Von der Einsamkeit in der Kunst

Stand: 26.04.2021 12:00 Uhr

Mehr und mehr Menschen in unserer Gesellschaft klagen über Einsamkeit. Einsamkeit kann aber auch positive Seiten haben, zum Beispiel in der Kunst.

von Janek Wiechers

Es gibt wohl keinen Schriftsteller oder Komponisten, keine Malerin oder Fotografin, der oder die sich nicht mit der Frage der Einsamkeit beschäftigt hätte, sowohl im eigenen Erleben, als auch im Schaffen. "Ich bin mit einer natürlichen  Liebe zur Einsamkeit auf die Welt gekommen," sagt zum Beispiel der Schweizer Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau.

Rousseau etwa fand erst in der Einsamkeit zu seiner wahren Schöpferkraft. Jegliches Abgelenktsein durch andere Menschen verhindere große Kunst, so seine Überzeugung. Allein war Rosseau mit seinem Bedürfnis nicht. Die Kunst und die Einsamkeit, so scheint es, gehören irgendwie schon immer zusammen, so sagt der finnischer Filmregisseur Aki Kaurismäki: "Das einzige, was alle Künstler verbindet, ist ihre Einsamkeit."

Einsamkeit der Höhepunkt des Luxus?

Und ohne die Einsamkeit wäre die Welt vermutlich um manches große Kunstwerk ärmer. Wohin man auch in der Musik, der Literatur oder der Malerei sieht, es finden sich Verweise und Spuren der Einsamkeit. Das Schaffen von Kunst funktioniert für viele Kreative offenbar erst dann, wenn sie einen gewissen Grad an Einsamkeit verspüren.

Karl Lagerfeld meinte einmal: "Für mich ist Einsamkeit der Höhepunkt des Luxus. Ich brauche Zeit für mich, sonst wäre ich nicht das, was ich bin." Besonders in der Schriftstellerei wird ein kreativer Prozess für viele in der Selbstisolation des Schreibzimmers erst möglich. Gilt das Schreiben doch als höchst individueller Prozess, der fast unabdingbar mit der Selbstabschottung verknüpft ist.

Einsamkeit ist für den künstlerischen Prozess notwendig

Die Einsamkeit ist eine der wohl prägendsten und stärksten Empfindungen für viele Künstler. Als wichtige Quelle der Inspiration lässt sie manche erst zur Hochform auflaufen. Vincent van Gogh schrieb einmal: "Es ist manchmal ein gutes Mittel, die notwendige Einsamkeit zu sichern, damit man sich auf etwas konzentrieren kann, was man tiefer erforschen will".

Van Gogh schuf in der selbst gewählten Einsamkeit seines südfranzösischen Ateliers viele seiner Meisterwerke. Auch von Picasso ist bekannt, dass er sich tagelang in sein Studio zurückzog, um wie besessen zu malen. Und noch ein zeitgenössisches Beispiel: Marina Abramovic, die serbische Performancekünstlerin. Sie sucht einmal im Jahr die wochenlange Abgeschiedenheit eines Klosters, um neue Kunst-Projekte zu ersinnen. Die sich im übrigen fast alle mit dem Thema Einsamkeit befassen.

Einsamkeit und Melancholie als Sujet

Die Einsamkeit ist für viele Kunstschaffende nicht nur Voraussetzung für den künstlerischen Akt an sich, sondern auch Gegenstand der Kunst selbst. Denken wir etwa an Edvard Munch. Der norwegische Maler isolierte sich zur Zeit der spanischen Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts monatelang in seinem Haus. Die dort entstandenen Bilder kreisen fast ausschließlich um Angst, Krankheit und Einsamkeit. Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei wiederum, schuf - in diesem Fall in der unfreiwilligen Einsamkeit eines jahrelangen Hausarrests - ebenfalls etliche Kunstwerke.

Besonders im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik war Einsamkeit für eine ganze Generation von Künstlerinnen und Künstlern das bestimmende Thema. Der Maler Caspar David Friedrich etwa zelebrierte Einsamkeit und Melancholie als Sujet seiner Werke.   

