steht. "Du liest, wie dieser Vater seinen eigenen Sohn, in seinem eigenen Blut, in deren eigenem Internet-Café, gefunden hat. Dann erschlägt einen genau das. Dieser erst einmal banal erscheinende Ort."

"Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU"

Fotos vom Fahndungsbild bis in den Gerichtssaal

Die Foto-Reihe "Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU" zeigt Menschen, Orte und Gebäude. Sie verbindet, dass sie etwas mit den Verbrechen des NSU zu tun haben. Es beginnt mit dem Fahndungsbild des Kern-Trios. In einem Rahmen, der aussieht wie ein Fernseher, blickt man auf die schwarz-weißen Porträts von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Das war 2011. Paula Markert verfolgt den Prozess von Anfang an. "Ich hatte vor allem das Bedürfnis, mir selbst ein Bild davon zu machen, in was für einem Land ich lebe, in dem so etwas möglich ist.", so Markert.

Reise von Jena über Köln nach Fehmarn

Ihre Reise führte Markert nach Jena, wo sich das Trio kennengelernt und radikalisiert hatte. Sie führte sie zu den Tatorten der Nagelbomben-Attentate in Köln und nach Fehmarn, wo die Terroristen ihre Sommerurlaube verbrachten. Fünf Jahre arbeitete sie an der Bilder-Reihe. Mit jedem neuen Schritt in ihrer Recherche wurde Markert dabei klarer, wie groß und komplex der Fall um die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds wirklich ist. "Dann wurde plötzlich dieses unfassbare, monströse Verbrechen aufgedeckt. Und dann wurde ziemlich schnell klar, dass die Behörden in diesen Fall verstrickt sind. Dass Akten geschreddert wurden."

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NSU-Prozess: Ende eines Mammutverfahrens

Nach 437 Verhandlungstagen wird am Mittwoch das Urteil im NSU-Prozess erwartet. Hintergründe und Analysen bei tageschau.de. extern

Fotografin Paula Markert sitzt beim Prozess mit im Gerichtssaal

Doch wie soll man vernichtete Akten darstellen, wenn man nicht mal den Akten-Schredder fotografieren darf? Im Fall der vernichteten NSU-Akten sieht man eine Großaufnahme des Gebäudes vom Bundesverfassungsschutz. Brutalismus trifft auf einen regnerischen Sonnenuntergang. Bewusst sind einige Bilder im Herbst aufgenommen. Sie wirken ruhig, aber auch düster. Das Foto, das Paula Markert am meisten berührt hat, ist in einem Gerichtssaal in München entstanden. "Ich stand anderthalb Meter neben Beate Zschäpe und hinter mir oder direkt neben mir war die Bank, auf der die Zeugen sitzen mussten. Das hat mich irgendwie total umgehauen, diese räumliche Nähe zwischen der Angeklagten und den Zeugen."

Die Ausstellung endet mit einem Foto von Abdullah Özkan, einem der Überlebenden des Nagelbomben-Attentats in Köln. Auf dem Bild weint er. Das Konzept der Ausstellung geht auf. 32 Fotos und Texte, die dem Betrachter die Verbrechen des NSU auf emotionale Weise näher bringen und gleichzeitig einen nüchternen Blick auf Deutschland werfen und den Umgang mit rechtem Terror im Land. Paula Markert hofft, dass sie mit ihrer Ausstellung die Erinnerung an die NSU-Verbrechen wachhalten kann. Außerdem möchte sie die Menschen zum diskutieren anregen - auch über den Rassismus und die rechten Anschläge, die heute noch stattfinden.

Banale Orte, brutale Morde: Foto-Doku zum NSU

Paula Markert hat seit 2014 Fotos von Orten und Menschen rund um den NSU-Gerichtsprozess gemacht. Ab dem 22. August sind ihre Fotos in einer Hamburger Galerie zu sehen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Freelens Galerie
Alter Steinweg 15
20459  Hamburg
Öffnungszeiten:
Mo bis Do 11 bis 18 Uhr
Freitag 11 bis 16 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.08.2019 | 17:40 Uhr

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