Stand: 16.07.2020 16:51 Uhr  - NDR Kultur

Scope Hannover zeigt Gegenwartsfotografie online

Wie sprechen Bilder zu uns, welche Wirklichkeit vermitteln sie und wie stark sind sie daran beteiligt, sie zu erschaffen? Diese Fragen hat sich die Ausstellung "The Things I Tell You Will Not Be Wrong - Scope Hannover 2020/21" in Hannover vorgenommen. Die Biennale für Fotografie und Medienkunst, so der Untertitel, präsentiert acht künstlerische Positionen gegenwärtiger Fotografie aus verschiedenen Ländern jeweils sechs Wochen auf einer Plattform im Internet, im nächsten Jahr mit einer Gemeinschaftsausstellung in Hannover.

Ein Foto eines männlichen Oberkörpers. Der Kopf ist nicht zu sehen, von hinten ergreifen links und rechts Hände den Torso, rot lackierte Fingernägel verdecken beide Brustwarzen. "Play Station" steht im Titel des Fotos von Pixy Liao.

Seit 2007 hinterfragt die in New York lebende Künstlerin mit ihren Bildern traditionelle Rollenmuster, setzt immer wieder sich und ihren Freund gemeinsam ins Bild, sagt Theresia Stipp vom Kuratoren-Team der Biennale für Fotografie und Medienkunst Scope: "Durch die extreme Nahaufnahme eines nackten Oberkörpers und der Hände auf ihm, enthält das Bild Intimität. Es thematisiert Sex, aber eben nicht in einer pornographischen Art und Weise, sondern mit der Frage: Wer spielt hier mit wem? Da ist durchaus auch etwas Liebevolles dabei."

Pixy Liaos Fotos beeindrucken durch eine klare Bildsprache und irritierende Inhalte. "Choose Your Own Adventure", wähl dein eigenes Abenteuer, so lautet der Titel ihrer Fotoarbeit. Auf der Internetseite von Scope 2020 stehen jeweils drei Sätze unter ihren Bildern. Je nachdem, welchen man anklickt, öffnet sich eine Reihe weiterer Bilder. Das ergibt sowohl die Geschichte der Fotografin wie die des Betrachters, wie im Titel der Ausstellungsreihe "The Things I Tell You Will Not Be Wrong" angedeutet, sagt Ricus Aschemann vom Kuratoren-Team: "Es geht um Wahrheiten und natürlich um Bilder, die Geschichten erzählen, die nicht unbedingt wahr sein müssen oder auch eine eigene Wahrheit haben. Wir machen genau das zum Thema und sagen: Das ist unsere Wahrheit, die wir erzählen. Und wir gleichen das mit den Wahrheiten, die die Künstler erzählen, ab. Wir machen das also ganz bewusst zum Thema."

Ausstellung wird bis Sommer 2021 durch weitere Arbeiten ergänzt

Acht Positionen werden bis zum Sommer kommenden Jahres nach und nach im Internet präsentiert. Darunter sind computeranimierte Bilder, die der 1985 in Hamburg geborene Timo Hinze entwickeln wird, aber auch eine neue Videoarbeit des Künstlers Daniel Poller, der fotografisches Archivmaterial verfremdet wie in seiner Arbeit "Der Große Gewinn" über das Braunschweiger Stadtschloss. Sabrina Labis' Kunst hingegen lebt von der Performance.

Im Video "360º Nails" demonstriert die Künstlerin, geboren 1990 in der Schweiz, mit einer Kollegin, wie sich der Blick auf die Welt durch eine ungewöhnliche Kameraposition verändern lässt. Als körperliches Stativ dient dabei ein angeklebter Fingernagel. Oben ein Loch reinbohren, Kamera mit 360º-Drehachse mit einer Schraube anbringen, filmen, fertig. Ein How-To-Do-Video der etwas anderen Art, das den Blick auf die Welt verändert, sagt Theresia Stipp über die Arbeit von Sabrina Labis.: "Ganz am Anfang, als wir darüber nachgedacht haben, ob wir auch eine digitale Version von Scope entwickeln würden, ist sie uns begegnet und wir haben sie ganz bewusst eingeladen, weil sie  schon Youtube als Ort der Kunstproduktion verwendet. Sie ist mittendrin. Innerhalb des '360º Nails Project' parodiert sie verschiedene 'How-to-Videos', reflektiert und verwandelt sie schließlich künstlerisch."

Die Coronazeit ist Fluch und Segen gleichermaßen, sagt Ricus Aschemann. Viele Künstler können ihre Kunst nicht zeigen, doch im Internet entstehen zugleich neue Formate. Wie sich digitaler und analoger Kunstraum zueinander verhalten und wie sich dieses Verhältnis entwickelt, das soll im Sommer nächsten Jahres beleuchtet werden: mit einer physischen Gruppenausstellung und einer Podiumsdiskussion in Hannover.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.07.2020 | 19:00 Uhr

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