Nachbildung der Pieta von Ernst Barlach in Stralsund © NDR.de Foto: Juliane Voigt

Stralsunder Pieta kehrt nach Restaurierung zurück

Stand: 16.04.2021 08:00 Uhr

Nach einer mehrmonatigen Restaurierung ist die Pieta auf ihren Sockel vor der Stralsunder Johanniskirche zurückgekehrt. Der Stralsunder Bildhauer Hans-Peter Jaeger fertigte die Skulptur nach einem Entwurf von Ernst Barlach an.

von Juliane Voigt

Stralsund ließ die Figur 1988 in der entsprechenden Größe anfertigen und in Bronze gießen. Die DDR aber hatte nur minderwertiges Material, erklärt Restaurator Thomas Dempwolf: "Wir haben geprüft, ob wir das schweißen oder löten können. Das war aufgrund dieser Materialstärken nicht möglich. Schlussendlich haben wir das von innen mit bronzegefülltem Klebstoff ausgegossen." Für die Befestigung der großen Bronzeplastik auf dem Sockel muss Dempfwolf erneut in den Gips bohren. Durch das Loch kann er in die hohle Figur hineinsehen: "Die Materialstärke geht selbst in Flächen gegen Null. Der hat der Gießer sein Bestes gegeben, um aus so wenig Material was zu machen."

 Barlachs Entwurf war seine Sicht auf den Krieg

Nachbildung der Pieta von Ernst Barlach in Stralsund © NDR.de Foto: Juliane Voigt
Geschafft: Nach mehrmonatiger Restaurierung ist die Pieta auf ihren Sockel vor dem Johanniskloster zurückgekehrt.

Angefertigt hat diese Figur 1988 der Stralsunder Bildhauer Hans-Peter Jaeger. Nach einer Skizze von Ernst Barlach für die Kriegstoten des Ersten Weltkriegs. Barlachs Entwurf war eine Frau mit einem toten Soldaten quer liegend auf ihrem Schoß - die trauernde Mutter, eine klassische Pieta. Der Stralsunder Kunsthistoriker Burkhard Kunkel erklärt: "Die Pieta ist ein kunstgeschichtlicher Topos. Es gab in der christlichen Überlieferung die Geschichte nicht, dass Maria ihren toten Sohn auf dem Schoß hält. Sie ist also nicht biblisch belegt."

Für Ernst Barlach war Krieg der Anblick von Müttern, die ihre Söhne in den Krieg schicken und sie tot zurückbekommen. Wahrscheinlich war ihm die Aussichtslosigkeit seines Denkmal-Entwurfs von vornherein klar, da in Stralsund bereits damals die Begeisterung für den Nationalsozialismus deutlich zu spüren war. Schließlich gewann eine Figurengruppe von Georg Kolbe den Wettbewerb, für den auch Barlach seine Figur entworfen hatte. Kolbes Figurengruppe zeigt einen Vater als wackeren Kriegshelden des Ersten Weltkriegs, der seinem Sohn das Schwert übergibt. Das Denkmal ist in Stralsund noch heute zu sehen.

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Figur spiegelt ein Jahrhundert Geschichte

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Wieder auf ihrem Platz: Die Figur nach einem Entwurf von Ernst Barlach

1988 aber realisierte die Stadt endlich Barlachs Denkmal zu dessen 50. Todestag - mit dem Bildhauer Hans-Peter Jaeger: "Barlach hatte geplant, das Denkmal im Johanniskloster an die Stelle zu stellen. Er hat auch eine Zeichnung dazu gemacht, die es noch gibt. Das Johanniskloster hatte damals ja noch den Umgang innerhalb der Mauern, der jetzt umgefallen ist. Ich war der Meinung, dass man der Mutter ins Gesicht gucken müsste, wenn man davor steht. Und so sind wir auf die Größe gekommen, die es heute hat."

Da steht sie nun wieder. Fast ein Jahrhundert spiegelt ihre Geschichte. Zwei Kriege und Diktaturen und die Kriegsherde unserer Zeit. anklagend, vorwurfsvoll, trotz dünner Bronzelegierung. Für Hans Peter Jaeger kommt auch ein Teil seines Lebens an seinen Platz zurück. Zurückhaltend legt er seine Hand auf die Figur: "Sie ist von Barlach, nicht von mir. Sie bleibt auch von Barlach. Ich hab's machen dürfen."

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