Stand: 26.12.2018 06:00 Uhr

Rückblick: Das Kunstjahr 2018

von Anette Schneider
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Mitarbeiter von Sotheby's präsentieren "Girl With Balloon", geschreddert.

Das Kunstjahr 2018 hatte es in sich: Wie immer gingen auch in diesem Jahr viele Museen auf Nummer sicher und lockten Besucher mit großen Namen, um wegen zu geringer Etats nicht in rote Zahlen zu rutschen. Andere boten Neues, Unbequemes. Auf dem Kunstmarkt ging es weiterhin um Millionen-Preise, was den Street-Art-Künstler Banksy dazu brachte, sein bei Sotheby’s versteigertes Bild "Girl with Balloon" durch einen Mechanismus im Rahmen vor aller Augen zu schreddern. Und dann kam Ende des Jahres ein kulturpolitisches Signal aus Frankreich, das auch hier in Zukunft nicht ignoriert werden kann.

Diskussion über koloniale Raubkunst

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Barbara Plankensteiner, neue Direktorin des Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt (MARKK), setzt das Thema koloniale Raubkunst auf die Agenda.

Eine von Staatspräsident Macron in Auftrag gegebene Studie empfiehlt Frankreichs Politikern und Museen die Rückgabe sämtlichen kolonialen Raubguts. Der Präsident erklärte die Angelegenheit zur Chefsache. Bei uns hingegen schweigen die Politiker zu dem Thema. Die Museen geben sich ohnmächtig. Ein kleiner Lichtblick kommt aus Hamburg: Im Sommer wurde dort das "Völkerkundemuseum" in "Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt (MARKK)" umbenannt, und die neue Direktorin Barbara Plankensteiner stellte klar: Ein Aussitzen des Problems darf es nicht geben. Sie forderte die Einrichtung einer unabhängigen Kommission, in der auch Experten aus Afrika sitzen. Auf der Basis von von ihr beauftragten Recherchen soll diese Kommission dann Entscheidungen über die Rückgabe kolonialen Raubguts treffen.

Wie jedes Jahr gab es wieder viele Ausstellungen, die auf Nummer sicher gingen: Wien lockte mit Klimt und Claude Monet, München mit der Renaissance, Lübeck mit Emil Nolde. Mehr Mut bewies man in Rostock, wo mit bewundernswerter Regelmäßigkeit das künstlerische Erbe der DDR vorgestellt wird, so wie aktuell der Bildhauer Fritz Cremer.

Kuratorinnen stellen engagierte Künstlerinnen vor

Was außerdem auffällt: Viele Kuratorinnen stellten unbekanntere, engagierte Künstlerinnen vor: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigte indische Künstlerinnen, deren Arbeiten auf unterschiedliche Weise Grenzen überschritten - seien es religiöse, persönliche, historische, territoriale oder Geschlechtergrenzen. Kuratorin Uta Ruhkamp: "Die Künstlerinnen beschäftigten sich mit diesen Grenzen und ihrer Legitimität, aber auch mit deren Auflösung. Da ist auf jeden Fall viel Wille zur Veränderung."

Die Kunsthalle Kiel präsentierte die frech-verträumten Videoarbeiten von Pipilotti Rist. Das Sprengel Museum Hannover stellt erstmals in Deutschland die feministische Künstlerin Florentine Pakosta vor. Und die Kunsthalle Bremen widmete sich in einer erfrischend unkonventionellen Ausstellung der Frage "What is Love?", wobei die Kuratorin Jasmin Mickein verdeutlichte, wie sehr unsere Vorstellungen von "Liebe" noch immer beeinflusst werden von den mythischen Paaren Adam und Eva sowie Amor und Psyche: "Diese beiden Paare beeinflussen unsere Gesellschaft insofern, als dass wir glauben, wir müssen einen Partner suchen und finden. Daraus resultiert, dass wir Singles bemitleiden und immer überlegen, wie wir sie verkuppeln können."

Kampf mit knappen Etats

Seit Jahren kämpfen Museen mit zu knappen Etats. In diesem Herbst konnte man am Von der Heydt-Museum in Wuppertal drastisch die Folgen dieser Politik erleben: Drei Jahre lang hatte der Direktor Gerhard Finkh dort eine Ausstellung über die Epoche der Aufklärung erarbeitet. Dann wurde sie kurzfristig abgesagt.

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Kunsthistorikerin Sabine Schulze hat das Museum für Kunst und Gewerbe als Direktoin verlassen.

In Hamburg wiederum ging eine Ära zu Ende: Elf Jahre lang leitete Sabine Schulze das Museum für Kunst und Gewerbe und machte es mit kritischen Ausstellungen über Plastikmüll, Mode oder Nahrungsmittel bundesweit bekannt. Jetzt ging sie in Rente. Ihre letzte Ausstellung über "1968" endet ganz bewusst mit einem Film über aktuelle Protestbewegungen, denn es gibt, so Schulze, "überall auf der Welt gibt genügend, wogegen zu protestieren ist."

Applaus für Vorurteile

Jüngster Anlass im Kunstbereich: der Museumsmann Kaspar König. Auf einer Diskussionsveranstaltung in den Münchner Kammerspielen erklärte er, eine von ihm eingeladenen Künstlerin würde nur wegen ihres exotischen Namens Kunstpreise erhalten, und ließ seinen Vorurteilen gegen Türken freien Lauf. Das Publikum applaudierte. Sichtbar wurde alltäglicher Rassismus als Teil unserer gesellschaftlichen Ordnung.

Dieser gesellschaftlichen Gewalt spürt die peruanische Künstlerin Teresa Burga nach: In der Kestnergesellschaft in Hannover zerlegt sie gerade herrschende Ordnungssysteme - und fügt die Einzelteile neu zusammen, etwa zu einer Klanginstallation. Direktorin Christina Végh: "Wenn man etwas Neues in einer Gesellschaft will, beobachtet man erst einmal: Wie ist sie strukturiert, wie geordnet? Und um etwas zu verändern, muss man die Ordnungen ändern!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 27.12.2018 | 15:20 Uhr

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