Schmaler Grat zwischen Inspiration und Zusammenbruch

Doch die Einsamkeit ist nicht immer derart positiv besetzt in der Kunst. Wie schmal der Grat zwischen Inspiration und Zusammenbruch ist, zeigt einmal mehr das Beispiel Vincent van Goghs. Obwohl sie ungeheuer produktiv wirkte, trieb die selbst-verordnete Isolation den Maler zugleich auch immer tiefer in die Verzweiflung.

Einsamkeit ist auch für Yayoi Kusama Bedingung für die Kunstproduktion, zugleich aber eine große persönliche Gefahr. Die japanische Künstlerin, bekannt vor allem für ihre gepunkteten Bilder und Rauminstallationen, ist ein Superstar, dessen Werke Millionen einbringen. Sie lebt jedoch wegen psychischer Störungen seit Jahrzehnten freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio: "Die Einsamkeit ist fast unerträglich, vor allem wenn ich das Geräusch der Bäume höre, die im Sturm zittern."

Schöpferische Einsamkeit kann zersetzende Kraft entwickeln

Amy Winehouse © picture alliance / ZUMAPRESS.com | UMG
Amy Winehouse zerbrach an der zersetzenden Kraft der Einsamkeit

Die Einsamkeit ist für Kusama Fluch und Segen zugleich. Einerseits braucht sie die Zurückgezogenheit, um befreit von äußeren Einflüssen Kunst zu schaffen und um sich selbst zu ertragen. Andererseits leidet sie immens unter ihrem Alleinsein. Für Kusama wird die Kunst zur Therapie gegen die Einsamkeit. Sie gebe ihr die Kraft die Einsamkeit zu überstehen, sagt die heute 92-Jährige.

Wenn der Schmerz zu groß wird, schlägt schöpferische Einsamkeit nicht selten in eine zersetzende Kraft um. Die begnadete Sängerin Amy Winehouse, hochsensibel und hochtalentiert, zerbrach mit nur 27 Jahren alkohol- und drogenabhängig nicht zuletzt an dem, was sie künstlerisch antrieb: an ihrer Einsamkeit. 

 

Weitere Informationen
Gabriela Torres Ruiz: "Silence" © Hatje Cantz Verlag

Die Aura verlassener Orte

Der Fotografin Gabriela Torres Ruiz ist mit ihrem Bildband "Silence" ein kleines Kunststück gelungen: Sie macht Ruhe und Einsamkeit sichtbar, weckt Assoziationen und Gedanken. mehr

Guerel Sahin: "The Sound of Mountains" © teNeues

Faszinierende Orte der Einsamkeit und Stille

Der Bildband "The Sound of Mountains" zeigt Guerel Sahins bezaubernde Fotografien atemberaubender Bergpanoramen. Seine sich immer wieder dazwischen drängenden Kommentare sind jedoch störend. mehr

Jan Scheffler: "89 Licht" - Cover © Hatje Cantz Verlag Foto: Jan Scheffler

Seelenlandschaften in karger Natur

Jan Schefflers Fotos in dem Bildband "89 Licht" laden ein zu Versenkung, wecken Sehnsucht nach Einsamkeit, lichter Weite, nach Kälte und dem ausfüllenden Gefühl von Freiheit. mehr

Joachim Zelter: "Imperia" © Klöpfer, Narr

Kontrollverlust über das eigene Leben

Joachim Zelter zeichnet in seinem Roman "Imperia" das Bild von zwei Menschen, die sich miteinander im Kreis drehen und sich langsam in ihrer je eigenen Einsamkeit auflösen. mehr

Fabio Geda: "Ein Sonntag mit Elena" (Cover) © Hanser

Fabio Gedas Wohlfühlroman "Ein Sonntag mit Elena"

"Ein Sonntag mit Elena" von Fabio Geda ist eine wunderbare Lektüre, unterhaltsam und ernsthaft zugleich, mit beschwingtem Humor. Ein absolutes Wohlfühlbuch in schwierigen Zeiten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.04.2021 | 09:20 Uhr