Stand: 26.04.2019 12:13 Uhr

Ausstellung: Berliner Plakate aus der Wende-Zeit

von Anette Schneider

Seit Jahren gelten Henning Wagenbreth und Anke Feuchtenberger als innovative, international führende Comic- und Grafic-Novel-Zeichner bzw. Zeichnerin. Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg blickt nun Dank einer Schenkung auf die Anfänge der beiden zurück: Etwa 80 Plakate, die um die Wendezeit 1989 in Ostberlin entstanden, stellen die beiden Mitglieder der Künstlergruppe "PGH Glühende Zukunft" in den Mittelpunkt einer Ausstellung.

Auf dem Plakat: ein Fahrradfahrer zwischen Häuserschluchten, die geballte Faust in den Himmel gereckt. Dazu der an Karl Marx gemahnende Satz: "Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten!" Etwas weiter hockt eine jungen Frau rauchend auf einem Fußball und blickt kritisch aus dem Bild. Darunter die Zeile: "Wi(e)der die Vereinzelung", wobei das E von Wieder doppelsinnig in Klammern steht.

Werke der Ausstellung "PGH Glühende Zukunft"

Die Plakate von Henning Wagenbreth und Anke Feuchtenberger entstanden 1989. Da waren sie Mitte 20, hatten an der Ostberliner Kunsthochschule Weißensee Grafikdesign und Illustration studiert, und gerade mit zwei Kollegen die Künstlergruppe "PGH Glühende Zukunft" gegründet. "PGH steht für Produktionsgenossenschaft des Handwerks. So haben sich die Handwerksbetriebe genannt, die unter diesem Namen so genossenschaftlich verbunden wurden. Und die Künstler, die sich da zusammentaten, hatten mit etwas Ironie einfach diesen Namen aufgegriffen", so Kurator Jürgen Döring.

Aufbruchsgefühle in Ostberlin

Doch gerade, als die vier hoffnungsfroh loslegen wollten, fällt die Mauer. Die Gesellschaft, in der sie lebten, brach zusammen. Also mischten sich die vier politisch ein, zeichneten und malten Plakate für Veranstaltungen, Vereine und Theater. Die Ausstellung zeigt nun Arbeiten von Henning Wagenbreth und Anke Feuchtenberger.

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Henning Wagenbreth entwarf vor allem Theaterplakate: mit Hilfe eines Stifts, nicht wie im Westen mit dem Fotoapparat.

Ein Matrose reckt seine geballte Faust gen Himmel und ruft "Ahoi!". Über den Holzschnitt setzte Henning Wagenbreth die Aufforderung, am 10. November ‘89 in die Gethsemanekirche am Prenzlauer Berg zu kommen - zum Gründungstreffen des Neuen Forums. "Einen Tag nach dem Mauerfall! Und Wagenbreth hat über Nacht diesen großen Holzschnitt gemacht, in wenigen Exemplaren abgezogen und plakatiert. Weil er kein passendes Holz zur Verfügung hatte, hat er die Tür aus dem Dachboden ausgebaut und da reingeschnitten", erzählt Jürgen Döring.

Wagenbreth enwickelt heute faszinierend-überbordende, sarkastisch-abgründige Geschichten, die er mit der Musikgruppe "Mazooka" auch schon mal zum Leben erweckt. Damals entwarf er vor allem Theaterplakate. Während man im Westen dafür auf Fotografie setzte, füllte er die Plakate mit grellbunten Geschichten, egal ob für einen Christoph-Hein-Abend oder Genets "Die Zofen".

Plakate gegen Rollenmuster

Anke Feuchtenberger, die seit 1997 in Hamburg lehrt, entwarf in der Wendezeit zahlreiche Plakate für den unabhängigen Frauenverband Ostberlin. Sarkastisch führt sie mit klarem, schwarzem Strich die wieder drohenden Rollenmuster vor, zeigt zum Beispiel unter dem Titel "Alle Frauen sind mutig, stark und schön" eine Mutter, die unter der Last zweier plärrender Kinder, zahlreicher Einkaufstüten und einer Haustür unterm Arm fast zusammenbricht.

Viele der Arbeiten spiegeln ein Stück Zeitgeschichte. Vor allem aber zeigen sie, dass Wagenbreth und Feuchtenberger schon damals die Neuerer für avantgardistische Formen und kritische Bildideen waren, für die sie seit Jahren geschätzt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 28.04.2019 | 14:20 Uhr

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