Stand: 02.10.2019 09:37 Uhr

Die Kraft der Amateurfotografie

von Anette Schneider

Heute kann jeder fotografieren, der ein Handy besitzt. Täglich entstehen so weltweit Milliarden neuer Bilder. Doch was wird da fotografiert? Und wie war das früher? Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe widmet sich nun in einer großen Ausstellung der Amateurfotografie "Vom Bauhaus zu Instagram", wobei die frühesten Aufnahmen der umfangreichen Ausstellung bereits aus den 1890er-Jahren stammen. Eine Vorschau.

Frauen fahren Fahrrad, Männer spielen Tennis, ein Paar tollt mit seinem kleinen Hund herum: Hunderte Amateuraufnahmen versammelt die Ausstellung, die Kuratorin Esther Ruelfs in Archiven von Stadtmuseen, Geschichtswerkstätten und Bürgerinitiativen entdeckte, und in denen Alltag, Familie, Freunde und Haustiere ebenso festgehalten werden, wie das politische Geschehen der jeweiligen Zeit. "Der Amateur ist jemand, der aus Leidenschaft fotografiert. Der Knipser nimmt eigentlich nur das auf auf, was ihm vor die Linse gerät, während der Amateur eigentlich schon ein genaues Auge hat und mit Blick auf künstlerische Gestaltung fotografiert", erklärt Ruelfs.

Amateurfotografie im MKG Hamburg - Exponate

Fotgrafie wurde in 1920er-Jahren zum Massenphänomen

Dieses kreative und innovative Potenzial der Amateurfotografie steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Besonders ausgeprägt war es in den 1920er-Jahren, als das Fotografieren zu einem Massenphänomen wurde. Damals experimentierten Amateure ohne Rücksicht auf geltende Regeln, fotografierten Menschen, Häuser, Straßen in extremen Auf- und Untersichten - was nicht ohne Folgen blieb. "Die Amateurfotografie hat den Stil der Bauhausfotografie beeinflusst." Und das schlägt natürlich den Bogen bis heute und mündet wieder in thematischer und formaler Fülle: Natürlich gibt es die Myriaden von Selfies, die von niemandem benötigten Blicke auf Flugzeugessen oder die exzessive Liebe zu Haustieren, wie YouTube-Filme über Klavier spielende Katzen zeigen.

Arbeiterfotografen zeigen Kinderarmut und soziale Ungleichheit

Doch wie ein roter Faden zieht sich auch politische Amateurfotografie durch die Ausstellung: In den 1920er-Jahren fotografierten Arbeiterfotografen für ihre Zeitungen, was die bürgerliche Presse verschwieg: Kinderarmut, Obdachlose, soziale Ungleichheit und gesellschaftlichen Widerstand. Themen, die sich bis heute in Arbeiter-Fotografiezeitschriften finden, die ebenso ausliegen, wie mehrere Fotoalben mit Bildern über die Proteste in Gorleben. "Da wird natürlich das kreative Potenzial ein politisches Potenzial. Das ist eine Linie, die sich auch bis ins Zeitgenössische fortsetzt. Da kommt man natürlich schnell auf den Bürgerjournalisten."

Demonstranten zeigen unzensiert den Arabischen Frühling

Wie die Demonstrierenden während des Arabischen Frühlings etwa, die die Zensur unterliefen, indem sie ihren Widerstand zigtausendfach per Handy in die Welt trugen. So betreibt das Projekt angesichts der täglichen Bilderfluten keinen Kulturpessimismus, sondern betont die demokratischen Möglichkeiten des Bildermachens - ohne dabei blauäugig zu werden. Am Ende der Ausstellung steht man vor einer Computeranimation, die sich mit der "Reinigung" des Internets beschäftigt: mit Menschen aus Billiglohnländern, die im Auftrag von Facebook Bilder löschen - und damit unsere Wahrnehmung von Welt manipulieren.

Die Kraft der Amateurfotografie

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt Amateurfotografie "Vom Bauhaus zu Instagram", die Fotos reichen bis in die 1890er-Jahre zurück. Eine Vorschau auf die Ausstellung.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
20099  Hamburg
Preis:
12,00
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag: 10.00 bis 21.00 Uhr
Kassenschluss jeweils 30 Minuten vor Schließung des Museums
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 02.10.2019 | 16:20 Uhr

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