Stand: 15.05.2019 18:02 Uhr

Ausstellung: Designerinnen der Deutschen Werkstätten

von Anette Schneider

Wenn man auf Wikipedia das Stichwort "Deutsche Werkstätten Hellerau" eingibt, erscheint eine ganze Liste von Designern, die seit 1898 für das Unternehmen Möbel entwarfen - allesamt Männer. Eine aus Dresden kommende, in Hamburg um zahlreiche Stücke erweiterte große Ausstellung stellt nun im Museum für Kunst und Gewerbe Designerinnen vor, die seit 1898 für die Deutschen Werkstätten arbeiteten - und die nach dem Zweiten Weltkrieg fast alle vergessen waren.

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Die Künstlerin und Designerin Gertrud Kleinhempel gehörte zu den ersten Frauen, die ab 1898 in den Deutschen Werkstätten Hellerau Möbel entwarf. Später wurde sie erste Professorin Preußens.

Natürlich hätten sie auch eng geschnürte, bodenlange Kleider tragen können, die ihnen körperliche Tätigkeit und freie Bewegung unmöglich machten. Sie hätten heiraten, Kinder kriegen und ihre Tage im Salon totschlagen können, so wie es die bürgerliche Gesellschaft um 1890 für Frauen eben vorsah. Doch einige wenige konnten diesem Lebensentwurf nur wenig abgewinnen. Sie erkämpften sich mühsam ihren eigenen Weg - und besuchten zum Beispiel private Kunstschulen.

Jahrhundertwende als Aufbruchszeit

"Die Jahrhundertwende ist auch eine Aufbruchszeit. Es ist die Zeit der Reformbewegungen. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Privatschulen gegründet, um eine andere Art der Ausbildung anzubieten. Die haben durchaus auch Frauen aufgenommen", sagt Turga Beyerle. Die Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe stellt jetzt in einer Ausstellung 18 bisher vergessene Designerinnen vor. "Dass, was wir so beeindruckend finden ist, dass die jungen Frauen, die man hier kennenlernt, mit einem unglaublichen Mut und Selbstbewusstsein diesen Aufbruch genutzt haben und sich ihren Platz erobert haben."

Deutsche Werkstätten versammelten die besten Künstler der Zeit

Als freischaffende Künstlerinnen entwarfen sie edle Schränke, Sessel und Sekretäre. Sie entwickelten praktische Kinderkommoden ebenso wie ungeheuer elegante Inneneinrichtungen für Kreuzfahrtschiffe oder Luxusabteile von Eisenbahnen. Die biografisch geordnete Ausstellung versammelt jetzt ihre Möbel, Textilien und Entwurfszeichnungen. Wunderbare historische Fotos zeigen die selbstbewussten Frauen in ihren Ateliers, zwischen ihren Produkten und Inneneinrichtungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle irgendwann zwischen 1898 und 1938 für die Deutschen Werkstätten arbeiteten, deren Gründer Karl Schmidt für Turga Beyerle ein Visionär war: "Seine Vision war, die besten Künstler der Zeit einzuladen, gute Entwürfe zu einem leistbaren Preis zu machen. Und es war ihm einfach egal: Beste Qualität war von Frauen wie Männern gleichermaßen willkommen!"

Die Künstlerinnen und ihre Werke

"Frauen sind für Flachware geeignet"

Gertrud Kleinhempel und Margarete Junge waren die ersten, die in die Männerdomäne eindrangen. Ab 1898 entwarfen sie Vitrinen, Bücherschränke und ein ganzes Schlafzimmer. Ihre Entwürfe zeichnen sich durch klare Formen und ästhetische Proportionen aus. Da gibt es nichts Wuchtiges oder Protziges, wie sonst in der Kaiserzeit üblich. Kleinhempel und Junge stellten auf internationalen Designausstellungen aus, gewannen Wettbewerbe und trugen maßgeblich zum Erfolg des jungen Unternehmens bei. Doch schon nach wenigen Jahren begannen Männer die Frauen wieder zu verdrängen: Repräsentative Möbelentwürfe bedeuteten Renommee und Geld. Und so zogen die Herren der Schöpfung alle Register. "Aus dieser Zeit gibt es auch sehr polemische Artikel: 'Frauen können nicht technisch konstruktiv und nicht dreidimensional denken. Sie sind für die Flachware nur geeignet, für das Dekorative'", erzählt Beyerle.

Mit Begabung gegen die konservative Gesellschaft

Also eroberten sich die Designerinnen neue Arbeitsfelder: Sie entwarfen Teppiche und Tapeten, Bucheinschläge und Spielzeug. Vor allem aber: Kleider für Frauen. Die ausgestellten Modelle zeigen leichte, fließende Gewänder, die den weiblichen Körper endlich vom einengenden Korsett befreien. "Das Spannende ist, dass sie unglaublich gut darin waren, ihre Begabung mit Pragmatismus und Chancen und Mut so zu kombinieren, dass sie trotz eines durchaus ja nach wie vor konservativen gesellschaftlichen Bildes ihren Weg gehen können", sagt Beyerle. Änne Koken etwa war ab 1912 Modedesignerin und entwickelte außerdem viele Jahre die Werbekampagnen für die Keksfabrik Bahlsen. Und Gertrude Kleinhempel wurde erste Professorin Preußens. Doch die biografischen Texte zeigen: Für viele war es damit 1933 vorbei.

Verdrängung durch NS-Ideologien

"Sie verschwinden dann aus den Berufen, eben, weil sie von der nationalsozialistischen Ideologie und Vorstellung, was Familie ist, zurückgedrängt werden. Die freie, selbstständige Frau, die ihr Leben selbst bestimmt, war nicht mehr opportun", erzählt Beyerle. Schlimmer noch: Die jüdische Designerin Martha Klett-Hirsch wurde 1942 von den deutschen Faschisten in das Vernichtungslager Belzéc deportiert und ermordet. Die biedere Nachkriegszeit aber, in der kaum jemand von der jüngsten Geschichte wissen wollte, und in der Kunst-, Bildungs- und Medieninstitutionen noch immer in den Händen von Männern waren, machte die Frauen vollends vergessen. Bis heute.

Ausstellung: Designerinnen der Deutschen Werkstätten

Ab 1898 arbeiteten zahlreiche Frauen für die Deutschen Werkstätten Hellerau, bevor sie nach der NS-Zeit in Vergessenheit gerieten. Das Museum für Kunst und Gewerbe stellt einige von ihnen vor.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
20099  Hamburg
Telefon:
040 4 28 13 48 80
E-Mail:
service@mkg-hamburg.de
Preis:
12 Euro
Öffnungszeiten:
Montag: geschlossen
Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr
Donnerstag: 10-21 Uhr
Donnerstag an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr
Kassenschluss jeweils 30 Minuten vor Schließung des Museums.

1. Mai, Heiligabend und Silvester ist das Museum geschlossen.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.05.2019 | 19:00 Uhr

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