Stand: 19.09.2019 16:22 Uhr

Die Spuren der kolonialen Forschungsstation "Amani"

von Anette Schneider

Die Aufarbeitung des Kolonialismus in den Museen erweist sich als mühsam und zäh. Das in dieser Hinsicht rührige Hamburger MARKK (Museum am Rothenbaum) hat nun eine weitere, formal eher ungewöhnliche Ausstellung zu dem Problem erarbeitet: "Amani. Auf den Spuren einer kolonialen Forschungsstation" entstand mit einem Forschungsprojekt in Amani und will am Beispiel der naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtung in den östlichen Usambar-Bergen Tansanias von der Geschichte und den Erinnerungen an das Institut erzählen.

Bilder aus der Ausstellung "Amani"

Umgeben von Tropenwald sitzen zwei alte Männer in kurzen Hosen auf einer Rasenfläche. Mit Reagenzgläsern fangen sie Mücken, die sich auf ihren Beinen niederlassen. So, wie sie es am selben Ort in den 1960er-Jahren taten, als sie für das tansanische Forschungsinstitut Amani arbeiteten. Der Sozialanthropologe Wenzel Geissler, der die über hundertjährige Geschichte von Amani erforschte, das einige Jahre deutsch war, ab 1919 den Briten gehörte und ab 1960 Tansania, sammelte dafür nicht nur Objekte und Interviews, sondern ließ von einstigen Mitarbeitern auch einige Alltagsszenen nachstellen. Das wirkt befremdlich. "Es ist ein Forschungsansatz von Wenzel Geissler, der ganz stark auf Materialität beruht. Er benutzt sozusagen Objekte und materielle Dinge, um über sie einen Zugang zur Erinnerung und zum Umgang mit Vergangenheit zu bekommen. Er will sozusagen über Gespräche an Geschichten gelangen", sagt Kuratorin Mareike Späth.

Fakten werden auf ein Minimum reduziert

Bild vergrößern
Verlassene Angestelltenhäuser für Gärtner des botanischen Gartens von Amani. Wenzel Geißler machte dieses Foto.

Das versucht nun auch die Ausstellung - und reduziert dafür die historischen Fakten auf ein Minimum: 1888 hatten die Deutschen das Gebiet des späteren Tansania zu ihrer Kolonie erklärt, plünderten es aus, schlugen jeglichen Widerstand brutal nieder, zwangen die Bevölkerung, riesige Plantagen für Kaffee und Sisal anzubauen und zu bewirtschafen - was die Plantagen-Besitzer binnen Kurzem reich machte. 1902 wurde dann die Forschungsstation eingerichtet, die die Landwirtschaft weiter effektivieren sollte.

In einer großen Vitrine liegen einige Alltagsgegenstände aus der eigenen Sammlung, aus anderen kamen Insekten und Pflanzen hinzu. Objekte, die Wissenschaftler aus Amani mit nach Hamburg brachten. Männer, die auch sonst Spuren hinterließen: Nach einigen wurden Straßen benannt und auch Tiere und Pflanzen, so Mareike Späth: "Die lateinischen Bezeichnungen der von ihnen entdeckten Pflanzen und Tiere reflektieren die Namen dieser Männer." Für die Ausstellung forschte die Kuratorin vor Ort nach den ursprünglichen Namen der Objekte, die sie nun zurückerhalten.

Wandel zu einer Forschungseinrichtung gegen Malaria

In den 70er- und 80er-Jahren machte Tansania aus Amani eine der weltweit führenden Einrichtung im Kampf gegen Malaria. Das Forschungsinstitut wurde zum Hoffnungsträger für eine afrikanische Wissenschaft, für afrikanische Zukunft. Anfragen aus aller Welt zeugen davon ebenso wie die Arbeitsuniform, die ein langjähriger Fahrer den Ausstellungsmachern lieh. Nach Sparmaßnahmen verlor Amani seine Bedeutung. 2009 zog das Institut dann in tiefer gelegene Regionen. Seitdem werden die alten Gebäude zwar weiterhin gewartet - doch liegen sie wie in einem Dornröschenschlaf. So verwandelte die russische Fotogafin Evgenia Arbugaeva in ihrer Fotoserie Amani in ein surreales Traumgebilde.

Kolonialzeit gerät in Vergessenheit

Bild vergrößern
"The Green Gold" - "Das grüne Gold" hat Syowia Kyambi ihr Kunstwerk genannt.

Syowia Kyambi, Künstlerin mit namibischen und deutschen Wurzeln, irritierte dagegen, dass sich viele Leute in Amani die Kolonialzeit nicht mehr vorstellen konnten. "Ich glaube, das ist schon gefährlich", sagt sie. "Diese Informationslücke ist eine Form des 'zum Schweigen bringen'. Wenn man diese Zeit nicht selbst erlebt hat und man hat keinen Zugriff darauf, was diese Zeit bedeutet, dann hat man keine Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten und sich selbst zu schützen."

Sie erzählt sie am Beispiel des Sisals die Geschichte kolonialer Ausbeutung: 1893 von Mexiko nach Tansania gekommen, brachte Sisal den Kolonialherren ein Vermögen. In einem Film zeigt Kyambi die, die diesen Reichtum produzieren: Arbeiter in einer Sisalfabrik in Mexiko, ausgeliefert dem Lärm, dem schweren, zermalmten Rohstoff, dem Rhythmus der Maschinen. An die Wand gegenüber hängte sie zwei Eisenringe mit geflochtenen Zöpfen aus Sisal. Kyambi verdichtet damit in ihrer Arbeit, all die durch den Kolonialismus implantierte, bis heute andauernde Abhängigkeit, Brutalität und Ausbeutung, über die man im Rest der Ausstellung kaum etwas erfährt.

Die Spuren der kolonialen Forschungsstation "Amani"

Das MARKK erzählt in der Schau "Amani" anhand von Pflanzen, Insekten und Alltagsgegenständen von der deutschen kolonialen Forschungsstation Amani im heutigen Tansania.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
MARKK
Rothenbaumchaussee 64
20148  Hamburg
Preis:
4,50 - 8,50 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 10 - 18 Uhr
Donnerstag bis 21 Uhr
Montags geschlossen
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.09.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

65:06
NDR Info
53:52
NDR Info